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CHINA Liebe rehabilitiert

Bisher sollte Chinas Jugend unschuldig bleiben bis zur späten Heirat. Jetzt entdeckte die Partei die Liebe wieder.
aus DER SPIEGEL 5/1979

In dunklen Ecken der Parks und Pagoden haben verwegene junge Paare es immer gemacht, aber gegen den Willen der Partei: Denn Chinas unverheiratete Jugend sollte alle ihre Kraft für Vaterland und Arbeit aufwenden.

Deshalb mußte, wer etwas werden wollte, mit der Heirat bis Ende 20 warten, bis dahin keusch bleiben, danach höchstens zwei Kinder kriegen.

»Wenn die Leute später heiraten, hat ihr Geist mehr Macht über ihren Körper, was es ihnen ermöglicht, ihre Probleme klug zu lösen und ihre sexuellen Bedürfnisse zu bremsen, damit sie ihre Gesundheit nicht durch Exzesse beeinträchtigen«, erläuterte 1962 Genosse Jang Msiou in der Zeitschrift »Jugend in China«.

Der Puritaner: »Sie können außerdem mehr Energie für den Staat und das Gruppenleben aufbringen ... Deshalb stellt die späte Heirat eine objektiv bessere Bedingung für den politischen Fortschritt dar.« Die Zeitschrift »Der Mittelschüler« stufte sogar Selbstbefriedigung und nächtliche Samenergüsse als Krankheiten ein.

So blieben die meisten Chinesen kindhaft und frustriert, zugleich stiegen die Sexualdelikte. Ständig wurden schwere Strafen für Vergewaltigungen verhängt: Auf Teilnahme an Massennotzucht stand gar der Tod.

Jetzt aber rehabilitiert die Staatspartei die Liebe. »Ein Weg, junge Leute gegeneinander aufzubringen und ihr geistiges Wachstum zu verkrüppeln, war das Verbot jeder Diskussion über Liebe und Ehe, einen untrennbaren Bestandteil ihres Lebens«, distanzierte sich die Januar-Nummer der Zeitschrift »China im Aufbau« von der spießbürgerlichen Vergangenheit:

»Junge Leute durften nicht darüber reden, Schriftsteller davon nichts erwähnen. Liebe wurde als sinnlich, ordinär, gemein und obszön verdammt. Den Zeitungen, Zeitschriften, dem Rundfunk, Theater und Kino war untersagt, das Thema anzurühren«, schrieb das Blatt. Die proletarischen Revolutionäre sollten Asketen sein.

Chinas Reform-Partei hat die Unmenschlichkeit der Prüderie erkannt -- und auch landeseigene Folgen der verordneten Keuschheit: Manche Mädchen verweigerten laut »China im Aufbau« die Ehe, bis der Auserwählte eine angemessene Mitgift beisammen hatte, eine Art Brautkauf im sozialistischen China: »Eine vollständige Möbelausstattung, neue Kleider, Nähmaschine, Transistorradio.«

Schon im Juli vorigen Jahres hatte die Pekinger »Volkszeitung« das Tabu gebrochen: Sie veröffentlichte die erste Liebesgeschichte seit zwölf Jahren. Darin wurde von einem Fabrikarbeiter und seiner Kollegin erzählt, die zueinander nicht kommen konnten, weil Schwiegermutter dagegen war. Dann geriet er noch unter Krebsverdacht, am Ende aber kriegten sie sich und ein Kind dazu.

Eine Literaturzeitschrift brachte anschließend eine Novelle, die auch noch im Rundfunk als Hörspiel verbreitet wurde: Der Autor, ein Postbote, erzählte davon, wie er als Kind gelernt hatte, Liebe sei »etwas Vornehmes«. Später mußte er lernen, daß Liebe »etwas Vulgäres« sei. Nun schilderte er, »was Liebe wirklich ist«.

Offenbar etwas Schönes. Nach der Rundfunksendung brach in der Pekinger Handtuch-Fabrik eine vierstündige Debatte aus. Ein Meteorologe aus der Erdbeben-Stadt Tangschan erklärte öffentlich, die Liebe sei keineswegs ein kleinbürgerliches Gefühl, sondern »ein wichtiger Teil im Leben der proletarischen Revolutionäre«.

Revolutionär Mao selbst war dreimal verheiratet und verfaßte Liebesgedichte. Während des Bürgerkrieges tauschte er in seiner Höhlenburg Jenan, wo die Genossen freie Liebe übten, seine angeheiratete Frau gegen die attraktive Schauspielerin Tschiang Tsching ein. Damals beschwerte sich der puritanische Marx-Übersetzer Wang Tsching-wei in der »Freiheits-Zeitung« von Jenan, die »großen Fische« gäben sich »schamlosen und unsinnigen Vergnügungen hin«.

Ein bißchen davon wünscht sich nun auch das Volk. In einer Neun-Seiten-Wandzeitung an der Pekinger »Demokratie-Mauer« warf ein Freigeist namens Jung Ni »einigen Autoritäten« vor, sich selbst nicht an die den Massen auferlegte Enthaltsamkeit zu halten.

Der Aufklärer proklamierte: »Die Chinesen müssen frei sein, sexuelle Beziehungen anzuknüpfen, wenn sie das wollen und mit wem sie wollen.« Sex ohne Ehe mindere den Streß, verhindere Kriminalität, senke sogar die Geburtenrate.

Die Rudel von Lesern vor den Plakaten zeigten sich aufgeregt. Einer malte über Jung Nis Unterschrift: »Eine äußerst gefährliche Giftschlange.« Der Korrespondent der »Washington Post«, Jay Mathews, fragte einen jungen Mann nach dem Inhalt der Wandzeitung. »Uh, uh«, äußerte der, »uh ... ein paar Jugendprobleme.«

Wandzeitungs-Autor Jung hatte die neue Pekinger Kulturpolitik gelobt -- jetzt werden planmäßig US-Filme wie »Sein größter Bluff« mit Gregory Peck importiert. Sie laufen auch im Fernsehen; Peck mit Zylinder wirbt auf riesigen Plakaten für die Kinos.

Jung Ni: »Gewisse Leute fürchten, daß wir, wenn man uns das Ansehen ausländischer Filme gestattet, Nacktszenen betrachten. Manche Leute kann das reizen, aber ihre Gehirne in Wahrheit nicht beschädigen.«

Im Januar lief in Peking der »Glöckner von Notre-Dame« an -- mit dem reizenden Dekolleté der Gina Lollobrigida. So weckt man Bedürfnisse: Büstenhalter gab es bisher nur in einem kleinen Laden auf Shanghais Nanking Road, und nur Schauspielerinnen trugen sie (wenn nicht alles täuscht). Jetzt liefert die japanische Wacoal Company Ausrüstung und Know-how für die Massenproduktion von Dessous, die später auch für Chinesinnen zu haben sein sollen.

Frisiersalons fertigen wieder Dauerwellen; auch einen Rock zu tragen, ist wieder gestattet, wenn auch noch unüblich. Sogar eine bunte Seidenbluse trug demonstrativ beim Staatsbesuch in Japan die Ehefrau des Vizepremiers Teng, Genossin Tscho Lin, 64.

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