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SPANIEN Lieber im Bunker

Der rechte Flügel des Regimes formiert sich zum Kampf gegen »Anti-Spanien«. Die Reformpolitik der Franco-Nachfolger stößt schon an ihre Grenzen.
aus DER SPIEGEL 17/1976

Die alten Kämpfer beschworen den größten Kriegshelden des Landes, den sagenumwobenen Cid Campeador, von dem die Legende berichtet, daß er selbst nach seinem Tode noch, festgeschnallt auf seinem Roß, eine Schlacht gewann:

Wie der ruhmreiche Bezwinger der Mauren im Mittelalter, so forderte die ultrarechte Vereinigung von Bürgerkriegsveteranen in Madrid, soll jetzt der tote Franco Spanien noch einmal zum Sieg führen -- über das »halsstarrige und fanatische Anti-Spanien, das auf unserem Boden wiederersteht«.

Anti-Spanien, das ist in den Augen der Rechten die immer noch illegale Opposition zum Franco-Regime. Vor wenigen Wochen schlossen sich 15 ihrer wichtigsten Gruppen zu einer Aktionseinheit für einen »friedlichen Bruch« mit der Diktatur zusammen -- seither reden die Vasallen Francos wieder vom Bürgerkrieg.

Für sie ist das Oppositionsbündnis eine »Volksfront, deren Gründung den Verteidigungsinstinkt all jener weckt, die eine nationalistische und humanistische Auffassung von der Welt haben«, verkündete der einflußreiche neuernannte Nationalrat der Bewegung Fernando González de Ia Mora und schlug als Antwort eine »Nationale Front« vor -ganz wie einst im Bürgerkrieg. Und schon überkam es den Ex-Chef der Guardia Civil, General Iniesta Cano, 67: »Wir sind im besten Alter, unser Leben für das Vaterland zu opfern.«

Tatsächlich wurde in den vergangenen Wochen offenbar, was die 36 Jahre erzwungenen Franco-Friedens nur oberflächlich kaschiert hatten: daß die beiden feindlichen Lager des Bürgerkriegs einander auch heute noch unversöhnt gegenüberstehen.

In linken Buchhandlungen und den Redaktionen regimekritischer Zeitschriften wie dem Madrider Wochenblatt »Cambio 16« wurden von Rechten gelegte Bomben gefunden. Als die Zeitschrift »Doblón« über wichtige Umbesetzungen in Guardia Civil und Heer berichtete, wurde ihr Chefredakteur Jost Antonio Martinez Soler von vier Unbekannten in die Guadalajara-Berge entführt und halbtot geschlagen -- sie wollten wissen, ob er seine Informationen etwa aus unter den Rechten kursierenden Geheimdossiers habe.

Gewerkschafter, Rechtsanwälte. Schauspieler erhielten in den vergangenen Wochen Morddrohungen' Priester wurden von rechten Schlägertrupps verprügelt. In der baskischen Industriestadt Bilbao gingen allein in den vergangenen Tagen fünf Bomben hoch, drei Häuser von angeblichen Sympathisanten der baskischen Guerilla-Organisation Eta wurden gesprengt.

Die für ein unabhängiges, sozialistisches Baskenland kämpfende Eta ihrerseits, schlagkräftigste militante Organisation der Linken, radikalisierte sich ebenfalls: Sie tötete erstmals einen von ihr entführten Zivilisten -- den Industriellen Angel Berazadi. Darauf nahm die Polizei 87 angebliche Eta-Leute fest.

Zwischen den Fronten scheinen die ohnehin nur halbherzigen Ansätze zur Reform nun vollends aufgerieben zu werden -- einer Reform, der Rechte wie Linke ohnehin von Anfang an mißtraut hatten, obschon die Linke zunächst immerhin eine Art Waffenstillstand einhielt.

Der Chef der rechtsextremen »Christkönigskrieger«, Mariano Sánchez-Covisa, erstattete Anzeige gegen die drei als Reformer angetretenen Minister für Inneres, Fraga, für Äußeres, Areilza, und für Justiz, Garrigues -- mit der Begründung, sie hätten einen Gesetzentwurf zur Zulassung von Parteien erarbeitet, der ausdrücklich »totalitäre Parteien« verbietet. Das aber verstoße gegen die von Franco verordneten Grundprinzipien der Bewegung.

Sánchez-Covisa, nach eigener Aussage Exoffizier der Waffen-SS: »Es ist nichts Schlimmes, totalitär zu sein, im Gegenteil. Totalitäre Gruppen sind gut. Als totalitär hat sich ja einst das spanische Regime definiert.«

Lautstark und selbstbewußt bekennen sich die Rechten inzwischen zum »Bunker« als ihrem -- nach Hitlers Führungsbunker von den Oppositionellen so benannten -- politischen Standort: »Als Spanier und Christen«, so tönte der Cortes-Abgeordnete Blas Pinar kürzlich, »sind wir lieber im Bunker als in der Gosse.«

Für Spaniens Linke aber zerstoben die Illusionen von der Liberalisierung spätestens nach den gewalttätigen Unruhen in der baskischen Stadt Vitoria, bei der Polizisten fünf demonstrierende Arbeiter erschossen. Über 1000 Priester unterzeichneten eine Erklärung, in der sie die »selbsternannten Reformer« an. klagten, »die Demokratisierung verkünden, aber durch ihre Taten zeigen, daß ihre politischen Ideen nicht nur autoritär, sondern sogar faschistisch sind«.

Als Innenminister Fraga nach Gründung des Oppositionsbündnisses dann auch noch vier linke Vertreter der neuen Gruppierung verhaften ließ -- darunter den erst kürzlich wieder freigelassenen Arbeiterführer Marcelino Camacho -, verlor er, der als Reformer angetreten war, vollends seine Glaubwürdigkeit.

König und Regierung, so klagte der Generalsekretär der Sozialistischen Arbeiterpartei Spaniens. Felipe González, hätten »in sträflicher Weise die historische Stunde für einen friedlichen Neubeginn verpaßt«.

Ob Fraga mit seinem neuesten Projekt -- der Gründung einer Massenpartei. die von der Mitte bis zur Rechten reichen soll -- die sich ankündigende Konfrontation noch abwenden kann. ist zweifelhaft.

Schon in den ersten drei Monaten dieses zum »Jahr der Reformen« deklarierten Jahres stehen vor dem Madrider »Gericht für Öffentliche Ordnung« mehr Fälle zur Verurteilung an als in allen zwölf Monaten von 1975 zusammengenommen.

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