Zur Ausgabe
Artikel 46 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

INDUSTRIE / BRÜNNER MESSE Licht aus

aus DER SPIEGEL 39/1968

Tschechen und Slowaken sahen Wolfsburgs neuestes Modell, den VW 411, als erste. Auf der Messe in Brünn, die am Sonntag vergangener Woche begann, stellte VW seinen Mittelklassewagen erstmals dein Publikum vor. Die Besucher klatschten Beifall, als sie erfuhren, VW-Chef Lotz habe Brünn als Premierenort bestimmt und die südmährische Messestadt dem Pariser Autosalon vorgezogen.

Trotz der sowjetischen Besetzung In der CSSR war das deutsche Industrieangebot auf der 10. Internationalen Messe in Brünn so massiert wie nie zuvor. Neben VW stellten unter anderen Daimler-Benz, Ford, NSU und BMW, Mannesmann, Bayer, Salzgitter, Thyssen, Rheinstahl und Gutehoffnungshütte Ihre Produkte aus.

Die Geschäftsabschlüsse freilich blieben begrenzt. Denn als die sowjetischen Besatzer, von den Tschechoslowaken »Strázny Andel« (Schutzengel) genannt, das Messegelände Im Zamecek-Park geräumt hatten und die Industrieschau mit einwöchiger Verspätung doch noch eröffnet werden konnte, war die Staatskasse der Moldau-Republik leer. 260 Millionen Kronen Devisen hatten die CSSR-Firmen für Käufe auf der Messe beantragt, aber nur 40 Millionen Kronen wurden bewilligt.

Außenhandelsminister Václav Vales dämpfte schon bei der Eröffnungsfeier die ohnehin nicht großen Erwartungen der westlichen Aussteller. Vales: »Die tschechoslowakische Volkswirtschaft steht vor Schwierigkeiten, deren Tragweite sich noch nicht in vollem Ausmaß beurteilen läßt.«

Schweigend standen die tschechischen Messebesucher, als Václav Vales seine Ministerkollegen aus den fünf Besatzungsstaaten begrüßte. Nur unter dem Druck ihrer Behörden hatten sich tschechische Arbeiter bereit gefunden, die Stände der Sowjet-Union, Bulgariens, Ungarns, Polens und der DDR aufzubauen.

Polizisten bewachten Tag und Nacht die Messekojen der fünf, um Sabotageakte zu verhindern und den Russen keine Handhabe zu geben, die Ausstellung zu schließen.

Die Abordnungen der Besatzer-Staaten bekamen bei jedem Schritt zu spüren, was die Tschechoslowaken meinen, wenn sie von »unseren fünf Freunden« sprechen. Einheimische Journalisten weigerten sich, die Presse-Konferenz der Firmen aus den Okkupanten-Ländern zu besuchen. Als das Prager Außenministerium sie dazu zwang, beschlossen sie, dort weder Speisen noch Getränke anzunehmen. Kein Brünner Restaurant führte Kaviar, Krimsekt und Wodka auf der Karte.

Taxifahrer lehnten es ab, Messebesucher aus den Besatzungsstaaten zu chauffieren. Die Garagisten des Prominentenhotels »International« ließen Autos aus Ost-Berlin, Moskau, Budapest, Sofia und Warschau ungewaschen.

Tschechoslowakische Postler brachten zur Brünner Messe einen Sonderstempel mit den Namen der Reform-Politiker Svoboda, Dubcek, Cernik und Smrkovsky heraus und setzten darunter den Schwur: »Jsme s Vámi« (Wir sind mit Euch).

Tschechoslowakische Firmen bemühten sich in Brünn, die in den letzten Monaten intensivierten Kontakte mit ihren westdeutschen Handelspartnern trotz des erzwungenen Kurswechsels fortzusetzen. Tatsächlich war der Handel zwischen beiden Ländern während des Prager Frühlings erheblich gewachsen. In den ersten sieben Monaten 1968 stiegen die westdeutschen Exporte in die Tschechoslowakei von 280 auf 430 Millionen Mark, die Importe von 180 auf 245 Millionen Mark.

Der CSSR-Wirtschaftsminister Ota Sik, den die Sowjets aus dem Amt entfernten, hatte veraltete tschechische Industriewerke mit gebrauchten Maschinen aus Westdeutschland modernisieren wollen. Deutsche Banken erklärten sich bereit, den Tschechen mit Krediten beizuspringen.

Die Oberhausener Gutehoffnungshütte (GHH) hatte zugesagt, mit CSSR-Firmen zu kooperieren, sie bei Stoßaufträgen einzuschalten und beim Export auf dem Weltmarkt zu unterstützen. GHH-Manager Michael Kopelianos hatte vor dem Einmarsch der Sowjets in Prag mit dem Vorstand der Skoda-Werke Verbindungen geknüpft.

Mit hartem Griff zwangen die Sowjets die Tschechoslowaken in die sowjetsozialistische Wirklichkeit zurück. Als erstes verlangte auf der Brünner Messe der russische Vertreter im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon>, Michail Lesetschko, daß die CSSR eine geplante Erdgas-Pipeline vom Ural nach Böhmen vorfinanziere.

Prag soll Rohre, Schwerlastwagen und Baumaschinen mi Werte von 3,9 Milliarden Mark für die Pipeline auf russischem Gebiet zur Verfügung stellen, bevor die Arbeiten auf tschechischem Territorium fortgeführt und Industrie sowie Haushalte auf den neuen Brennstoff umgestellt werden können. Mit Erdgas-Lieferungen wollen dann die Russen ihren Anteil an der Pipeline bezahlen.

Auf der Messe äußerten tschechoslowakische Funktionäre ihre Sorge. daß es ihnen wegen der verstärkten Fesselung an den Ostblock nicht mehr möglich sein werde, ihren Westhandel in vollem Umfang aufrechtzuerhalten. Sie baten ihre westdeutschen Gäste, nichts zu tun, wenn sie wirklich helfen wollten. Mannesmann-Manager Meier trug daraufhin seiner Standbesatzung auf, Tschechen-Empfänge nicht zu besuchen, um möglichen Demonstrationen gegen die Sowjets aus dem Weg zu gehen. Bonn sagte den für vergangenen Donnerstag angesetzten »Deutschen Tag« ab,

Die Russen jedoch luden ein. Am letzten Dienstagabend standen 150 Funktionäre aus den fünf Okkupantenstaaten toastend und sekttrinkend im Messe-Hochhaus. Nach 70 Minuten ging plötzlich das Licht aus. Die Party mußte abgebrochen werden.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 46 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel