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LLOYD-MOTOREN-WERKE Liebe zu Arabella

aus DER SPIEGEL 6/1964

Wenn sich die Voraussage von Dr. Wilhelm Reinstorf erfüllt, wird der Konkurs der Lloyd-Motoren-Werke GmbH mit einem in Westdeutschland einmaligen Ergebnis enden: Die Forderungen der Gläubiger werden hundertprozentig befriedigt.

Einen ersten Abschlag in Höhe von 30 Prozent ihrer Ansprüche wird der 52jährige Konkursverwalter Reinstorf nächste Woche sogar jenen Gläubigern auszahlen, die sich nicht von Konsul Borgward Sicherheiten für ihre Lieferungen hatten geben lassen. Auch ihnen gelobte Reinstorf: »Ich habe die Hoffnung, daß alle ihr Geld kriegen werden.«

Als Lloyd im November 1961 wie die beiden anderen Firmen des enragierten Autonarren Borgward - die Carl F. W. Borgward GmbH und die Goliath -Werk GmbH - zusammenbrach, erhoben die Geschäftspartner Ansprüche in Höhe von 267 Millionen Mark. Gemessen an dem verbliebenen Vermögen hätte das allenfalls zu einer Entschädigungsquote von 25 Prozent gereicht.

Auch samt Grundstücken, Gebäuden und Maschinen fand Konkursverwalter Reinstorf damals kein Vermögen in vergleichbarer Größenordnung vor. Die Bestandsaufnahme erfaßte außerdem noch

- 4600 unverkaufte Automobile des

Typs Arabella,

- ein Ersatzteillager und Fertigteile im Neuwert von sechs bis sieben Millionen Mark sowie

- einen größeren Posten Halbfabrikate.

Die Aussichten auf Entschädigung besserten sich erst, als Reinstorf die unverhältnismäßig hohe Forderung des argentinischen Gläubigers Manfredo Taubenfeld abwehren konnte. Der Südamerikaner hatte 1961 mit Borgwards Firma Lloyd einen Vertrag über die Einfuhr von 50 000 Arabellas unter dem Vorbehalt abgeschlossen, daß die argentinische Regierung das Geschäft bis zum 31. Dezember 1961 genehmigen werde.

Der Rechtsanwalt Reinstorf fand heraus, daß die Genehmigung nicht erteilt worden war. Er konnte Taubenfelds Anspruch auf 161 Millionen Mark mithin guten Gewissens zurückweisen. Der Schuldenberg schrumpfte damit erheblich zusammen. Nach Abwehr weiterer unberechtigter Ansprüche blieben schließlich 60 Millionen Mark echte Schulden übrig.

Einer der größten Posten unter den Forderungen war der Schadenersatzanspruch von Zulieferfirmen, die bis zuletzt Material für die Ausrüstung von 3000 Arabella-Fahrzeugen an Lloyd kontrahiert hatten. Reinstorf: »Ich stand damals vor der Frage, soll ich das Material verschrotten lassen und dabei nur fünf Prozent des Wertes erzielen, oder gibt es einen besseren Weg?«

Der Anwalt entschloß sich, unternehmerisch tätig zu werden. Statt den Lieferanten den Schaden zu ersetzen, kaufte er ihnen ihre Produkte ab und ließ sie in den Lloyd-Werkhallen von seiner Restmannschaft - 600 Arbeiter - zusammenbauen. Der Gläubigerausschuß stimmte diesem Verfahren zu.

Reinstorfs Geschäft lief so gut, daß die Lieferfirmen ihm, da er bar zahlte, bald sogar die handelsüblichen Skonti einräumten. Bis Jahresende 1963 kaufte der Konkursverwalter für 19 Millionen Mark Material.

Als im November die Montagebänder bei Lloyd endgültig gestoppt wurden, hatte er mit seiner Belegschaft 1327 neue Arabellas gefertigt. Mit den auf Lagerplätzen und Wiesen angehäuften 4600 Arabellas aus der Zeit vor dem Konkurs setzte die Firma insgesamt noch rund 6000 Fahrzeuge ab. Etwa die Hälfte davon wurde in der Bundesrepublik verkauft. Der Rest fand Käufer in Spanien, Irland, den Benelux -Ländern und im Nahen Osten.

Dabei machten die Käufer ein gutes Geschäft. Um die Lager zu räumen, verlangte Reinstorf nämlich für die fabrikneue 38-PS-Limousine statt des früheren Listenpreises von 5490 Mark nur noch 4750 Mark.

Der Abschlag machte die Arabella um 230 Mark billiger als den Export-VW und um 200 Mark billiger als das 34-PS-Fahrzeug DKW Junior. Da die Arabella nach anfänglichen technischen Mängeln noch zu Borgwards Zeiten völlig ausgereift war, fand sie unter Kennern reißenden Absatz. Den Verkauf besorgte Borgwards Händlerorganisation, die »Lloyd trotz neuer Engagements die Treue gehalten hat« (Reinstorf).

Durch den Produktionserlös senkte Reinstorf die Schadenersatzforderungen der Lieferanten auf drei Millionen Mark. Außerdem konnte er das im Werk lagernde Vormaterial, statt es - zum Schrottwert - halbwegs zu verschenken, mit fünf Millionen Mark Gewinn verwerten. Der Konkursverwalter kurbelte auch die Ersatzteilproduktion an.

Zu Weihnachten 1963 schrieb das Werk in einem Rundbrief: »Die Liebe der Lloydwagenfahrer zu ihrem Wagen und der Einsatz der Belegschaft bei der Lloyd-Motoren-Werke GmbH in Konkurs in Verbindung mit unseren Händlern haben es ermöglicht, daß heute noch über 250 000 Lloydwagen in Westdeutschland und Westberlin mit den notwendigen Ersatz- und Austauschteilen versorgt werden können.«

Der Verkauf von Ersatzteilen schlug sogar noch stärker zu Buch als das Neugeschäft. Von August 1961 bis Ende 1963 setzte Lloyd für 28 Millionen Mark Ersatzteile ab. Auch die Lloydsche Reparaturwerkstatt in Bremen brachte Geld ein. In ihre Kassen flossen unter Reinstorfs Leitung drei Millionen Mark.

Das Werksgelände und einen Teil der Maschinen verkaufte Reinstorf für 29 Millionen Mark an den Siemens-Konzern. Nur in einem Punkt blieb dem Anwalt der Erfolg versagt: Es gelang ihm nicht, die kompletten Fertigungsanlagen der Arabella zu verkaufen, obschon er mit zahlreichen Interessenten Gespräche führte.

Am weitesten waren die Verhandlungen mit einer rumänischen Delegation gediehen, deren Mitglieder die Bremer Anlagen mehrmals inspiziert hatten. Zum Schluß jedoch zerschellte das Geschäft an einem Einspruch aus Moskau. Reinstorf: »Weil ein Pkw-Werk in Rumänien offenbar nicht in die Comecon-Pläne paßte.«

Von den 60 Millionen Mark Lloyd -Schulden hat Reinstorf dennoch inzwischen 45 Millionen abgetragen. Und den restlichen Forderungen in Höhe von 15 Millionen Mark stehen einige handfeste Vermögenswerte gegenüber:

- Fabrikationsanlagen im Buchwert

von neun Millionen Mark;

- ein Ersatzteillager im Wert von vier

Millionen Mark;

- Roh- und Halbfabrikate, die in Ersatzteile

umgearbeitet werden können, im Wert von zwei Millionen Mark und

- ein Barvermögen von fast zehn Millionen

Mark.

Reinstorf redet mithin nicht ins Blaue, wenn er meint: »Selbst wenn sich die Buchwerte nicht realisieren lassen, müßte genügend Geld für die Gläubiger übrigbleiben.«

Seine Anwaltskollegen Lange und Schulze, Konkursverwalter der Firmen Borgward und Goliath, erhoffen sich sogar einen Überschuß bei Lloyd, der den übrigen Gläubigern des verstorbenen Konzernchefs zugute kommen könnte. Bei der Borgward GmbH werden vermutlich kaum mehr als 35 Prozent der Forderungen aus dem verwertbaren Vermögen befriedigt werden können; bei Goliath ist überhaupt noch keine Quote ermittelt.

Borgward-Auto Arabella

Nach dem Zusammenbruch ... Lloyd-Konkursverwalter Reinstorf

... noch 1300 Wagen produziert

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