Zur Ausgabe
Artikel 2 / 55
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Lieber Spiegel-Leser!

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 16/1961

Jede Generation braucht eine Publikation, die sich weil von den Tatsachen und der Wirklichkeit entfernt. Unsere Großeltern lasen die »Gartenlaube«, wir lesen den SPIEGEL. Beneidenswerte Großeltern!

Oberst Schmückle, Pressechef des Bundesverteidigungsministeriums, über den SPIEGEL-Titel »Neuer CSU-Chef Strauß«.

Der Journalist, wenn er etwas taugt, hat mehr als die meisten anderen Berufs-Berufenen ein Gefühl des Ungenügens. Zu oft rinnt durch seine Finger nur die abgegriffene Kleinmünze der Allerweltswahrheit. Was die größte Stärke des Politikers sein kann - die gängigste Weisheit möglichst gemeinplätzig auf den Markt zu bringen -, muß dem Journalisten zum Nachteil ausschlagen. Er mag eine Pfennigmünze noch so grimmig putzen, er mag sie mit noch so großartigem Schwung unters Volk werfen, er ehrt einen Pfennig, und der Taler, dessen er ebenso wert sein mag, stellt sich nur selten und mit Glück ein.

Vorige Woche, als wir unsere Titelgeschichte über Franz-Josef Strauß druckten, hatte Ich das Gefühl, wir seien unsere Mark wert. Zwar, das Bundesverdienstkreuz oder den Joseph-Drexel-Preis des Nürnberger Olympia-Verlags »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Publizistik und der Illustration« werden wir mit diesem Artikel wohl nicht erringen. Auch der Theodor-Wolff-Preis der »Welt« wird uns kaum zufallen. Aber entschädigt fühlten wir uns für manches Versagen, für so manchen Irrtum und für die sporadischen Zeiten der Flaute. Einer Wahrheit ans Licht zu helfen, die unter der glatten Oberfläche der Volksmeinung schlummert, diese notwendige Wahrheit unangreifbar zu fassen und in 400 000 Exemplaren bis in den hintersten Winkel auf die Reise zu schicken, so daß niemand mehr sagen kann, sie sei ihm nicht zugänglich gewesen, eine Wahrheit, der die etablierten Führer und Meinungsmacher aus Bequemlichkeit und Eigensucht bislang ausgewichen sind - das ist die einzige Möglichkeit für den Journalisten, die Wirklichkeit zu verändern: Er kann sagen, was ist.

Wenn Sie mir den Luxus gestatten, von einer persönlichen inneren Befriedigung zu sprechen, so muß ich Ihnen sagen, daß wir uns letzte Woche in die Anfänge des SPIEGEL zurückversetzt fühlten, da wir uns als blutjung-blutige Zeugen der Vernichtung unter dem unausgesprochenen Fahnenschwur »Dies nicht wieder!« zusammentaten und uns, nur halb bewußt, das Instrument formten, um, von niemandem gehindert, sagen zu können, was ist: Rebellen von der Art des Gerhart Hauptmannschen »Hamlet«, gefallene Engel, verlorene Kinder Gottes, die gezwungen sind, die grausame Wahrheit der menschlichen Blindheit aufzudecken.

Was ist in diesen letzten fünfzehn Jahren aus dem Volk geworden, das die Taten Eichmanns in unserer, in der feldgrauen Uniform verteidigt hatte?

Sicher hat es dem Frieden gedient, hat jede Verschärfung zum Kriege hin nur mit äußerstem Widerwillen akzeptiert, ist gegen die Verketzerung seitens der Ideologien und der Anti-Ideologien aufgestanden? Sicher haben seine Denker und. Priester die ins Auge gefaßte Vernichtung der Menschheit als unausdenkbar, als gegen Gottes und des Menschen Geist verstoßend gebrandmarkt? Sicher hat es gehandelt nach dem demütig-stolzen Wort: »Wenn Gott den Frieden nicht will, ich will ihn!«?

Sicher hat dieses unser Volk einen unausrottbaren Abscheu gegen die nackte Machtausübung zurückbehalten, gegen die bloßen Techniker der Macht, denen jede Produktionsziffer, jede Erfindung, jeder Glaubenssatz und jede menschliche Emotion nur als Sprosse zu mehr Macht bedeutsam und deren Geisteshaltung nicht besser ist als das Übel, gegen das wir uns verteidigen sollen? Sicher ist es in diesem. Volk schier unmöglich, daß irgendein Volksangehöriger bevorzugt wird, weil er während dieser wüsten Hitler-Zeit unsere, die feldgraue, Uniform getragen hat, und diffamiert wird, weil er eine andere trug?

Sicher sucht dies Volk, das Volk unter anderem auch Eichmanns, sich demnächst Kanzler-Nachfolger aus, die den Frieden wollen (auch wenn Gott ihn nicht zu wollen schiene) und in denen eine Ahnung lebt, was alles unwiederbringlich verlorenginge, wenn das Unausdenkbare unter den Segenssprüchen der Denker und Priester Ereignis und die Welt für Menschen unbewohnbar würde?

Dies Bündel Fragen aufwerfen, heißt zumindest zwei Fragen beantworten: Warum wir den SPIEGEL machen und warum Sie ihn lesen.

Herzlichst Ihr Rudolf Augstein

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 55
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.