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»LIEBE, TREUE ÜBERALL«

Einmütigkeit besteht darüber: das deutsche Temperament neigt nicht zur Erhebung; es sei denn auf allerhöchsten Befehl. Ansonsten haben Konzessionen von oben genügt, revolutionären Elan zu brechen.
aus DER SPIEGEL 45/1968

Heinrich Heine: »Die Romantische Schule«, 1833:

Kein Volk hegt mehr Anhänglichkeit für seine Fürsten wie das deutsche ... Wir hätten auch den Napoleon ganz ruhig ertragen. Aber unsere Fürsten, während sie hofften, durch Gott von ihm befreit zu werden, gaben sie auch zugleich dem Gedanken Raum, daß die zusammengefaßten Kräfte ihrer Völker dabei sehr mitwirksam sein möchten: ... Man befahl uns den Patriotismus, und wir wurden Patrioten; denn wir thun alles, was uns unsere Fürsten befehlen ...

Was sich bald darauf in Deutschland ereignete, Ist euch allzuwohl bekannt. Als Gott, der Schnee und die Kosaken die besten Kräfte des Napoleon zerstört hatten, erhielten wir Deutsche den allerhöchsten Befehl, uns vom fremden Joche zu befreien, und wir loderten auf in männlichem Zorn ob der allzulang ertragenen Knechtschaft, und wir begeisterten uns durch die guten Melodien und schlechten Verse der Körnerschen Lieder, und wir erkämpften die Freiheit; denn wir thun alles, was uns von unseren Fürsten befohlen wird ...

Franz Grillparzer: »Erinnerungen aus dem Jahre 1848":

Am ernsthaftesten, aber freilich auch am absurdesten nahmen es die Studenten, die sich als die Helden der Bewegung betrachteten. Da man mit Erteilung der Konstitution zögerte, wollten sie die Burg stürmen. Sie dachten dabei weniger an den Sieg als an die Ehre, für die Freiheit zu sterben. Sie stritten sich um den ersten Platz beim Angriff. Ein nichts weniger als aufgeregter Professor sagte mir: Ich bin überzeugt, sie nehmen die Burg ein. Endlich erschien das Versprechen einer Verfassung. Der Kaiser fuhr durch die Stadt. Jubel, Vivats, Anhänglichkeit, Liebe, Treue überall, und zwar aus reinem Herzen ...

Der liberale Historiker Carl von Rotteck über die 1830er Revolution in Deutschland:

Allerdings ist es eine betrübende Wahrnehmung, auch in der Mitte des teutschen Volkes, des wegen seiner Unterthanentreue und Folgsamkeit so gepriesenen, dergleichen Aufstände ausbrechen zu sehen. Doch hinwieder tröstlich ist die Betrachtung, daß das teutsche Volk, wenn es durch außerordentliche Umstände oder Noth in Aufregung gesetzt worden, doch allsogleich wieder zur Ordnung zurückkehrt, sobald ihm die dringendste Rechtsgewährung zu Theil wird, und daß auch solche Rechtsgewährung, wenn sie zur gehörigen Zeit stattfindet, das zuverlässigste Mittel ist, jeden Aufstand unter ihm zu verhüten ... Madame de Stael Ober den Charakter der Deutschen:

... leider muß man bekennen, daß die Deutschen der Jetztzeit das, was man Charakter nennt, nicht besitzen. Sie sind als Privatleute, als Familienväter, als Beamte tugendhaft und von unbestechlicher Redlichkeit; ihr gefälliger und zuvorkommender Diensteifer gegen die Macht aber schmerzt, besonders wenn man sie liebt und sie für die aufgeklärtesten spekulativen Verteidiger der Menschenwürde ansieht.

Die Schärfe des philosophischen Geistes hat sie nur gelehrt, unter allen Umständen die Ursache und die Folgen dessen zu erkennen, was geschieht, und ein Faktum scheint ihnen gerechtfertigt, sobald sie eine Theorie dafür gefunden. Sie verstehen unter militärischem Geist nur eine pedantische Taktik, die ihnen das Recht gibt, nach allen Regeln geschlagen zu werden, und unter Freiheit nur jene Unterteilung in kleine Ländchen, die, da sie die Bürger daran gewöhnt, sich als Nation schwach zu fühlen, sie bald dazu führt, sich auch als Individuen schwach zu zeigen.

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