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ARGENTINIEN Lieb Vaterland

Kaum hat Argentiniens neuer Staatspräsident General Bignone die verbotenen Parteien wieder zugelassen, marschieren die Peronisten - beflügelt vom Mythos des toten Diktators Peron.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Acht Jahre hatten sie vor sich hin gestaubt, man hatte sie schlicht vergessen. Aber jetzt wurden sie - auf Anweisung der Militärs - in der Wahlabteilung des Innenministeriums in der Calle Gascon mitten in Buenos Aires wiederentdeckt: die eingelagerten 45 000 Wahlurnen der argentinischen Nation.

Die lange politische Abstinenz des Landes läßt sich an den wurmstichigen, verzogenen Holzkästen ablesen, aber in Argentinien wächst langsam die politische Hoffnung, die Presse feierte das Auftauchen der Urnen bereits als ein »Symbol der Demokratie«, so die Wochenzeitung »La Semana«.

Wenn Argentiniens neuer Präsident Reynaldo Bignone Wort hält, würde er tatsächlich der letzte von sieben Generälen der über sechs Jahre währenden Militärdiktatur sein und im März 1984 zulassen, daß die Argentinier an die aufpolierten Wahlurnen gehen können.

Wohl um den harten Übergang von den Militärs zu den Zivilen zu mildern, um vom Falklanddebakel seines Vorgängers Galtieri abzulenken und um Unterstützung für den radikalen neuen Kurs seines Wirtschafts- und Finanzministers Dagnino Pastore zu bekommen, ließ Bignone gleich nach seinem Amtsantritt am 1. Juli die verbotenen Parteien wieder zu. »Es gibt wieder Politik«, schrieb die Zeitung »Siete Dias«.

»Sollten wir endlich wieder atmen können?« fragte ein skeptischer Parteichef. Erstickungsängste hatten die Argentinier genug gehabt, während die Militärs das Land mit harten Dekreten regierten, Politiker und Gewerkschafter einsperrten und in ihrem blinden Krieg gegen den Terrorismus mehr als 10 000 Verdächtige oder tatsächliche Linksradikale verschwinden ließen.

Doch nach der jahrelang verordneten Apathie war die erste politische Kundgebung spontan und deutlich: Gleich zum Amtsantritt Bignones zogen 5000 Demonstranten nicht etwa vor den Regierungssitz, die Casa Rosada, sondern auf den Friedhof »La Chacarita«. Dort wollten sie einem anderen General, der schon zu Lebzeiten ein Mythos war und auf den sich die Argentinier immer in schlechten Zeiten besinnen, zu seinem achten Todestag huldigen: dem zweimaligen Präsidenten Juan Domingo Peron.

Waren sie noch während des zehnwöchigen Falklandkrieges vereinzelt, still und nostalgisch zum Peron-Mausoleum gepilgert, so sangen sie heute schon selbstbewußt: »Lieb Vaterland, ich geb dir was, mit P fängt''s an: Peron.«

Weshalb der Peronismus trotz zweimaligen Scheiterns seines Gründers noch heute die Massen fasziniert, kann kaum ein Argentinier schlüssig erklären: Schließlich ist er heute nicht viel mehr als eine ideologisch verschwommene, nationalistische Volksbewegung um einen toten charismatischen Führer, mehr aus dem Bauch gelenkt als von Doktrinen gespeist. »Weder Yanquis noch Marxisten - eben Peronisten«, so erklärt ein S.108 Parteislogan die »dritte Position« des Peronismus.

Ein Verdienst hat die bald 40 Jahre alte Bewegung sicher: Sie hat den »argentinischen Arbeitern überhaupt erst Würde und Bewußtsein gegeben«, so Vicente Saadi, einer der alten Weggenossen des Caudillo.

Als Militärattache in Rom hatte Peron bewundert, wie Mussolini, den er auch später noch für »den größten Mann des Jahrhunderts« hielt, die italienischen Massen aufrüttelte. Als er 1943 mit einer Militärjunta in Buenos Aires zunächst als Arbeits- und Wohlfahrtsminister an die Regierung kam, gründete er seine Macht auf jene, für die sich bisher keiner in Argentinien interessiert hatte, die besitzlosen Land- und Industriearbeiter.

Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Maria Eva ("Evita"), einer früheren Sängerin, die noch heute von den Argentiniern vergöttert wird, setzte er fast revolutionäre Reformen durch: höhere Löhne und mehr Urlaub, Altersversorgung, Kündigungsschutz, Bau von Krankenhäusern, Arbeitersiedlungen.

Dabei verwirtschaftete er freilich die reichen Geldreserven, welche die Weizen- und Fleischgeschäfte im Zweiten Weltkrieg dem Land eingebracht hatten. Besonders nach Evitas Tod 1952 wurde der Caudillo immer selbstherrlicher, neigte zu Personenkult und Korruption und brachte die peronistischen Gewerkschaften in Verruf. Bevor er selbst 1955 vor putschenden Militärs auf ein paraguayisches Kanonenboot flüchtete, soll der »Lider« mehrere hundert Millionen Dollar ins Ausland gebracht haben.

Dennoch gelang es Peron von seinem Madrider Exil aus, über siebzehn Jahre und 10 000 Kilometer hinweg, seinen Einfluß auf die 3,5 Millionen Mitglieder starke Gewerkschaft CGT und seine »Nationale Gerechtigkeitsbewegung« aufrechtzuerhalten. Sein Mythos wuchs um so mehr, als »jene, die nach uns kamen, so mies waren, daß sie uns besser erscheinen ließen, als wir waren«, bekannte Peron.

Doch der alternde Caudillo war selbst nicht mehr gut genug, um Argentinien wieder aus der Krise zu führen, als seine Anhänger ihm 1973 nach 17 Jahren Exil über die Wahlurnen wieder den Weg in die Casa Rosada öffneten. Da schossen linke und rechte Peronisten aufeinander, die Unternehmer horteten, die Gewerkschaften streikten. In den neun Monaten bis zu seinem Tod brachte Peron den Argentiniern, so die Londoner »Times«, kaum mehr als »einen kurzen berauschenden Augenblick der Nostalgie und Illusion«.

Doch lebendig oder tot - die Argentinier brauchen Peron nun zum dritten Mal, wenn sie wieder an die Macht wollen. In seinem Namen »werden wir mehr als zehn Millionen Stimmen bekommen«, meint Altperonist Vicente Saadi. »Peron gewinnt die Wahl auch aus dem Grab«, schwärmt ein Arbeiter auf dem Chacarita-Friedhof. An einem möglichen Wahlsieg der Peronisten zweifelt in Argentinien niemand, nicht einmal die Militärs.

Aber noch ist kein neuer Kopf der Bewegung in Sicht. Die Peronisten könnten zwar siegen, schwerlich aber doch regieren und das Land in geordnete Verhältnisse zurückführen. »Mehr als fünfzig Fraktionen erklären sich zu rechtmäßigen Erben des Generals«, sagt ein junger Peronist.

Noch immer ist Isabelita, die dritte Frau Perons und dessen Nachfolgerin auf dem Präsidentenstuhl, offiziell Parteichefin. Doch da die ehemalige Tänzerin weder den Charme noch den Willen oder die Überzeugungskraft ihrer Vorgängerin Evita hat, wird der »Senora«, wie ihre Feinde sie nennen, nicht einmal mehr die Rolle einer Königinmutter zugebilligt.

Ihre katastrophale Regierungszeit von 1974 bis 1976, wo Günstlingswirtschaft und Entscheidungsschwäche vorherrschten, während im Land die Bomben explodierten, hatte schließlich erst die Militärs an die Macht gebracht.

In der folgenden Zeit, als Isabelita wegen Korruption und Unterschlagung verurteilt wurde, Hausarrest bekam und später nach Spanien ins Exil ging, mußte Parteivize Deolindo Bittel »die Dreckarbeit machen«, wie Esther de Perez Pardo, Chefin der peronistischen Frauen, erklärt.

Während viele der früher zahlenmäßig stärkeren jungen Linksperonisten umgebracht wurden oder vor Todesschwadronen und Militärs ins Exil flüchteten (schätzungsweise zwei Millionen Argentinier gingen während der Militärdiktatur ins Ausland), arrangierte sich der wendige Bittel zumindest teilweise mit den Militärs, so daß er bei den Linken als Kollaborateur gilt.

Alte Rechtsperonisten wie der Ex-Präsident Italo Luder, der Isabelita kurzfristig für 34 Tage vertrat, oder der umstrittene Ex-Gewerkschaftsboß Lorenzo Miguel können trotz ihrer alten Freundschaft zu Peron die Anhänger nicht hinter sich bringen.

Die gemäßigten Linken hoffen dagegen auf einen kämpferischen, unbelasteten Peronistenchef wie Saul Ubaldini, der von sich sagt: »Ich habe die Militärs bisher nur im Gefängnis kennengelernt.« Er ist Generalsekretär der Gewerkschaft CGT.

»Die Namen sind doch egal, Hauptsache, die Parteibasis hält zusammen«, mit solchen Slogans versucht die alte Parteiclique die Basis zu beschwichtigen, die endlich wissen will, was Sache ist. Vor allem aber sollen die Rechtsperonisten und gemäßigten Linksperonisten Burgfrieden schließen, damit die Partei nicht schon vor der Kandidatenaufstellung auseinanderbricht.

Solange sich die Anhänger nicht an lebenden Führern orientieren können, halten sie es lieber mit den toten. Dieser 26. Juli ist für viele »der größte Tag nach den vielen Leidensjahren der Diktatur«. Denn den 30. Todestag Evita Perons wollen sie mit Blumen und Gebeten an den »Engel der Armen« feiern: »Gesandte des allmächtigen Gottes, Maria Eva der Arbeitslosen, steh uns bei.«

S.107Am 1. Juli 1982 auf dem Chacarita-Friedhof in Buenos Aires.*

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