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RIVER KWAI Liebe zur Lok

Japanische Veteranen luden ihre ehemaligen alliierten Kriegsgefangenen zu später Versöhnung an die Brücke am Kwai.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Der Amerikaner Stanley Willner, 56, stand stumm am Ufer des schlammigen Flusses, mitten in den tropischen Dschungeln Thailands -- und betete.

Nicht weit entfernt von ihm überquerte eine seltsame Gruppe eine primitive Brücke: Australier in Khaki-Shorts und Kniestrümpfen; ein Amerikaner, zwei US-Flaggen an einer Bambusstange vor sich her tragend; Japaner im dunklen Anzug mit Trauerflor am Arm, ihre Frauen im feierlich schwarzen Kimono hinterdrein.

Die Szene unter wolkenverhangenem Himmel, am Montag vergangener Woche, gemahnte an die leicht verkitschte Schlußeinstellung einschlägiger Hollywood-Filme und hätte einen vielversprechenden Titel haben können: Die Brücke am Kwai, Teil II.

Auf den Tag 33 Jahre nach Fertigstellung der berüchtigten Brücke über das Flüßchen Kwai, unweit der thailändisch-burmesischen Grenze, sahen sie einige ihrer Erbauer wieder: ehemalige alliierte Kriegsgefangene und ihre damaligen japanischen Bewacher,

Die bizarre Versammlung eine »Pilgerfahrt«, so manche Teilnehmer -- war die Idee des ehemaligen Dolmetschers der Kaiserlichen Japanischen Armee, Takashi Nagase, 58, gewesen. Seit Jahren schon hatte er nach einem Weg gesucht, den Haß abzubauen, den die brutale Behandlung alliierter Kriegsgefangener durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg auch heute noch wachhält.

Großjapans Militärs hatten sich nach der Eroberung fast ganz Südostasiens eine strategische Verbindung von Bangkok an die burmesische Front bauen lassen. Es wurde eine »Todeshahn": Für Brückenschlag und Gleislegung schufteten 185 000 Zwangsarbeiter. 120 000 Thais, Burmesen, Malaien, Chinesen und Vietnamesen ließen dabei 1943 ihr Leben; 30000 alliierte Soldaten starben bei der Fron.

Doch es bedurfte erst der Filmindustrie, einen Streckenabschnitt der Todesbahn zum Symbol zu machen: die Brücke am Kwai.

Millionen Menschen in aller Welt sahen, auf Breitwand und in Farbe, die Leiden des Briten-Obersten Nicholson (Alec Guinness), den Bau-Gehorsam seiner zerlumpten Mitgefangenen, die ruhmreiche Vergeltung: Tödlich verwundet sprengt Nicholson-Guinness die Brücke über den Kwai in die Luft. Millionen pfiffen den »River-Kwai-Marsch«.

Die bittere Erinnerung der Überlebenden von 1943 ließ Nagases große Versöhnung 1976 recht mager ausfallen: Nur 10 Lager-Überlebende fanden sich zum Rendezvous ein, ganze 42 japanische Ex-Wärter frischten ihre Erinnerungen vor Ort auf, legten für die unzähligen Toten papiergefaltete Kraniche nieder -- traditionelles Symbol des Friedens.

Organisator Nagase und seine Frau weinten hemmungslos. Stan Willner kapselte sich ab, voll Verbitterung: »Wenn man all die Menschen hier vor 30 Jahren leben und wie die Fliegen sterben gesehen hat Die anderen Pilger lachten und verdrängten lästige Horrorvisionen der Dschungel-Vergangenheit. Dann fuhren die 52 Brücken-Heimkehrer und ihre Frauen in vollklimatisierten Bussen zum Mittagessen -- die (getrennten) Gedenkfeiern am Soldatenfriedhof hatten nur wenige Minuten gedauert.

Währenddessen dampfte Kazumi Sasaki, 57, mit einer Uralt-Lokomotive von Bangkok in Richtung Kwai-Brücke. Genau auf dieser Lok Nr. 719 war er schon im Krieg hier gefahren.

Jetzt hatte er sie erworben, um sie als Monument an der Friedensbrücke über den Kwai abzustellen. »Ich liebe die Lok wie meinen Sohn«, sagte er, »und ich glaube, sie würde auch weinen, wenn sie mich sehen könnte.«

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