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Lieber Spiegel-Leser!

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 8/1961

In dieser Nummer beginnen wir mit einer auf 15 Fortsetzungen geplanten Serie über den Bolschewismus, seine Entstehung und seine Aspekte für Gegenwart und Zukunft. Manch einer von Ihnen könnte sagen: »Wir sind gegen alles, was nach Kommunismus riecht, und das genügt uns. Wir wollen nicht wissen, wer des Teufels Ahn und wer seine Großmutter war. Es schert uns nicht, was der Deutsche Fichte und der Russe Dostojewski zu Lenins Ideen beigesteuert haben. Die Haltet-den-Dieb-Methoden der Zaren-Polizei interessieren uns so wenig wie Marxens Schimpforgien gegen alle Andersdenkenden. Und was, schließlich, sollen wir mit Lenins und Maos revolutionärer Strategie anfangen, wo wir weder eine Revolution planen noch in China leben?«

Beträchtlich viele unserer Leser werden so denken. Und dennoch drucken wir die neue Serie, die mehr Interesse und mehr geistige Anstrengung verlangt, als eine deutsche Zeitung von nunmehr 400 000 Exemplaren wöchentlicher Auflage voraussetzen darf. Wir glauben, daß die Lektüre lebenswichtig ist.

Ob wir überleben oder in einem Kernwaffen-Krieg, ich muß nun sagen »verrecken«, hängt einzig und allein von der Vorstellung ab, die wir von 'den Kommunisten haben und die der Kommunismus von uns hat, von der Frage in erster Linie, ob der Krieg als vermeidbar oder als unvermeidlich im System eines der beiden Partner liegend betrachtet wird. Setzt sich im Westen die Denkart des Franz-Josef Strauß durch, daß nämlich die Sowjets nur durch massivste Rüstung davon zurückzuhalten sind, einen Atomkrieg zu entfesseln, so bleibt uns allen nur noch eine Galgenfrist, wir sind dann wenig mehr als Tote auf Urlaub; andererseits, setzt sich im Ostblock die »chinesische Fraktion« mit der Lehrmeinung durch, daß Kapitalisten aufgrund ihres Systems den Krieg vom Zaun brechen müssen, ob sie nun wollen oder nicht, dann sind wir ebenfalls alle so gut wie begraben.

Sehen wir in den Sowjets den fleischgewordenen Antichrist, so muß sich die Katastrophe wie mechanisch entladen. Sehen wir dagegen im asiatischen Kommunismus das explosive Produkt einer langen, von uns wesentlich beeinflußten Entwicklung, sehen wir den alten Adam in uns wie in den Kommunisten, so haben wir noch eine Chance, davonzukommen. Scheren wir alle Kommunisten über einen Kamm, wie die Chinesen (und viele Russen um Chruschtschow) alle Kapitalisten in einen Topf werfen, so sind wir verloren. Differenzieren wir nach Herkunft und Geschichte, so haben wir einen Zipfel in der Hand, um Politik zu machen. Die Front geht weltweit durch alle Völker: die wissenden oder unwissenden Kriegstreiber auf der einen, die Undoktrinären, die Pragmatiker auf der anderen Seite, in Rußland, in der Bundesrepublik, in den USA, ja, wer weiß, vielleicht auch in China?

So entschieden der SPIEGEL in manchen Leitartikeln Partei nimmt, so leidenschaftlich bemüht sich die Serie »Warten aufs letzte Gefecht« um Unvoreingenommenheit. Keiner östlichen Agitationsparole, keiner westlichen Illusion wird irgendwelcher Kredit gegeben. Botschafter Smirnow, fürchte ich, wird nicht mit der Serie zufrieden sein.

In dem Bestreben, zu zeigen, wie was zu was gekommen ist, haben wir den Rahmen, der einer vielgeliebten und vielgehaßten, vor allem vielgelesenen Zeitschrift gesetzt ist, gesprengt. Aber ich habe es nicht über mich gebracht, ein Drittel zu kürzen. Die Wurzeln dieses bislang unerhörtesten menschlichen Abenteuers »Weltrevolution« reichen zu tief, wir mochten sie nicht kappen.

Wir bitten alle interessierten Leser, nicht zu erlahmen, wenn der Faden der Entwicklung zu fein gesponnen erscheint. Die Spuren des Geistes lassen sich nicht mit Leuchtspurmunition markieren, wie Napoleons und Bismarcks Siege. Die einzelnen Fortsetzungen sind so abgeteilt, daß Sie mit jeder wieder neu beginnen können, wenn Ihnen über der vorigen die Puste ausgegangen ist. Wer durchhält, das glauben wir versprechen- zu können, wird wie im Gänsespiel alle paar Felder belohnt und rückt eine Nummer weiter vor. Und verübeln Sie uns nicht, wenn wir Ihnen, was wir nie getan haben, empfehlen: sammeln Sie die SPIEGEL-Nummern dieser Serie, auch wenn begründete Aussicht besteht, daß sie hinterher als Sonderdruck oder als Buch erscheint.

Diese Serie ist ein Beitrag, den ich auch dann in voller Länge drucken würde, wenn ich wüßte, daß er uns Auflage kosten würde. Eine bessere Chance dafür, daß er Sie ebenso faszinieren wird wie mich, gibt es schwerlich.

Herzlichst Ihr Rudolf Augstein

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