Zur Ausgabe
Artikel 1 / 93
Nächster Artikel

»Licht für Jahre gelöscht«

In Kuweit brennen die Ölfelder. Jeden Tag gehen drei Millionen Barrel Rohöl in Flammen auf. Die Qualmwolke verdüstert den Himmel und geht, bis zu 1000 Kilometer entfernt, als klebriger, schwarzer Regen nieder. Wird in Indien der Monsun ausbleiben? Wird das Weltklima gestört, der Treibhauseffekt weiter angeheizt? Bis die Ölbrände gelöscht sind, können Jahre vergehen.
aus DER SPIEGEL 10/1991

Auf Straßen und Autobahnbrücken jubelten die Menschen, schwenkten ihre grün-weiß-roten Fahnen und schossen Freudensalven in die Luft. Kolonnen hupender Autos kurvten durch die Stadt, die Befreier zu begrüßen. Doch am Horizont wuchs schon die dunkle Wolke.

Dann, am Donnerstag letzter Woche, wurde es kurz nach Mittag, als die Sonne noch hoch stand, finster über Kuweit, »finster wie in stockdunkler Nacht«, so ein Augenzeuge. Die Autos fuhren mit Licht, und den Bewohnern der befreiten Hauptstadt kam es vor, als sei es eisig kalt.

Normalerweise betragen die Temperaturen in Kuweit Anfang März schon 26 Grad im Schatten. Jetzt liegen die Bodentemperaturen mittags bei nur 10 Grad. Es ist, als habe die Kälte der Wüstennacht den Tag eingeholt. Die Kuweiter tragen Pullover und Anoraks, darunter auch olivgrüne, die von irakischen Soldaten auf der Flucht zurückgelassen wurden.

Eine ölige, schwarze Wolkendecke aus Rauch wabert über der Corniche, dem früher weißen Küstenboulevard der Stadt. In Granattrichtern und in den Eingängen zu den Betonbunkern stehen schwarze Pfützen - ein Gemisch aus Öl und Regen, das der Wüstenwind Schamal aus dem Hinterland nach Kuweit getragen hat.

»Ich habe noch nie so etwas gesehen, nur in Science-fiction-Filmen«, sagte der amerikanische Gefreite Orlando Hollins, der mit seinem Hummvee-Jeep als einer der ersten alliierten Soldaten vorigen Dienstag in die Stadt gekommen war.

Hollins war südlich von Kuweit-Stadt durch eine Welt gefahren, die an die Monde des Jupiter erinnert, übersät von Kratern schwerer Bomben, die den Wüstensand in eine gläserne Substanz verwandelt haben.

Noch unwirklicher aber schienen die Fackeln der Ölbrände, die er im Burgan-Feld, der größten Öllagerstätte von Kuweit, umfahren mußte. Dort, nur 30 Kilometer von Kuweit-Sadt entfernt, brennen Tanklager und Ölbohrstellen, orangerot wie riesige Bunsenbrenner.

Ihre Flammen schlagen bis zu 150 Meter hoch in die Luft, ehe sie in undurchdringlich schwarzen Qualm eintauchen. »Nachts, bei klarem Wetter«, so schilderte es ARD-Korrespondent Jay Tuck, »entsteht der Eindruck eines dauernden Sonnenuntergangs, wenn die Ölbrände den Horizont erhellen.«

Aus dem Smog, der am Himmel einen düsteren Sturmhorizont aufziehen läßt, fallen Tropfen aus Öl auf die surreale Wüstenlandschaft. Der Rauch und aufsteigender Ruß verwandeln Kuweit, das bis zum Einmarsch der Iraker im August letzten Jahres als Land mit den reichsten Bürgern der Welt gegolten hatte, in etwas Neues, fast Urzeitliches, in eine apokalyptische Welt - eine an biblische Plagen gemahnende Szenerie.

Im 9. Kapitel der Offenbarung im Neuen Testament schildert der Prophet einen endzeitlichen Krieg um Babylon. Gott beendet ihn mit dem Harmagedon, dem Untergang der Welt: _____« Und er tat den Brunnen des Abgrunds auf, und es ging » _____« auf ein Rauch aus dem Brunnen wie der Rauch eines großen » _____« Ofens, und es ward verfinstert die Sonne und die Luft von » _____« dem Rauch des Brunnens. »

Es war der irakische Diktator Saddam Hussein, der seinen Widersachern dieses biblische Szenario angedroht hatte. »Wir werden die ganze Region, mitsamt den Ölfeldern, in Flammen setzen«, hatte er am 23. September letzten Jahres vor dem Revolutionären Kommandorat in Bagdad verkündet. Saddam stellte die Entfesselung eines Weltenbrandes in Aussicht, der »das Licht für Dutzende von Jahren löschen« werde.

Einer Taktik der »verbrannten Erde« (US-Präsident George Bush) folgend, hatten irakische Truppen vor ihrem Rückzug aus Kuweit Sprengsätze an Öltanks und Ölquellen gezündet. Insgesamt 590 Einzelfeuer zählten Piloten alliierter Aufklärungsflugzeuge und Spezialisten bei der Auswertung von Satellitenfotos Ende letzter Woche.

Zu vermuten ist, daß die irakischen Soldaten ihre Sprengladungen auch an Bohrlöchern angebracht haben, die bisher noch gar nicht genutzt, sondern zu späterer Verwendung vorgesehen waren. Bis all diese Großbrände gelöscht sein werden, können - nach pessimistischen Schätzungen - bis zu fünf Jahre vergehen.

Mindestens drei Millionen Barrel Rohöl verbrennen täglich im Emirat Kuweit, der drittgrößten Öllagerstätte der Welt, und transportieren Tausende von Tonnen Rauch, Ruß, gefährliche Gase und krebserzeugende Partikel in die Atmosphäre.

Im Umkreis von 1000 Kilometern um Kuweit waren erste ökologische Folgen der größten Brandstiftung aller Zeiten bereits zu verspüren. »Der Tag verdunkelte sich, dann kam der schwarze Regen«, berichtete aus der Türkei Hanifi Demirkol, Gouverneur der Provinz Hatay im Südosten des Landes. Dort hatte der Fallout Hände, Gesichter und Kleidung der Menschen, die sich im Freien aufhielten, schwarz gefärbt.

Aus Südost-Anatolien meldete der deutsche Ingenieur Helmut Geist, Oberbauleiter des Kraftwerks am Atatürk-Staudamm: »Der Regen sieht aus wie Asche, die man in Wasser anrührt.«

In Bahrein empfahl die Umweltschutzbehörde allen Bürgern, sich außerhalb von Gebäuden Taschentücher vor Mund und Nase zu halten. Der übelriechende schwarze Nebel werde »wahrscheinlich auf lange Sicht gesundheitsschädlich sein«.

Im Westen des Iran legte sich der giftige Regen als schwarzer Schmierfilm auf die Felder. Zwar herrsche über die Auswirkungen des bei der Verbrennung von Rohöl entstehenden schwarzen Regens noch »viel Unsicherheit«, erklärte Olav Siere von der Hamburger Universität am Freitag letzter Woche, es sei aber »vorstellbar, daß in den Gebieten mit wiederholten rußigen Niederschlägen die landwirtschaftliche Produktion geschädigt wird«. Öl- und Rußfilme verschließen die Poren der Blätter, »die Auswirkungen der dabei entstehenden toxischen Substanzen kann niemand vorhersehen« (Siere).

Mit dem flammenden Inferno am Golf hat Saddam Hussein seine gespenstische Drohung wahrgemacht - und es zeichnet sich ab, daß Befürchtungen Wirklichkeit werden, die lange vor Kriegsausbruch in aller Weltöffentlichkeit geäußert worden waren.

Es sei zu erwarten, so haben es Joe Farman, der Entdecker des antarktischen Ozonlochs, und der Friedensnobelpreisträger Bernard Lown Anfang Januar ausgedrückt, daß »die ökologischen Kosten dieses Krieges wahrscheinlich alle anderen Kosten weit übersteigen, so groß diese auch sein werden«.

Nun, da die vorhergesagte Öko-Katastrophe am Golf eingetreten ist, kommen auf die Wissenschaftler Fragen zu, auf die sie einstweilen keine schlüssigen Antworten wissen: Noch ist keines der Computer-Modelle, mit denen etwa die Klimaforscher das Ausmaß eines solchen Desasters in die Zukunft hochrechnen, hinlänglich ausgereift - niemand kann derzeit sagen, welche Auswirkungen die Ölfeuer in Kuweit auf das Klima auch in weit entfernten Regionen haben werden.

Mit jedem Tag, soviel ist gewiß, werden die schwarzen Wolken, die über Kuweit aufsteigen, in östlicher Richtung weiter abgetrieben. Schon bald, so befürchten die Klimaforscher, wird sich im ganzen Orient eine Rußschicht zwischen Sonne und Erde schieben, die das Sonnenlicht abdunkelt. Die Temperaturen werden sinken - »eine Vorstufe des nuklearen Winters«, wie Klimaforscher Christoph Brühl vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz befürchtet. An dem Mainzer Institut hatte der Atmosphäre-Forscher Paul Crutzen Anfang der achtziger Jahre den nuklearen Winter - die Abkühlung der Erde als Folge eines globalen Atomkriegs - als erster auf Computern simuliert.

Daß Saddam Hussein nicht davor zurückschreckte, die Natur als Waffe in einem nicht gewinnbaren Krieg einzusetzen, wurde schon Mitte Januar deutlich, als er aus den Ölverladeterminals des Emirats 1,5 Millionen Barrel Rohöl in den Golf pumpen ließ - ein Desaster, das mit Fernsehbildern ölverschmierter Kormorane die Welt zunächst mehr entsetzte als die Rauchschwaden im Grenzgebiet zu Kuweit. Mittlerweile schwimmen drei riesige Ölteppiche auf dem Golf. 400 Kilometer Strände wurden verschmutzt, die Laichplätze von mindestens 3500 Seeschildkröten vergiftet.

Vom jetzt mit den Ölbränden emporwabernden Qualm und Sott hautnah betroffen sind zunächst die Bewohner von Kuweit. In gewaltigen Mengen werden Rußpartikel und Schwefeldioxid sowie eine große Anzahl toxischer Substanzen freigesetzt, die sich in den Lungen der Menschen ablagern.

»Ein Fall von Luftverschmutzung wie dieser dürfte die tägliche Todesrate verdoppeln bis verdreifachen«, erklärte Douglas Dockery von der Harvard School of Public Health in Boston. Was gegenwärtig am Golf passiert, erläuterte Dockery, führe zu Smog-Konzentrationen, wie sie beispielsweise im Dezember 1952 über London gemessen wurden - bei dem Umwelt-Desaster damals kamen 4000 Menschen ums Leben.

Kuweiter ebenso wie alliierte Truppen, die der klebrigen, schleimigen Ölluft über längere Zeit ausgesetzt sind, müssen damit rechnen, an Bronchitis zu erkranken. Eine erhöhte Krebsgefahr und das Risiko einer Veränderung des Erbguts gehen von bestimmten Bestandteilen des Ölqualms aus, den Benzinen, den Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen und dem hochgiftigen Dioxin.

Was mit den Ölfackeln in den Himmel über Kuweit aufsteigt, sind die Produkte einer besonders »schmutzigen Verbrennung«, wie die Fachleute es nennen; da im Verbrennungsherd verhältnismäßig wenig Sauerstoff vorhanden ist, werden große Mengen halbverbrannter Reststoffe des Erdöls in die Luft transportiert.

Der Anteil an Ruß, so vermuten die Experten, wird auch die wichtigste Rolle bei der Frage spielen, wie stark sich Klimaänderungen im ferneren Umkreis der Ölbrandherde einstellen werden. Je höher der Rußanteil, um so höher der die Sonneneinstrahlung bremsende Effekt in der Atmosphäre. Ein Gramm Ruß kann rund zwei Drittel des Lichts wegfiltern, das auf eine Fläche von acht bis zehn Quadratmeter fällt.

Alle Computermodelle, die sich mit dem »nuklearen Winter« beschäftigen, setzen den Faktor des Rußgehalts der von Rauchwolken verdüsterten Atmosphäre besonders hoch an. Rauchschwaden haben einen sehr viel stärker abkühlenden Filtereffekt als jene gigantischen Staubfahnen, die bei großen Vulkanausbrüchen um die ganze Welt ziehen können. Bisher zählten solche Vulkaneruptionen zu den schwerwiegendsten natürlichen Klima-Störfaktoren, die der Menschheit widerfahren.

Als »Jahr ohne Sommer« ging das Jahr 1816 in die Annalen der Klimaforscher ein. Auf der indonesischen Insel Sumbawa hatte der Vulkan Tambora ein Jahr zuvor rund 100 Kubikkilometer Gestein herausgeschleudert, entsprechend der Masse der Balearen-Insel Menorca. Rauch, Asche und giftige Gase waren kilometerhoch emporgefaucht. Die Sonne verdunkelte sich über der nördlichen Hemisphäre, es kam zu Temperaturstürzen, im Juni fegten Schneestürme über Nordamerika, in Irland blieben die Kartoffeln klein, andernorts erfror der Weizen.

Der erste Vulkanausbruch, dessen Folgen bis in alle Einzelheiten von Geologen, Meteorologen und Klimaforschern verfolgt wurden, ereignete sich im Mai 1980, als der Mount St. Helens im US-Staat Washington eine Dampf- und Aschensäule ausspie.

Zwei Jahre später glaubten britische Jet-Piloten auf dem Weg nach Australien an eine Begegnung mit dem Klabautermann, als in 11 300 Meter Flughöhe plötzlich Elmsfeuer an Bugspitze und Triebwerken aufflammten und die Antriebsdüsen eine nach der anderen aussetzten. Nach der Notlandung in Jakarta inspizierten Techniker die Düsen, sie waren mit Asche verklebt. Unwissentlich war die Jumbo-Crew durch die Rauchwolke geflogen, die der Vulkan Gulunggung auf Java freigesetzt hatte.

Die Erfahrungen mit dem Ausbruch des Mount St. Helens, dessen Aschewolken bis in 23 Kilometer Höhe aufstiegen und noch in 200 Kilometer Entfernung das Sonnenlicht abdunkelten, gingen ein in die Berechnungen des »nuklearen Winters«, mit denen deutsche und amerikanische Wissenschaftler vor knapp einem Jahrzehnt die Öffentlichkeit aufschreckten.

Die Feuerstürme, die bei einem atomaren Schlagabtausch wochen- oder monatelang auf den betroffenen Kontinenten wüten würden, hätten eine Art neue Eiszeit zur Folge, so erkannten Crutzen und sein amerikanischer Co-Autor John Birks: »Dämmerung am hellen Tag« hieß der Untertitel ihrer Studie.

Drei Milliarden Tonnen Öl und Erdgas ließen Crutzen und Birks bei ihrem Szenario in Flammen aufgehen oder unverbrannt in die Atmosphäre strömen. Aus riesigen Waldbränden, nahmen sie an, würden zwei bis drei Milliarden Tonnen feinster Kohlenstoff- und Aschepartikel bis in zehn Kilometer Höhe emporgetragen. Der Teilchenschleier, so das Szenario weiter, senkt in der nördlichen Hemisphäre die durchschnittliche Jahrestemperatur um rund zehn Grad - es würde noch um fünf Grad kälter als während der jüngsten Eiszeit.

Eine »maßlose Übertreibung« nannte der amerikanische Physiker und Atomwaffen-Fan Edward Teller diese Befunde. Als Angstmacherei und nukleares Wintermärchen wurden die Prognosen von Crutzen und Birks damals von all jenen abgetan, die auch den Atomkrieg noch für führbar halten wollten.

Inzwischen sind die Klima-Modelle in den Großrechnern der Atmosphäre-Forscher modifiziert und verbessert worden - Crutzens Hypothese konnte nicht widerlegt, seine dunkle Winterszene allenfalls etwas aufgehellt werden.

Geblieben ist die Uneinigkeit der Wissenschaftler über das bei einem Atomkrieg zu erwartende Ausmaß der Störungen im Gleichgewicht der Natur - und dieser Dissens prägt nun auch die Debatte über die womöglich klimaverändernden Auswirkungen der brennenden Ölfelder im Emirat Kuweit.

Bereits auf der letzten Weltklimakonferenz im November vergangenen Jahres in Genf war Jordaniens König Hussein als Mahner aufgetreten und hatte vor einer »weltweiten Umweltkatastrophe durch brennende Ölquellen« gewarnt. Weitsichtig formulierte Hussein vor den versammelten Wissenschaftlern, es könne zu einer Art von »nuklearem Winter im Tropengürtel der Erde« kommen, zu befürchten seien »supersaure Regenfälle« und eine Verstärkung des Treibhauseffekts.

Doch im Vorfeld des Krieges gab es auch Politiker und Manager von Ölkonzernen, die jegliche Öko-Gefahr verneinten. Selbst wenn 800 Quellen brennen würden, gäbe es »keinen großen Flächenbrand«, da die Ölfelder zu weit auseinanderlägen, meinte Basil Butler, Sicherheitschef und Vorstandsmitglied des Ölkonzerns BP.

Auch der britische Energieminister John Wakeham wiegelte ab. Allenfalls »ein paar Prozent« der Weltölförderung könnten in Flammen aufgehen, und der Qualm würde ohnehin »irgendwann in die Atmosphäre aufsteigen«. Überdies, so Wakeham: »Ich kann mir nicht vorstellen, warum die Iraker versuchen sollten, die Ölquellen zu sprengen, sie hätten ja keinen Vorteil davon.«

Wenige Wochen vor Ablauf des Uno-Ultimatums an Saddam Hussein wurden Umweltexperten der Verteidigungsministerien in London und Washington aktiv, um eine Folgenabschätzung für mögliche Öko-Verwicklungen im Golfkrieg vorzunehmen.

Während die Ergebnisse der britischen Studie zur Geheimsache erklärt und auszugsweise erst bekannt wurden, als alliierte Jets mit der Bombardierung des Irak bereits begonnen hatten, waren die Warnungen des amerikanischen Atmosphäre-Forschers Richard Turco lange vor Kriegsanfang öffentlich.

Turco hatte für seine Schätzungen die von Crutzen und Birks entwickelten Modellrechnungen aufgegriffen. Im schlimmsten Fall, so Turco, würden die Rußschwaden von in Kuweit brennenden Ölquellen bis in die Troposphäre aufsteigen, bis in eine Höhe von rund zehn Kilometer.

Von den in dieser Luftschicht vorherrschenden starken Winden könnten sie um die Erde getragen werden und die Sonne verdunkeln. Möglich sei, meint Turco, daß »ein Fünftel der Erdoberfläche in Schatten fällt«.

Dabei geriete das gesamte globale Energiegleichgewicht durcheinander, neue Klimasysteme könnten entstehen und »zu anomalen Wetterabläufen führen«, so Turco. Zwar werde dadurch »nicht gleich der Winter in den Sommer verlegt«, doch schon geringe Temperaturschwankungen hätten beispielsweise »auf die Landwirtschaft verheerende Auswirkungen«.

Weit weniger dramatisch werden die Folgen der Ölbrände in der Golfregion von einer Hamburger Wissenschaftlergruppe bewertet. 15 Meteorologen der Universität und des benachbarten Max-Planck-Instituts (MPI) für Meteorologie haben - anhand eines in Hamburg entwickelten Rechenmodells - die Klimaeffekte abzuschätzen versucht.

Die Hamburger, geleitet von MPI-Chef Professor Hartmut Graßl, gehen von der Annahme aus, daß in Kuweit über ein Jahr verteilt rund 80 Millionen Tonnen Erdöl verbrennen, entsprechend einer gesamten Jahresproduktion in diesem Gebiet. Nach dem in Hamburg durchgespielten Klimamodell halten sich die Folgen in relativ engen Grenzen.

Allenfalls bis in zwei Kilometer Höhe werde das schwarze Gewölk aufsteigen, vermutet Mojib Latif, Mitglied des Graßl-Teams; die Rauchwolken würden sodann »weitgehend in der Region verharren« und nach etwa sieben Tagen als schwarzer Regen zur Erde niedersinken.

Das Niederschlagsgebiet, das von dieser biblischen Plage befallen wäre, ist weiträumig genug - am Himalaya wird der Schnee grau, bis nach Ostafrika verschmutzen Wüsten und Savannen, und auf dem indischen Subkontinent legt sich die schwarze Brühe auf die Reisfelder.

Etwa 500 Milligramm Ruß pro Quadratmeter gehen, der Hamburger Rechnung zufolge, im Laufe der nächsten zwölf Monate durchschnittlich über Arabien, Äthiopien, Somalia, dem Sudan sowie Teilen Ägyptens und der Türkei mit dem Regen nieder. In gleichem Maße gefährdet sind Iran, Pakistan sowie Indien und der Süden der UdSSR.

Umschwünge des Weltklimas aber, wie der Amerikaner Turco und andere Wissenschaftler sie mindestens in Erwägung ziehen, schließen die Hamburger - immer nach ihrem Computermodell - aus. »Großklimatische Veränderungen«, so MPI-Chef Graßl, »sind nicht erkennbar.«

Mit der Frage, ob die Ölbrände am Golf den Treibhauseffekt verstärken könnten, der nach Meinung zahlreicher Klimaforscher gegenwärtig die schwerste Umweltbedrohung für die Erdbevölkerung darstellt, hat sich der britische Chemiker John Cox auseinandergesetzt, Berater einer am Golf tätigen Ölgesellschaft.

Selbst beim gegenwärtigen Ausmaß des Feuers - drei Millionen Barrel pro Tag - werden, wie Cox meint, am Golf weniger als fünf Prozent der gegenwärtig auf der Erde freigesetzten Kohlendioxidmenge zusätzlich in die Luft gepustet, nicht genug, um den Treibhauseffekt wirksam zu beschleunigen. Kohlendioxid ist zu etwa 50 Prozent an der allmählichen Aufheizung der Erdatmosphäre beteiligt, andere Gase wie Methan und FCKWs tragen zu dem Effekt noch bei.

Der Engländer Cox war es auch, der frühzeitig auf einen begrenzten, aber gleichwohl für das Überleben von Millionen Menschen bedeutsamen Klimaeffekt hingewiesen hatte: das Ausbleiben des Monsuns auf dem indischen Subkontinent.

Weil sich im Frühsommer die Luft über der asiatischen Landmasse schneller aufheizt als über dem Meer, entsteht ein Sog, der kühlere, feuchte Meeresluft ins Landesinnere zieht; der mit dem Monsun kommende Regen ist die unverzichtbare Bewässerungsquelle für die indische Landwirtschaft.

Schwebt nun über dem Subkontinent eine Rußglocke und verhindert das Aufwärmen der Landmasse, so könnte der Temperaturunterschied zwischen Land und See dramatisch verringert werden, der Monsun-Sog bliebe aus. »Selbst ein partieller Ausfall des Monsunregens«, so Cox, »könnte mehr Menschen das Leben kosten, als insgesamt den Irak, Kuweit und Saudi-Arabien bevölkern.«

Doch solche Prognosen werden von den Hamburger Klimaforschern für unwahrscheinlich erklärt. Im Gegenteil: In ihrem Computermodell habe der regenbringende Monsun sogar stärker geblasen als gewöhnlich.

Alles Hin und Her in der Kontroverse der Klimaforscher läuft immer wieder hinaus auf eine Reihe von zentralen Fragen: Wie ist der Qualm, der von der Feuersbrunst aufsteigt, chemisch zusammengesetzt, wie hoch hinauf wird er getragen, und in welchem Zeitraum können die Verunreinigungen wieder aus der Atmosphäre ausgeschieden werden, insbesondere durch Abregnen?

Schon bei der ersten dieser Schlüsselfragen bekennen sich zum Beispiel die Mainzer Klimaforscher um Paul Crutzen zu einer von den Hamburgern abweichenden Meinung: »Die in Hamburg getroffenen Annahmen über die Eigenschaften von Ruß sind viel zu stark vereinfacht«, kritisiert Christoph Brühl vom Max-Planck-Institut in Mainz. Ruß bilde in der Atmosphäre komplizierte Flocken, die die Sonne viel stärker absorbieren als der Computer-Ruß des Hamburger Modells. »So schnell läßt sich das nicht berechnen«, bemängelt Brühl. »Man muß das wohl als ein großes Experiment der Atmosphäre betrachten.«

Wie weit sich die von den Ölfackeln in Kuweit ausgehende Umweltkatastrophe noch begrenzen läßt, hängt in erster Linie davon ab, wieviel Öl insgesamt verbrennt, also wie lange das Flammen-Inferno noch andauert. Die wichtigste Rolle spielen demnach die Bohrloch-Feuerwehren, die Ende letzter Woche zum Brandort reisten, auf den Spuren des texanischen Lösch-Veteranen Red Adair (siehe Seite 171).

Die von der damaligen Exilregierung Kuweits schon vor Wochen verpflichteten Löschmannschaften stehen ähnlich wie die Wissenschaftler vor einer beispiellosen Aufgabe. Noch nie waren so viele Ölquellen auf derart begrenztem Raum gleichzeitig in Brand geraten.

Durchschnittlich sind die hoch auflodernden Fackeln nur etwa 1000 Meter voneinander entfernt - eine Art Vorhölle für die Feuerwehrmänner und zugleich ein schier unlösbares Problem, weil die Gefahr besteht, daß eine gerade gelöschte Ölquelle sich am benachbarten Brandherd wieder entzündet.

Sind es Fördertürme mit intakten Absperrventilen, die brennen, läßt sich das Feuer noch verhältnismäßig leicht beherrschen - fast so, als würde eine Gasflamme am Kochherd ausgedreht. Aber drei Fünftel der 1000 kuweitischen Förderquellen sind, wie es in der Fachsprache der Ölförderer heißt, »eruptiv": Das Öl jagt selbsttätig mit einem Druck von bis zu 300 atü durch die Steigrohre nach oben.

Durchschnittlich fünf Tage, so hatten die Feuerwehrleute gemeint, werde jede Löschaktion dauern. Als sie das sagten, waren sie noch in Texas. Doch selbst wenn auf dem »größten Feld der Zerstörung, das die Welt je gesehen hat« (so ein Mitglied des Adair-Teams), alles planmäßig verliefe, würden die Ölfelder am Golf noch für viele Monate weiterbrennen.

Mindestens zwölf Wochen, so veranschlagen die Militärs, werden ins Land gehen, bis im Umfeld der brennenden Ölquellen die irakischen Minen entschärft oder geräumt sind. Solange da noch Minen liegen, hatte Red Adair erklärt, werde er nicht antreten.

Doch auch danach rechnen die Brandbekämpfer noch mit mehreren Monaten Vorarbeit, ehe sie ans Löschen gehen können. Sämtliche Pipelines, die früher Wasser vom Golf zu den Ölfeldern transportiert haben, sind zerstört.

Bis August, so war Ende letzter Woche aus Texas zu hören, würden sich die Vorbereitungen wohl hinziehen, dann erst könne mit den Löscharbeiten begonnen werden - in einem Monat, in dem die Temperaturen in der kuweitischen Wüste normalerweise die 50-Grad-Marke erreichen.

Bis dahin, so läßt sich leicht hochrechnen, werden rund 40 Millionen Tonnen Rohöl verbrannt sein. Eine Million Tonnen Schwefeloxide, 250 000 Tonnen Stickoxide sowie 30 Millionen Tonnen Kohlenstoff und Kohlendioxid werden in die Atmosphäre freigesetzt worden sein. Sechs Prozent des verbrannten Öls werden sich in Rauch verwandelt haben - eine Qualmwolke, die zweieinhalb Millionen Tonnen wiegt.

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 93
Nächster Artikel