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Katholiken Leuchtturm im Ozean

aus DER SPIEGEL 4/1995

Nein, die Amtsenthebung des Bischofs von Evreux ist keine innerfranzösische Angelegenheit. Die Affäre um Bischof Jacques Gaillot legt vielmehr erneut die Strukturkrise des hierarchischen Systems der römischen Kirche bloß; sie zeigt, daß der vatikanische Zentralismus an Macht und Unterwerfung weit mehr interessiert ist als an Menschlichkeit und Menschenrecht.

»Im heutigen Katholizismus«, sagte Romain Rolland in seinem Entwicklungsroman »Jean-Christophe«, »lebt eine mörderische Beharrungskraft. Viel eher würde er seinen Feinden vergeben als denen, die ihn aufwecken und ihm das Leben wiedergeben wollen.«

Diese Worte, geschrieben am Anfang des Jahrhunderts, haben sich am Ende dieses Jahrhunderts auf das bitterste als immer noch wahr erwiesen.

Jetzt hört man, Jean-Marie Kardinal Lustiger, der Bischof von Paris, habe in Manila sein Bedauern über die Amtsenthebung seines »Amtsbruders« beteuert. Doch solche Lippenbekenntnisse sind nichts als der übliche Versuch, die Protestwoge der Gläubigen am innerkirchlichen Deichsystem aufzufangen und Hoffnungen zu nähren, wo es sie, Generation um Generation, nicht gibt, nicht geben darf. Wie oft hat man Bischof Gaillot im Schatten der vatikanischen Zensur im Abseits stehenlassen, nur weil er den Mut besaß, weniger der »Loyalitätspflicht im Amt« als den Fragen der Menschen zu folgen.

Das frühe Trauma dieses Mannes war der Freiheitskampf der Algerier gegen die französische Kolonialherrschaft. Gab es damals ein klares Veto der katholischen Kirche gegen die Staatsverbrechen der Grande Nation?

Was war mit der Zustimmung der französischen Bischofskonferenz zur Atomrüstung? Tausendmal Hiroschima als Christenpflicht?

Was war mit Amerikas Krieg gegen den Irak, der durch Verhandlungen vermeidbar gewesen wäre, wie damals sogar der Papst, doch nicht die französischen oder deutschen Bischöfe meinten? Gaillot lebt seit 1991 in seiner kleinen Wohnung in Evreux demonstrativ mit Irakern zusammen.

Was war, als 1992 der »Weltkatechismus« zum unseligsten Male die Todesstrafe als legitim hinstellte? »Der Vatikan«, schrieb Gaillot postwendend in Le Monde, »fällt damit den Menschenrechtsbewegungen in den Rücken.« Doch eben: Er schrieb es allein.

Weiter: Darf man Atomkraftgegner kriminalisieren? Darf man, wie die römische Moral es fordert, Homosexuellen verbieten, glücklich zusammenzuleben? Darf man im Kampf gegen Aids Kondome verteufeln? Erfüllt es nicht den Tatbestand fahrlässiger Tötung, wenn der Papst in Uganda, wo jeder zehnte HIV-infiziert ist, der Regierung ins Gewissen redet, nur ja keine künstliche Empfängnisverhütung zu dulden?

Und was erst angesichts eines Bevölkerungswachstums, das einer sozialen und ökologischen Apokalypse gleichkommt? Darf da kein »antivatikanischer« Widerspruch sein unter denkfähigen, redlichen »Amtsinhabern« der römischen Kirche?

Was ist mit dem Status wiederverheirateter Geschiedener? Was mit dem Status der Algerier in Frankreich heute, nach all der Zeit des Unrechts der Kolonialherrschaft? Die französische Kirche zeigt bis heute so wenig Mut, der Regierung in dieser Frage entgegenzutreten, wie der deutsche Katholizismus gegenüber der Politik Kanthers und Kohls.

Es stimmt überhaupt nicht, wenn die FAZ schreibt, Gaillot sei seit einigen Jahren »durch ungewöhnliche Äußerungen« aufgefallen, und diesen Vorwurf mit den Themen »Abtreibung, Homosexualität, Aids-Vorsorge und Zölibat« begründet. Man muß sich vielmehr fragen, dank welcher Sehschlitze im Helm die römische (die gerade nicht »katholische") Optik es immer wieder fertigbekommt, die eigentlichen Themenstellungen eines langjährigen, konsequenten, menschlichen Engagements mit entwaffnender Dämlichkeit auf die Pathologie ihrer Sexualmanie und Sexualphobie zurückzuführen.

Worum es wirklich geht, ist etwas ganz anderes. Bischof Gaillot versteht sich selbst (und von daher sein »Amt") als Dienst an den Menschen. »Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts«, lautet eine seiner sprichwörtlichen Formulierungen. Jedoch: In dieser Weise von unten her zu denken ist unvereinbar mit dem seit dem 11. Jahrhundert in der römischen Kirche dogmatisch verordneten Denken von oben.

Auch das vielgelobte Zweite Vatikanische Konzil wollte und konnte dem Grundsatz nicht widersprechen, wonach der Bischof von Rom als »pater patrum«, als Papst eben, von Amts wegen »unfehlbar« ist und, in Einheit mit ihm, auch die Bischöfe an dem unfehlbaren »Lehramt« der römischen Kirche »teilhaben«. Deren Hierarchen, so will es das römische Autostereotyp, haben die Pflicht, die ganze Wahrheit Christi, wie der Papst sie diktiert und garantiert, dem »Volk der Gläubigen« vorzulegen. Ein Bischof ist da nur ein Bischof, solange er mit dem Papst übereinstimmt, so wie ein Priester dieser Kirche nur ein Priester ist aufgrund der »Sendung« durch seinen Bischof.

Solange der Papst sich ernsthaft als der Stellvertreter Christi auf Erden ausgibt und die Bischöfe sich als Nachfolger der Apostel von Amts wegen betrachten, muß jede Hoffnung auf eine Reform des Zentralismus der römischen Kirche eine Illusion bleiben.

Das Problem liegt keinesfalls (nur) in der Person des (extrem konservativen) Papstes Karol Wojtyla. »Der Papst mag das gemeinsame Oberhaupt aller Christen sein, wenn er sagt, daß er von Menschen gesetzt ist«, schrieb Martin Luther 1537 in den Schmalkaldischen Artikeln, »so er aber sagt, er sei von Gott gesetzt, steht er Christus entgegen (,ist er der Antichrist').«

»Von Menschen gesetzt« - das heißt: eine funktionale Verwaltungsgröße, demokratisch wählbar, demokratisch absetzbar, unterstellt dem Evangelium und dem »Volk« der Gläubigen.

»Von Gott gesetzt« - das heißt: die Auflösung der christlichen Existenz in eine absolutistische Priesterherrschaft; das heißt im Jahre 2000 nach Christus der Status des ägyptischen Pharao um 2000 vor Christus; das heißt, daß alles umsonst war, was Jesus wollte, als er seinen Jüngern auftrug: »Laßt ihr euch nicht ,Vater' nennen. Ein einziger sei euer ,Vater' - der im Himmel ist!« (Matthäus 23,9).

Diese Worte bedeuteten das Ende des religiös abgesegneten Patriarchalismus. Das war der Anfang der Unmittelbarkeit des Menschen vor Gott. Das römische Papsttum in seiner gegenwärtigen Gestalt kann sich allenfalls auf den Kaiserkult der Antike, keinesfalls aber auf die Botschaft Jesu berufen.

Inzwischen steht der römischen »Kirche« nicht mehr nur das »Gottesrecht«, sondern das »einfache« Menschenrecht entgegen. Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Gewissensfreiheit - all das ist nichtig in den Dogmen des absolutistischen Kirchenstaats.

Ein Beispiel: Am 12. April 1994 traf sich Jacques Gaillot als mein Freund, als mein »Mitbruder« (diese Phrase des klerikalen Sprachgebrauchs kann, selten genug, hier einmal die Wahrheit bezeichnen) anläßlich eines Vortrags in Straßburg mit mir zu einer Sendung im Arte-Kanal. Der Titel: »Probleme der Kirche«. Das Übliche: Ein verheirateter Priester schilderte seinen Lebensweg, eine Gruppe homosexueller Priester, mit Masken vor dem Gesicht, deklamierte: »Wir sind die Kirche . . .«

Es genügte, daß der Bischof von Evreux nicht lauthals widersprach, es genügte, daß er mit mir, einem von der Kirche mit Lehrverbot und Amtsenthebung bestraften Theologen, sprach. Der Bischof von Straßburg erteilte Gaillot Redeverbot für das ganze Elsaß. Und Bischof Joseph Duval von Rouen sprach auf vatikanischen Druck im Namen der französischen Bischofskonferenz einen öffentlichen Tadel aus.

Es ist die feste Überzeugung des Bischofs von Evreux, daß eine Kirche, die Menschen ausgrenzt, aufhört, die Kirche Christi zu sein. Denn der hatte vor allen die Verstoßenen und Chancenlosen eingeladen, sich mit ihm unter den Augen Gottes an einen Tisch zu setzen. Doch es ist immer wieder dasselbe: Wer versucht, im römischen Katholizismus trotz Kirchenamt auch nur ein wenig von dem zu tun, was Jesus tat, gilt eine Zeitlang als Hoffnungsträger, als Grund wohl auch, in dieser Kirche noch immer zu bleiben; dann aber wird er selber zum »Ausgesetzten«.

Morgen schon wird es Pflicht jedes »katholischen« Bischofs auf Erden sein, sich von Gaillot zu trennen. Nicht von allem, versteht sich, manches war ja vielleicht ganz anregend. Aber seine Person . . . Und jeder Priester dieser »katholischen Kirche« wird gefragt werden, ob er seinem Bischof gehorsam ist, der, zumindest nach außen, bekunden muß, daß er es, in der Wahl zwischen Amtsgehorsam und Amtsverlust, doch lieber mit dem Henker als mit dem Opfer hält.

»Hoffnung« auf diese »Kirche«?

Aber worauf denn? Auf den weiteren Durchmarsch des Opus Dei in den Medien, in der Finanzwelt, in der Politik? Auf die Machenschaften der rechtskonservativen »Ritter vom Heiligen Grabe« vom Schlage der Bischöfe Dyba aus Fulda oder Degenhardt aus Paderborn?

Weltjugendfestspiele wie gerade beim Papstbesuch in Manila und gleichzeitig Säuberungsaktion im Inneren - das gab es in Deutschland zum letzten Mal vor dem Fall der Berliner Mauer. Doch der römische Kirchenstaat kann nur so weitermachen - mit Mauern im Kopf und mit Brettern vor dem Kopf. Diese Kirche, die den Menschen Hoffnung und Trost bieten sollte, lehrt nicht, an Wahrhaftigkeit, Menschlichkeit und persönliche Größe zu glauben, sondern an Titel, Ämter und Kostüme.

An denen hängt der Bischof von Evreux, Gott sei Dank, nicht. Ich glaube, mein Freund Jacques Gaillot wäre sehr einverstanden, wenn ich sage: »Wo wir heute stehen, zeigt schon der Umstand, daß sich die Kirche ständig selbst zum Thema macht. Wer fragt schon: Was brauchen die Menschen? Was wollte Jesus von uns? Alle fragen: Was aber sagt denn die Kirche? Die beste Kirche sollte sein wie ein Leuchtturm, der den Schiffen den Weg weist in die Weite des Ozeans. Dort steuern sie nachts nach den Sternen und nach dem Magnetfeld, das ihnen die Kompaßnadel anzeigt. Ein Leuchtturm, der sich selbst zum Ziel macht, verführt die Schiffe dazu, in Küstennähe herumzudümpeln oder am Strand zu zerschellen.«

Ich füge hinzu: Eine solche Kirche sollten wir an Backbord liegenlassen. Irgendwann muß ein jeder sich entscheiden, und man kann nicht sein Leben damit verbringen, auf die Erlaubnis zum Leben von seiten einer Kirche zu warten, die seit Jahrhunderten nur noch den Friedhof ihrer eigenen musealen Vergangenheit verwaltet. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Bischof Jacques Gaillot *

verlor Mitte Januar auf Anordnung von Johannes Paul II. seine Diözese Evreux westlich von Paris. Gaillot, 59, hatte den Zorn des Papstes erregt, weil er sich für Pille und Präservativ einsetzte. Noch bleibt der Rebell im Schoß der Kirche - als neuer Titularbischof des Bistums Partenia in Mauretanien, das seit Jahrhunderten nicht mehr existiert. Der Theologe und Papstkritiker Drewermann ist mit ihm befreundet.

Eugen Drewermann
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