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JUGENDWEIHE Licht an, Licht aus

aus DER SPIEGEL 19/1961

Es ist wirklich erstaunlich, was es in der Bundesrepublik alles gibt«, wunderte sich unlängst der »Rheinische Merkur«, als er in seinem Bemühen, der auf Bürgerstimmenfang ausgehenden SPD Fußangeln zu legen, »eine Parallele zur ,Jugendweihe' der Pseudoreligion des Dialektischen Materialismus in der Sowjetzone« gefunden hatte.

Diese diskriminierende Parallele glaubte das katholische Blatt in der traditionell roten Hafenstadt Hamburg entdeckt zu haben, wo zu Ostern den rund 10 000 Konfirmanden der Hamburgischen Landeskirche immerhin 1350 Jugendliche gegenüberstanden, die der Jugendweihe den Vorzug gegeben hatten.

Die Zeitung - sich »eines überflüssigen Kommentars« enthaltend - druckte einen Bericht der »Katholischen Nachrichten-Agentur« (KNA) ab, wonach »700 Jugendliche und mehr als 5000 Erwachsene... im Auditorium maximum der Universität Hamburg an einer atheistischen Jugendweihe« teilgenommen hätten.

Mehr noch als die Zahlen erregte der Umstand Aufmerksamkeit, daß es der »Arbeitsgemeinschaft Jugendweihe« erstmals gelungen war, sich - mit Billigung des Rektors der hamburgischen Universität, des Theologie-Professors D. Dr. Helmut Thielicke - das Auditorium maximum für ihre Veranstaltung zu sichern.

Der im neuen Universitätsviertel gelegene repräsentative Saal erlaubte den Weihe-Organisatoren, zwei Feiern so eindrucksvoll zu zelebrieren, daß die Zuschauer zum Abschluß spontan applaudierten. Arbeitsgemeinschafts-Vorsitzender Fritz Wartenberg: »Das haben wir noch nicht gehabt.«

Tatsächlich kann die Arbeitsgemeinschaft, zu der sich die Hamburger freireligiösen Verbände und Gemeinden zusammengeschlossen haben, das Vordringen in den größten und modernsten Saalbau der Hansestadt als vollen Erfolg ihrer Publizitäts-Bemühungen verbuchen.

Entsetzte sich die Katholische Nachrichten-Agentur über die Vorgänge im Riesenhörsaal: »Den Jugendlichen ... wurde am Ausgang durch Beauftragte von drei freireligiösen Organisationen eine Schrift überreicht, in der ,die auf Demut und Schlaffheit basierende Hoffnung auf ein ewiges Glück jenseits dieser Erde' abgelehnt und die christliche Religion als 'der Hauptfeind des moralischen Fortschritts der Welt' gebrandmarkt wird.«

Noch schmerzlicher klingen solche Nachrichten der SPD in den Ohren, wird doch die schon frühzeitig von sozialdemokratischen Freidenkern geförderte Arbeitsgemeinschaft Jugendweihe gemeinhin als eine Art Unterorganisation der Sozialisten angesehen. Die nach bürgerlich-biederem Anstrich strebende SPD ist deshalb bemüht, sich offiziell von den Weihe-Organisatoren zu distanzieren.

SPD-Landesvorsitzender Karl Vittinghoff: »Wir haben mit den Leuten nichts zu tun. Sie werden mit keiner Mark von uns unterstützt.«

Unterderhand wird die Jugendweihe -Bewegung freilich von den Parteigenossen eifrig gefördert. Wartenberg: »Es ist beinahe charakteristisch, daß die Mehrzahl der Teilnehmer und Förderer zur SPD gehören.« Beispielsweise wurden die Söhne Jan und Knut sowie die Tochter Anke des Hamburger Ersten Bürgermeisters Dr. Paul Nevermann freidenkerisch geweiht.

Als die Arbeitsgemeinschaft nach Unterkünften für ihre sechsmonatigen Vorbereitungskurse suchte, erlaubte die Schulbehörde die Benutzung von Klassenräumen und duldete an den Schwarzen Brettern der Schulen Aushänge, die auf die Jugendweihe hinwiesen.

Die Hamburger SPD-Funktionäre gestatteten überdies, daß die Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft Jugendweihe zusammen mit dem Stab des SPD -Landesverbands aus den alten Büroräumen an der Großen Theaterstraße in die neue Parteizentrale, das »Kurt-Schumacher-Haus« am Besenbinderhof, umzog.

Auch die Führung der Weihe-Aktivisten liegt seit Kriegsende in Händen bewährter Sozialdemokraten. So wurde Max Zelck, Alt-Genosse und Autor jenes von KNA beanstandeten Vorworts zu dem Gedenkbuch ("Über den Sinn unserer Jugendweihe"), das jedem Weihling nach durchstandener Feier überreicht wird, 1946 zum Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Jugendweihe gewählt. Außerdem war Zelck leitender Beamter der Hamburger Jugendbehörde unter der SPD-Jugendsenatorin Paula Karpinski.

1948 stieß das langjährige SPD-Mitglied Fritz Wartenberg als Organisationsleiter zur Arbeitsgemeinschaft und begann alsbald, die Weihe-Feiern zu reorganisieren. Wartenberg: »Vorher machten sie das mit Volkstänzen und Licht an und Licht aus, als wenn wir beim Theater wären.«

Der versierte Organisator ("Ich bin schon oft herangeholt worden, um Gemeinschaftsfeiern zu gestalten") ersann einen Ritus mit Wechselgesängen, Musikeinlagen und Weihesprüchen, der dem Bedürfnis nach würdiger Feierlichkeit mehr entsprach. Erfolg: Die Zahl der Jugendweihe-Teilnehmer stieg von 800 im Jahre 1947 auf 3020 im Jahre 1953, lag 1957 noch bei 2800 und ging erst zurück, als geburtenschwächere Jahrgange ins Konfirmationsalter kamen,

1959 empfing Organisator Wartenberg, der sich seine Sporen in der Arbeiterjugend verdiente und der nach der Konfirmation aus der Kirche austrat, als »die Frage nach der Religionszugehörigkeit an meine Lohntüte gestellt wurde«, seiner Mühen Lohn: Er löste Zelck ab und wurde Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft.

Rückblickend kann das geschäftige SPD-Mitglied Wartenberg heute feststellen, daß seit 1946 in der Hansestadt rund 30 000 Jungen und Mädchen jugendgeweiht wurden - ein Ergebnis, das alle gleichgearteten Bemühungen in der Bundesrepublik weit in den Schatten stellt: In anderen westdeutschen Großstädten konnten höchstens 500 Jugendliche pro Jahr für die Jugendweihe gewonnen werden.

Sozialdemokrat Wartenberg

Ein Gegenstück...

... zu DDR-Riten: Jugendweihe im Hamburger Auditorium maximum

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