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FILM Liebe in Barock und Farben

aus DER SPIEGEL 40/1948

Aus dem Schatten der Historie trat Graf Königsmarck wieder ans Licht, in das technisch kunstvoll gelenkte Licht, das zweidimensional und technicolor Leben vortäuscht, dramaturgisch kunstvoll gelenktes Leben. Englands Ealing-Studios verfilmten die Affäre am Hofe der hannoverschen Kurfürsten mit beträchtlichem Aufwand an barockem Stuck, Rubensschen Farben und dekorativen Kostümen.

Die Geschichte des Grafen Königsmarck ist galant, romantisch und eine Kleinigkeit gruselig. Sie ist eine der Geschichten, die Thron und Alkoven nahe zusammenrücken und Seligkeit und Elend des menschlichen, allzu menschlichen Herzens mit dem Glanz und Gloria fürstlichen, allzu fürstlichen Daseins verbrämen.

Sie hat die Geschichtsforscher auf ihre Spuren gelenkt, um so mehr, als vieles hier im Dunkeln geblieben ist. Sie hat immer wieder Literatoren zu historisierenden, gefühlvollen Darstellungen inspiriert.

Der schwedische Graf Philipp Christoph von Königsmarck war der Bruder Auroras, der Mätresse des Kurfürsten August von Sachsen, des Starken. Er war reich, aus großem Haus, im Sattel so gut zu Hause wie am Spiel- und Trinktisch und in Boudoirs, ein abenteuernder Barockkavalier.

Er war 30, als er 1689 am hannoverschen Hof auftrat. Er war 35, als er im Schloß zu Hannover spurlos verschwand, in einer Sommernacht 1694. Monate danach wurde der hannoversche Kurprinz Georg Ludwig, später der erste der wenig beliebten hannoverschen George auf Englands Thron, von seiner Frau Sophie Dorothea, geborenen Prinzessin von Celle, geschieden.

Es ist bestritten worden, daß das eine Ereignis mit dem anderen zu tun gehabt habe. Die Welfen selbst verwahrten sich gegen einen Zusammenhang in einem Rundschreiben, das an die Höfe ging, als man in Europa zu tuscheln begann. Sie gaben als Grund der Ehescheidung an, was man heute unüberwindliche gegenseitige Abneigung nennen würde.

Auch die dürfte vorgelegen haben. Die Ehe war 1682 aus eiskalt berechnenden Gründen geschlossen worden. Die Prinzessin war 16 Jahre alt und der Prinz nicht eben ein erfreulicher Mensch. Die Ehe wurde unglücklich.

Sophie Dorothea mag es auch sonst nicht leicht gehabt haben am hannoverschen Hofe. Ihre Schwiegermutter, Sophie, kühl, stolz, hochgebildet, ehrgeizig, eine Stuart, war ihr nicht gewogen. Sophie Dorotheas Vater, der Celler Herzog, hatte einst Sophies Hand ausgeschlagen und später Eleonore d'Olbreuse geheiratet, eine Dame »von schlechtem Adel«. Sophie Dorothea war in Sophies Augen nicht ebenbürtig.

Es gibt sehr verschiedene historische Urteile über die Prinzessin und Königsmarck, je nach Gunst oder Haß. Die einen glauben nicht, daß sie ihm jemals mehr erlaubt habe, als ihr die Hand zu küssen. Andere sprechen von ihrer »leidenschaftlichen Zuneigung zu einem Taugenichts von Liebhaber«.

Der englische Geschichtsforscher Wilkins nannte den Briefwechsel zwischen Sophie Dorothea und Königsmarck ein »unvergeßliches Dokument in den Annalen der Leidenschaft«. Aber die Briefe sind auch als gefälscht bezeichnet worden.

Solche »leidenschaftlichen, sündigen Wünsche und Beteuerungen« habe die Prinzessin nicht geschrieben, hieß es. Gewissenhafte Forschungen ergaben die Echtheit der Korrespondenz.

Der hannoversche Hof blieb dabei, nichts vom Verbleib des Grafen zu wissen. Die Phantasie bemächtigte sich des Falles, vom Mangel an exakten Grundlagen begünstigt. Es gibt einige hochphantastische. Darstellungen von Königsmarcks Untergang, »Blut- und Leberwurst-Tragödien«, wie man gesagt hat.

Der Graf sei lebendig in einem Ofen verbrannt worden, wurde kolportiert. Er sei noch monatelang im Schloß verwahrt und dann vergiftet worden. Er sei vom Kurprinzen selbst bei Sophie Dorothea überrascht und im Gefecht verwundet worden, dann in einen Sessel gesetzt und nach geistlichem Zuspruch vom Henker geköpft worden.

Königsmarck wurde, sagt eine andere Darstellung, überfallen und getötet, als er aus Sophie Dorotheas Zimmer kam. Vier kurfürstliche Trabanten hätten ihm aufgelauert. Sein Leichnam wurde in eine Kaminwand eingemauert.

In allen Versionen fällt der Gräfin Platen, des Kurfürsten Ernst Augusts altgewordener Mätresse, die schäbige Rolle der Intrigantin zu. Sie ist die Ränkespinnerin aus verschmähter Liebe. Sie veranlaßt den Anschlag auf den Grafen, weil er sie aus Liebe zu Sophie Dorothea verlassen hat.

Königsmarcks Leichnam wurde nie gefunden, sein Grab nie entdeckt*). Sophie Dorothea wurde nach Schloß Ahlden, dahinten in der Heide, verbannt. Sie hat ihren Mann und ihre beiden Kinder nie wiedergesehen. In grauer Einsamkeit lebte sie, Stammutter der preußischen und britischen Könige, noch 32 Jahre.

Schiller wollte ein Schauspiel über die Prinzessin von Ahlden schreiben, es blieb bei dem Plan. Aber die Romanciers nahmen sich ihrer in ungehemmter Lust zum Fabulieren an, jeder auf seine Art.

Jetzt ist der Film an der Reihe, unter dem romantisch-musikalischen Titel »Saraband for Dead Lovers«, zu deutsch etwa »Sarabande für todgeweihte Liebende«. Der Titel und die Filmmusik knüpfen an eine Komposition von Arcangelo Corelli an, der um die Wende des 17./18. Jahrhunderts lebte, eine Zeitlang auch in Hannover.

Man war sehr darauf bedacht, in allem den rechten historischen Ton zu treffen. Michael Balcon, Produzent und Regisseur, schickte seine Architekten nach Prag. An Ort und Stelle, im zerbombten Hannover,

*) Das Programmheft des englischen Königsmarck-Films erwähnt die Version, daß bei späteren Bauarbeiten im hannoverschen Schloß die eingemauerten Ueberreste eines Mannes gefunden wurden, die Königsmarcks, wie ein Ring und Reste der Kleidung ergeben hätten. Die Stelle sei sofort wieder vermauert, das Skelett in den Leinefluß geworfen worden. hätte man keine architektonischen Studien betreiben können. Man holte von den historischen Bauten und aus den engen Gassen an der Moldau die architektonischen Anregungen für die Sarabande.

Man bemühte sich, mit entsprechenden Technicolor-Farben die unterschiedliche Atmosphäre der Schauplätze zu kolorieren. Man nahm pastellweiche, zarte Töne für die kleine Heimat der Prinzessin, Celle, und sinnliches Farbenglühen für die überladenen Gemächer der Gräfin Platen. Zum kostümierten reichen Glanz eines menschenreichen Karnevals rings um das Schloß kontrastiert der düstere Schimmer im Sterbezimmer zu Ahlden.

Der »Observer« schreibt allerdings, daß die heftigen Farben dem Auge weh und den photographierten Gesichtern nicht guttun. Die englische Presse ist überhaupt von der schwermütigen Barockgeschichte nicht recht angetan. »Daily Mail« findet, man habe den Liebenden Unrecht getan, sie mit dieser Sarabande wiederzuerwecken.

Die zierliche, schmalgesichtige Joan Greenwood wurde ausgesucht, mit blondem Haar und blauen Augen die Hauptrolle zu spielen. Stewart Granger spielt den Grafen Königsmarck, elegant mit Spitzen und Agraffen, männlich mit dem Schwert. Die Französin Françoise Rosay ist die Kurfürstin Sophie und Flora Robson, Cleopatras Amme im Cäsar-Film, die Gräfin Platen. Die Gräfin ist im Film so bösartig, daß sie Königsmarck die glühendrote Brennschere ins Gesicht stößt.

Peter Bull spielt den Kurprinzen als einen dicken, rohen Lebemann, der seiner Frau das Geheimnis ihrer Liebe mit Gewalt zu entreißen versucht (s. Titelbild). Peter Bull ist ein neues Gesicht im englischen Film. Er filmte schon in Hollywood in einer Nebenrolle, die nachher unter der Schere des Cutters fiel. Mr. Bull legte seine Dollar-Gage in London in einer Bühneninszenierung an. Ihr hat er es zu danken, daß er den Filmproduzenten auffiel.

Viele seelische und materielle Glanzlichter wurden dem Zelluloid aufgesetzt. Für ein Staatsbankett liehen englische Juweliere historisches Tafelsilber im Werte von 8000 Pfund her. Die Tische bogen sich nahezu unter den Schätzen.

Die Schlemmereien waren weniger echt. Kuchen, Braten und Geflügel bestanden inwendig aus geknülltem Zeitungspapier, die Früchte waren aus Papiermaché. Was die Schauspieler wirklich aßen, war nicht von Pappe, sondern echt wie der Wein, der getrunken wurde.

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