Zur Ausgabe
Artikel 3 / 74

Lieber Spiegelleser

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 52/1966

Wenn ein Journalist, der nicht gerade durch seine Bravheit bekannt geworden ist, Bundespressechef oder Sprecher der Bundesregierung werden soll, so ist das im allgemeinen für die Zeitung, bei der er dient, ein Grund zur Genugtuung. In Conrad Ahlers hätte die Regierung Kurt Georg Kiesingers einen Sprecher, der sich durch seinen saloppen Ernst rasch die Sympathien seiner früheren Kollegen erwerben dürfte. Er wird die Interessen seiner Auftraggeber glänzend verkaufen, er, der scheinbar (und manchmal wirklich) im anderen Lager steht, wie alle geborenen Mittler. Eine Zeitung, die dem also Gerufenen vertragliche Bindungen entgegenhielte, ist kaum vorstellbar.

Wenn wir, die Redakteure des SPIEGEL, Ahlers trotzdem ungern ziehen lassen, so aus zwei Gründen. Einmal können wir ihn schwer entbehren, das versteht sich von selbst. Wichtiger ist, daß die meisten von uns seine Bereitschaft, jetzt in diese Bundesregierung einzutreten, nicht billigen mochten.

Es war Ahlers selbst, der vor vierzehn Tagen im Fernsehen erklärt hatte, mittlerweile sei der SPIEGEL nun wirklich die einzige Opposition geworden - eine Meinung, die ich schlicht für falsch halte. Aber richtig ist doch, daß nach dieser Regierungsbildung ein ziemliches Mißverhältnis besteht zwischen dem Block der »auf Gedeih und Verderb« (Kiesinger) in einer Koalition vereinigten Großparteien und jenen politisch interessierten Menschen, die das Kartell nicht wollten. Drei bis sieben Jahre lang wird die Koalition, sofern sie funktioniert, zwischen zwei äußerst kleinen Führungsgremien funktionieren, in der erklärten Absicht, oppositionelle Kräfte durch Wahlgesetzänderung erst zu entmutigen, dann aus der Bundespolitik auszuschalten.

Ich denke, man muß kein Totenvogel sein, wenn man sich fragt, wieviel aktives Interesse am politischen Geschehen die intelligenten Wähler sich bis zum Ende dieser doppelköpfigen Herrschaftsperiode bewahrt haben werden. So meine ich, Ahlers sieht die Dinge etwas unscharf, wenn er sagt, ein Journalist, der zur Mitarbeit am Staat berufen werde, verliere seine moralische Legitimation, wenn er sich versage. Dienen wir anderen, die nicht Bundespressechef werden, dem Gemeinwesen nicht? Dienen nur Staatsdiener dem Staat? Wäre die Regierungsbeteiligung der SPD, beispielsweise, jetzt schon erreicht worden, wenn das bürgerliche Lager sich in der jahrelangen Auseinandersetzung um den SPIEGEL nicht auseinanderdividiert hätte?

Ist das zu kleine Gegengewicht, das die Kräfte außerhalb der Großen Koalition ausmachen, für den Staat nicht vielleicht wichtiger als die offizielle Selbstdarstellung dieser zu großen Regierung, die entweder handeln wird oder nicht, deren Nichthandeln aber doch kein Pressechef verdecken könnte?

Jedermann wird einen Journalisten verstehen, der, unter großen finanziellen Opfern, auf der anderen Seite der Barriere stehen, der gefragt werden anstatt fragen, der den Mechanismus der Regierungsmaschinerie von innen erleben möchte. Ich kenne viele Journalisten, die Conrad Ahlers beneiden. Aber ist das eine Frage der moralischen Legitimation?

»Augstein weiß«, so schreibt die »Rheinische Post«, »daß Ahlers sein neues Amt nicht aus vordergründigen Überlegungen übernehmen wird, sondern aus Loyalität gegenüber dem Staat. Weil er eine Aufgabe darin sieht. Weil er den Staat nicht für eine verlorene Sache hält.« Augstein hingegen »stimmt schon Grabgesänge über die Demokratie an« und scheint »überhaupt von unserem Staat nicht viel zu halten«.

Ist das so? Ist unloyal, wer in der neuen Regierung keinen Posten übernimmt? Haben wir, nach siebzehn Jahren CDU-Regierung, solch einen wirtschaftlichen Notstand erreicht, daß

illoyal ist, wer sich eine Regierung ohne CDU-Kanzler vorstellen konnte?

Ist dies eine Kriegs-Koalition à la Churchill ("Rheinische Post": »Strauß und Ahlers sind versöhnt und kämpfen in gemeinsamer Front")? Kämpfen kritische Journalisten nicht für die gemeinsame Sache? Und ist die Furcht vor einer oppositionslosen Zeit so abwegig, wenn »der Staat«, nicht in »Bild«, sondern in der »Rheinischen Post«, mit der jetzigen Koalition gleichgesetzt wird, und Arbeit für den Staat mit einer Bestallungsurkunde?

Ahlers sagt, bald zwanzig Jahre sei er für die Große Koalition gewesen. Gut, für solche Auffassungen war im SPIEGEL immer Platz. Ich war, ebensolange, für einen Regierungswechsel, wie er um wenige Haaresbreiten von uns, die wir ihn betrieben haben, verfehlt worden ist.

Die statt dessen entstandene Koalition wird man nach ihren Leistungen und nicht nach ihrer Entstehung beurteilen; Strauß nach seiner Finanzpolitik und seinem Verhalten als Parteivorsitzender, und nicht etwa nach Starfighter und Fibag. So weit, so klar. Was ist geblieben vom atomaren Konzept des Verteidigungsministers Strauß? Nicht einmal das Skelett.

Ebenso klar war aber immer, daß die von Herbert Wehner zielstrebig angesteuerte Große Koalition mit Strauß betrieben werden mußte; ich habe mit dem jetzigen Wirtschaftsminister Schiller unmittelbar vor den letzten Bundestagswahlen gewettet - Günter Graß sagte: »Topp« -, daß die SPD Strauß ins Kabinett nehmen werde. Da gab's für mich kein Rätselraten. Es war ja Strauß, der Erhard zernieren sollte, während die nominelle Opposition in Abseitsstellung verharrte.

Nur, der SPIEGEL geriet in eine etwas mißliche Situation, als er den kommenden SPD-Ministern und -Staatssekretären ihre Schwüre vorhielt, während der stellvertretende Chefredakteur, der nun freilich nichts geschworen hatte, in eben der Regierung zum Pressechef anstand. Die Leute glauben den Politikern und den Zeitungen nicht allzu viel, obwohl sie zur Wahl gehen und obwohl sie Zeitungen kaufen. Unsere Sache kann es nicht sein, dem flauen »Die meinen das alles gar nicht so« Gründe zu liefern.

Alle an einem Strang; keine Parteien, sondern nur noch Deutsche; Karren gemeinsam aus dem Dreck; Versöhnung zwischen Ahlers und Strauß (dem als Person ja wohl niemand von uns je »böse« war): Das ist keine politische und keine demokratische, sondern eine reichlich deutsche Illusion.

So wünschen wir Conrad Ahlers Glück, dem der SPIEGEL viel verdankt, dem er ironischerweise auch die SPIEGEL-Affäre verdankt, und hätten doch lieber gesehen, daß er nicht Bundespressechef geworden, sondern SPIEGEL-Redakteur geblieben wäre, staatsloyal und, meinetwegen, weitere zwanzig Jahre für die Große Koalition.

Ihr Rudolf Augstein

Staatsdiener Ahlers, Eisenhower: Salopper Ernst

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 3 / 74
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.