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SCHNAPS-FÄHREN Licht aus

aus DER SPIEGEL 49/1964

Der Abgeordnete Alfred Bögh, Sprecher der oppositionellen liberalen »Venstre«-Partei im dänischen Parlament, sah dem königlich-sozialdemokratischen Finanzminister Poul Hansen scharf in die Augen und zürnte: »Der Finanzminister fährt mit zuwenig Licht auf einem dunklen Weg.«

Der Groll der Opposition richtete sich gegen ein Steuerprogramm, mit dem Hansen unter anderem einer Branche das Lebenslicht ausblasen will, die vom Durst der Dänen lebt:

Vom 1. Januar 1965 an dürfen dänische Staatsbürger von Tagesausflügen auf den sogenannten Schnapsfähren, die zwischen dänischen Häfen und Flensburg, Kappeln, Eckernförde, Kiel sowie Travemünde pendeln, keine zollfreien Spirituosen und größere Mengen Zigaretten mehr mitbringen. Je Fährgast war bislang der abgabenfreie Import von einer Flasche Schnaps, einer Flasche Wein oder Sekt und 200 Zigaretten gestattet.

Diese billige Tour wählten die Dänen, die im eigenen Lande steuerlich hoch belastete Schnaps- und Tabakwaren teuer bezahlen müssen, nur zu gern:

- Binnen acht Monaten stieg die Zahl der überwiegend von skandinavischen Reedern betriebenen Fährverbindungen von zwei auf jetzt 17.

- Allein im Juli wurden auf den Schiffen 63 Millionen Zigaretten, 255 000 Flaschen Schnaps sowie 103 000 Flaschen Wein und Sekt verkauft, die zum großen Teil aus den Lagern deutscher Großhändler stammten.

- Durch die erlaubten Kleinimporte entgingen der dänischen Staatskasse in diesem Jahr Zollabgaben im Gesamtwert von mehr als 100 Millionen Kronen (rund 60 Millionen Mark). Selbst Dänen, die sich aus Zeitmangel keine Schnapstouren leisten konnten, profitierten von der Zollvergünstigung: Sie heuerten mitunter für zehn Kronen einen Rentner an, kauften ihm für 20 Kronen eine Schnapsfähren-Rückfahrkarte und verdienten je Rentner-Einsatz mindestens 54 Kronen (31 Mark). Denn für die Flasche Kognak, den Sekt und die 200 Zigaretten, die ihm der Rentner unterwegs auf hoher See für insgesamt 63 Kronen zollfrei einkaufte, hätte der Auftraggeber an Land mindestens 147 Kronen ausgeben müssen.

Weil die Einkaufsreisen nach Meinung des dänischen Finanzministers »einen derartigen Umfang angenommen haben, daß man jetzt eingreifen« müsse, sollen künftig für den Grenzverkehr über See die gleichen Zollbestimmungen wie für den Grenzverkehr zu Lande gelten: Nur wer mindestens 72 Stunden lang im Ausland war, darf bei seiner Rückkehr eine Flasche Schnaps, eine Flasche Wein und 200 Zigaretten zollfrei importieren. Alle Kurz-Ausflügler müssen sich mit einer Schachtel Zigaretten begnügen.

Da wegen eines Tagesgewinns von ein paar Dutzend Kronen auch ein noch so durstiger Däne kaum zweimal im Ausland nächtigen wird, bedeutet diese Regelung für die Schnaps-Schiffer ein vorläufiges Ende ihres Geschäfts - und für die Schmuggler neuen Auftrieb.

Schnapsverkauf auf See

Auftrieb für Schmuggler

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