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Schach Lieber Bube als Dame

Was Schachspieler von anderen Deutschen unterscheidet, ermittelte das Emnid-Institut.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Nur fünf Deutsche können sich rühmen, je den jüngst entthronten Schach-Weltmeister Boris Spasski besiegt zu haben. Zu ihnen zählen neben dem GroLlmeister Klaus Darga auch einige unbekannte Schachspieler, gegen die Spasski im Simultanspiel antrat. Im September 1970 spielte der Sowjet. mensch für 400 Dollar plus Spesen in Hamburg gegen 40 Hansestädter zugleich. Spasski gewann 19 und verlor vier Partien, der Rest war Remis.

Die Spasski-Besieger gehörten ausnahmslos Schachvereinen an. Etwa 48 000 organisierte Schachspieler gibt es nach Schätzungen des Deutschen Schachbundes in der Bundesrepublik. Sie sind eine kleine Minderheit unter jenen Bundesbürgern, die »zur Zeit öfters mal« Schach spielen. Das tun 14 Prozent aller Deutschen über 18, insgesamt 6,2 Millionen, fast doppelt so viele Männer wie Frauen.

Diese Zahlen ermittelte im Auftrage des SPIEGEL das Bielefelder Emnid-Institut bei einer repräsentativen Umfrage unter 2000 Bundesbürgern.

Kreuzauswertungen ergaben, daß sich das Grübelspiel der größten Beliebtheit bei Deutschen in den sogenannten besten Jahren erfreut: Mehr als ein Fünftel aller Bundesbürger in der Altersgruppe zwischen 30 und 40 hantiert mit Türmen, Bauern und Springern. Mit zunehmendem Alter werden die Kämpfer jedoch matt: Zwischen 50 und 64 spielt nur noch jeder zehnte.

Schachspieler scheinen auch aktiver und positiver zu ihrer Umwelt eingestellt zu sein als Nichtspieler. Sie klagen weniger häufig über Krankheiten, zählen seltener zu den Stubenhockern und haben häufiger als andere eine politische Überzeugung. Nur jeder vierte Schachspieler, sonst aber jeder dritte Bundesbürger ist unentschlossen. welche Partei er gegenwärtig wählen würde.

Ein Übermaß an Freizeit erweckt durchaus nicht die Begeisterung für das zeitraubende Brettspiel. Nur neun Prozent der Rentner hocken sich »öfter mal« zu einer Partie hin. Und eher noch als Berufstätige (17 Prozent) finden junge Mitbürger, die mit ihrer Aus-

* Im September 1970 in Hamburg.

bildung noch nicht fertig sind, Zeit für Schach: 34 Prozent.

Wer jetzt das meiste Geld verdient und einst die beste Schulbildung genossen hat, besitzt auch die stärkste Affinität zu dem elitären Lustgewinn. 42 Prozent aller Deutschen mit einem persönlichen Netto-Einkommen von mehr als 3000 Mark monatlich widmen sich dem sogenannten königlichen Spiel. Von den Fußkranken des Sozialstaates (Monatseinkommen unter 600 Mark) gönnen sich nur neun Prozent dieses Vergnügen.

Beamte (31 Prozent) und Angestellte (26 Prozent) in leitender Position brüten weitaus zahlreicher über dem karierten Brett als Arbeiter (elf Prozent) oder gar Bauern (sechs Prozent).

Das deutscheste aller Spiele -- Skat -- zieht solche Klassenschranken nicht. Das Ausspielen von Buben ist weit beliebter als das Verschieben von Damen: 32 Prozent der Bundesbürger spielen Skat, mehr als doppelt so viele wie Schach. Anders als beim Schach mischen auch Arbeiter (42 Prozent Skat. spieler) und Bauern (28 Prozent) kräftig mit. Lediglich die Frauen sind deutlich unterrepräsentiert: nur 13 Prozent gegenüber 53 Prozent der Männer reizen mit.

Ehemalige Abiturienten und Hochschüler sind beiden Spielen fast gleich zugetan: 34 Prozent spielen Schach, 37 Prozent kloppen Skat.

Gering wird Schach in allen bundesdeutschen Dörfern mit weniger als 2000 Einwohnern geachtet. Am größten ist der Anteil der Fans in Städten mit 100 000 bis 500 000 Einwohnern.

Und wie in den deutschen Bundesländern unterschiedlich viel gemischt und gereizt wird, schwankt auch die Schachfrequenz beträchtlich. So huldigt ein Viertel aller Bewohner Baden-Württembergs dem Brett-Spiel, aber nur sieben Prozent der Bayern vermögen sich da für zu begeistern.

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