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»Lieber zwölf Kinder als einmal heiraten«

aus DER SPIEGEL 37/1977

Sie wollten ein Kind; aber es nach alter Frauen-Tradition einem Mann »schenken«, lag ihnen fern. »Ich wollte es für mich, unabhängig von einer Beziehung zu einem Mann«, sagt die Bremer Lehrerin Angelika Antenbrink. Ihr unehelicher Sohn Felix, dreieinhalb Monate, ist auch dem Namen nach ein »Wunschkind« der Mutter: »Der Vater darf sich um das Kind kümmern, aber er muß es nicht.« Er tut's.

Sie wurden ungeplant schwanger, aber statt nach Holland zur Abtreibung zu fahren, nahmen sie ihren Zustand an und beglückwünschten sich selbst zur Geburt, wie eine Lübecker Erzieherin« die inserierte: »Mein erstes uneheliches Kind ist geboren -- Name: Mareike-Jasmin -- Größe 52 cm, Gewicht: 3100 Gramm«, darunter: »Die stolze Mutter Anita Sengpiel.«

Sie leben ohne Trauschein mit dem Vater ihrer Kinder zusammen und verzichten leichthin auf die Konvention der »Konsequenzen«, die zu ziehen sich einst geziemte. Die Opernsängerin Anja Silja, die mit dem lange Jahre anderweitig verheirateten und erst kürzlich geschiedenen Hamburger Opernchef Christoph von Dohnanyi eine Tochter Julia, 4, und einen Sohn Benedikt, 1, hat, ließ der »Bild«-Zeitung ausrichten: »Herr von Dohnanyi meint, daß wir auch so glücklich sein können. Ich stelle keine Forderungen. Das Leben ist so schön, wie es ist.«

Sie leben allein, weil sie sich als »Ehefrau nicht geeignet« empfinden, aber auf die Mutterschaft nicht verzichten mochten, wie die Kölner Regierungsdirektorin Etta Schiller. Ein Jahr nach der Scheidung vom einstigen Wirtschaftsminister Karl Schiller bekam sie einen Sohn, Jan, mittlerweile 2: »Ich bin glücklicher geworden, auch erfüllter, wie es altmodisch heißt.«

Sie sind »bewußte Mütter«, wie Etta Schiller sagt, Antitypen zum »sitzengebliebenen Mädchen«, als das eine ledige Mutter nach altmodischen Vorstellungen noch gilt. Ihre Kinder können außer durch das geschwollene Beiwort »natürlich« nur durch Verneinung der Norm definiert werden als unehelich, außerehelich oder »nichtehelich«, wie es im Statistischen Jahrbuch unter dem Stichwort »Legitimität« geschieht.

Aber die Illegitimen und die Frauen, die ihnen selber selbstbewußt ihre Namen gaben, passen nicht in die »schier endlose Kartei menschlichen Jammers«, in der die »Süddeutsche Zeitung« alleinstehende Mütter mit Kind eingeordnet hat. Unterprivilegiert sind diese ledigen Mütter nicht, ganz im Gegenteil; es sind Etablierte, Soziologinnen und Politologinnen, Lehrerinnen und Journalistinnen, Schauspielerinnen und Schriftstellerinnen.

Gesellschaftlicher Glanz umgibt manch eine, die denn auch Zielfigur eines pikanten Gesellschaftsspiels wurde -- der Rätselei um den Urheber der Umstände. »Wer ist der Vater von Etta Schillers Kind?« war für die Münchner »Abendzeitung« von Interesse. Das fragte sich auch »Bild« und beschrieb den »großen Unbekannten« haargenau: »ein smarter braungebrannter Mann mit grauen Schläfen«.

»Wer ist der Vater

von Etta Schillers Kind?«

Kaum entwöhnt, eine Hochschwangere ohne Ring mit Fräulein anzureden, aber immer noch gewohnt, den Gatten grüßen zu lassen, tut sich die Gesellschaft schwer mit den Frauen, die ein Kind und keinen Mann dazu haben, den sie als »meinen Mann« vorstellen können: Man ist irritiert und liest Liv Ullmann und Oriana Fallaci.

Die Prominenz aus dem Ausland ließ die Mutterschaft ohne Ehemann in einem neuen Flair von Exklusivität erstrahlen, und das öffentliche Interesse war ihr so gewiß wie die gesellschaftlichen Unannehmlichkeiten, die beide erlebten und beschrieben.

Die norwegische Filmschauspielerin Liv Ullmann, die ihre monatelang auf der deutschen Bestsellerliste stehenden Memoiren »Wandlungen« der unehelichen Tochter Linn gewidmet hat, schilderte ihre Schwierigkeiten als »Frau, von der alle wissen: »Sie hat niemanden«. Und auf solche Frauen blicke die Gesellschaft herab, »als spielten sie eine schlechte Rolle -- sie haben keinen Partner gefunden, sie leben nicht in einer »Zweierbeziehung«.

Die italienische Journalistin Oriana Fallaci, die ohne Ehe ein Kind wollte, aber es im vierten Monat wieder verlor und ihm einen als Buch veröffentlichten »Brief an ein nie geborenes Kind« schrieb: »Auf der Welt, auf die zu kommen Du Dich anschickst, wird trotz aller Worte über die veränderten Zeiten eine unverheiratete schwangere Frau meistens als verantwortungslos angesehen. Im günstigsten Fall als überspannt, provozierend. Oder als heldenhaft. Aber nie als Mutter wie alle anderen.«

Sie mögen wohl Mütter wie andere auch sein, aber anders als die anderen gingen sie auf die Suche nach einem neuen Modell, einer Alternative zur Ehe ihrer Mütter und Großmütter. Ihre Verhaltensweisen greifen tief in bestehende Sozialstrukturen, die noch vor kurzem so festgefügt, wenn auch beklagenswert erschienen.

»Mütter ohne Mann: Ein Leben ohne Chance« hieß es noch 1972 in der Frauenzeitschrift, Jasmin«. 1973 schrieb »Konkret« über »Mütter ohne Mann": »Sie werden nicht viel besser behandelt als Prostituierte« oder »ein bißchen wie Vorbestrafte eingestuft«. Ein Jahr später warf »Die Zeit« immerhin die Frage auf: »Ein Kind und kein Mann: Schande?« Aber noch 1975, als eine gutverdienende Sekretärin wegen ihres unehelichen Kindes in München keine Wohnung finden konnte, kam die »Abendzeitung« nach Recherchen bei »Ämtern, Behörden und Hilfsstellen« zu dem »erschütternden Ergebnis": »Ledige Mütter sind Frauen zweiter Klasse.«

1977 aber machte »Bild am Sonntag« eine elitäre Minderheit aus, deren »seltsame Sitten« es unter der Überschrift »Der neue Gag der Stars: Wunschkind ohne Vater« und einem Kästner-Zitat über »sogenannte Klassefrauen« ("Wenn es Mode wird, als Kind zu sterben oder sich die Hände gelb zu gerben ... tun sie's auch") zu verteufeln galt. Das Wochenend-»Bild« teilte seinen Lesern mit, die Wagner-Interpretin Anja Silja, das »Pin-up-Girl vom Grünen Hügel«, habe früher in Bayreuth nicht nur »den kürzesten Mini-Rock« getragen: »Nein« sie raste auch in einem Porsche durch die Gegend und machte den Verkehr unsicher. Und dann brachte sie gleich hintereinander zwei Kinder zur Welt«, und das »nicht verheiratet«.

Das Blatt zählte noch eine Reihe von ledigen Schauspielerinnen mit Kind auf und merkte indigniert an, diese »Show-Mütter« bestellten »sich ungeniert ein Bett im Krankenhaus«, würden »auch nicht mehr rot bei der indiskreten Frage nach dem Vater« und sähen ein uneheliches Kind »als eine Art Statussymbol an, auch als lebendigen Beweis für ihre Selbständigkeit«.

Auch Wissenschaftlern sind die von der Norm abweichenden Verhaltensweisen selbständiger Frauen bereits aufgefallen. Der Bamberger Soziologieprofessor Laszlo Vaskovics spricht von einem »Phänomen, wenngleich zahlenmäßig nicht von Gewicht«. Sein Berliner Kollege Dieter Claessens meint, daß sich da bereits so etwas wie eine »schmale Bewegung« abzeichne.

Das Thema ist, wie Vaskovics und Claessens berichten, vor allem bei »hochschulorientierten Frauen« aktuell. Auch ledige »Praline«-Leserinnen ziehen schon mal in Erwägung, ein Kind zu bekommen, »gleich ob er will oder nicht« (und werden von der Briefkastentante belehrt, eine Frau habe »kein Recht, ihrem Freund ein Kind aufzuzwingen").

Frauengruppen von Bonn bis Berlin beschäftigt »das Modell ja zum Kind, nein zum Mann«, so weiß die »Sexismus«-Autorin Marielouise Janssen-Jurreit: »Die Diskussion weist Parallelen auf zur Pro-Kind-Bewegung, die vor dem Ersten Weltkrieg von Frauenrechtlerinnen getragen wurde.« Selbst LAZ, das Lesbierinnen-Aktionszentrum. arbeitet an einer theoretischen Brücke zum anderen Geschlecht, das zur Vaterschaft noch allemal gebraucht wird.

Der einst geächtete Bastard oder Bankert, der Wechselbalg, das Niemandskind bekommt allmählich einen ideologischen Überbau -- als Ehrenerbe der Emanzipation. Und mehr noch: Für den Kieler Bevölkerungsforscher Professor Hans W. Jürgens steht »außer Frage, daß ein Trend begonnen hat, der für die Zukunft eine große Rolle spielen wird«.

Die Quote der unehelichen Geburten steigt wieder an, seit 1966 ein Tiefstand zu verzeichnen war. Hatten damals von 1000 Neugeborenen 45 einen mit der Mutter nicht verheirateten Vater, so waren es 1970 bereits 54 und 1976 schon 61 Kinder.

Für wahnsinnig gehalten, weil sie nicht abtreiben will.

Zwar gab es zu anderen Zeiten in Deutschland erheblich mehr uneheliche Kinder. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es pro 1000 Lebendgeborene 130, nach dem Zweiten sogar 163, die höchste in den letzten 100 Jahren registrierte Rate. Aber das hatte andere Gründe.

Waren in den Nachkriegszeiten die Männer knapp, so daß nicht jede Frau, die Kinder haben wollte, auch heiraten konnte, ist heute das Geschlechterverhältnis ausgewogen. Finanzielle Erwägungen. die Kriegerwitwen damals sogenannte Onkelehen eingehen ließen. damit sie die Rente nicht durch Wiederverheiratung verlören, müßten heutzutage eigentlich die steuerlich begünstigte Ehe favorisieren. Hielt früher die restriktive Scheidungspraxis der Gerichte etliche nur noch auf dem Papier bestehende Ehe zusammen, so daß uneheliche Kinder oftmals zum Leidwesen ihrer Eltern nicht legalisiert werden konnten, besteht dieses Hemmnis heute kaum noch.

Der wesentliche Unterschied ist, daß es früheren Generationen bei der Geburtenkontrolle an Wissen und vollkommenen Mitteln mangelte, die Frauen von heute aber die Pille haben. Gemessen an den Möglichkeiten zur Verhinderung oder Legalisierung des Kinderkriegens, müßten Frauen kein uneheliches Kind bekommen, das sie nicht wollen.

Scheinbar paradox mutet es an, daß die Quote der unehelichen Kinder just zu jenem Zeitpunkt wieder stieg, als sich die zunächst als suspekt angesehene Anti-Baby-Pille durchsetzte und von 1967 an in raschem Tempo verbreitete.

Ähnlich verlief die Entwicklung in den USA, nur mit dem Unterschied, daß dort die Pille früher da war, schneller unter die Massen gebracht wurde, die Zahl der unehelichen Geburten rascher stieg. Mittlerweile werden in den Vereinigten Staaten doppelt so viele Kinder außerhalb einer Ehe geboren wie in der Bundesrepublik.

Der Soziologe Claessens kann sich den Anstieg der unehelichen Geburten trotz Pille nur damit erklären, »daß da etliche Wunschkinder drin sind«. Und sie wiederum scheinen ihm vor allem Abkömmlinge der »Pillenkultur« zu sein.

Das Novum, daß Frauen sich bewußt für oder gegen ein Kind entscheiden können, brachte das Gefüge von Sexualität und Fortpflanzung, Ehe und Moral ins Wanken. Wie Ehefrauen, bisweilen gegen den Willen ihrer Männer, ihre Gebärfähigkeit brachliegen lassen konnten, machte der Sittenwandel auch die umgekehrte Variante möglich: Unverheiratete gebrauchten ihre biologische Anlage in einer Art Freiheitseuphorie.

War für Anhängerinnen der »freien Liebe«, als sie noch nicht frei war, das uneheliche Kind eine »ständige Bedrohung«, wie sich Claessens erinnert, so wurde die schicksalhafte Verstrickung in die weibliche Natur durch die Pille aufgelöst. Erst dadurch wurde es sozialpsychologisch möglich, ein uneheliches Kind zwanglos und daher glaubhaft zum Wunschkind zu erwählen.

»Die neue Möglichkeit zu wählen«, so die Siegener Soziologie-Professorin Helge Pross, bekam durch die Abtreibung noch einen Verstärker-Effekt. Abortkliniken in England (seit 1968) und Holland (seit 1971) ersetzten die Engelmacherinnen von einst. Ein Abbruch brachte diejenigen nun nicht länger in Gefahr für Leib und Leben, die sich den Luxus eines Eingriffs durch die Deutschmeister der »goldenen Kürette« nicht leisten konnten. Zugleich sank durch die »Mein-Bauch-gehört-mir«-Bewegung und die Selbstanzeigen prominenter Frauen ("Ich habe abgetrieben") die Schamschwelle vor dem Schwangerschaftsabbruch. Wie schmal der Steg zwischen Abtreiben und Austragen ist, schildert Oriana Fallaci in ihrem Zwiegespräch mit dem ungeborenen Kind, das durch Zufall oder Irrtum »aus dem Nichts« gerissen wurde:

Ich war niemals darauf vorbereitet, dich aufzunehmen, obwohl ich dich sehr erwartet habe ... Ich bin eine berufstätige Frau und habe eine Menge anderer Verpflichtungen und Interessen: Ich sagte dir ja schon, daß ich dich nicht nötig habe. Allein der Gedanke, dich zu töten, könnte mich heute selber töten, und doch widerfährt es mir, daß ich ihn in Erwägung ziehe.

Nicht nur die Schwangere dachte an den Abbruch als Alternative. Die Leute, die sie kennt, »blieben stumm oder reden von Abtreibung: Du könntest es für ein Komplott halten ... Und es gibt Augenblicke, in denen ich voller Unruhe bin und mich frage, wer am Ende siegen wird: Wir oder sie?«

Von ihrer Freundin wird sie für eine »Wahnsinnige« gehalten, weil sie nicht abtreiben will, ihr Verlagsagent appelliert an ihre »Klugheit«, es doch zu tun. Ihr Freund reagierte bei der Eröffnung seiner Vaterschaft konsterniert, wie Oriana Fallaci beschreibt:

Dann kam eine stotternde, heisere Stimme: »Was braucht es denn?« Ich antwortete, ohne zu begreifen: »Ich denke, neun Monate, nein, nicht einmal mehr acht, jetzt.« Da war die Stimme auf einmal nicht mehr heiser, sondern wurde schrill. »Ich rede von Geld.« -- »Was für Geld?« fragte ich.« Das Geld, um es loszuwerden, was denn sonst?« Ja, er sagte wirklich »loszuwerden«. Als wärst du irgendein Bündel. Und als ich ihm dann, so ruhig es ging, erklärte, daß ich etwas ganz anderes vorhatte, hielt er mir eine lange Rede, in der Bitten und Ratschläge, Ratschläge und Drohungen, Drohungen und Schmeichelworte einander abwechselten. »Denk doch an deine Karriere, überleg dir mal, was für eine Verantwortung, eines Tages könnte es dir leid tun, was werden denn die Leute sagen.«

Klugheit und Karriere erleichtern es einerseits, mit dem, was die Leute sagen, fertig zu werden. Etta mit dem bekannten Namen Schiller, der von dem Fernsehjournalisten Friedrich Nowottny einmal nachgesagt wurde, sie werde mit »ihrer Zunge noch viele töten«, hatte im Amt »keinerlei Komplikationen«. Frau Schiller: »Die Umgebung verhält sich so, wie man sich selber verhält.«

Die Erzieherin Anita Sengpiel, die nach der Geburt ihrer Tochter zunächst mit 496,50 Mark im Monat auskommen mußte, litt dagegen unter dem »Getuschel der Nachbarn, die sich scheinheilig nach einem Trauring erkundigten«, bis es ihr per Inserierung ihrer ledigen Mutterschaft gelang, »den Leuten den Mund zu stopfen«.

Andererseits machen gerade Klugheit und Karriere der bewußten Mütter ohne Mann die gesellschaftliche Provokation aus. Denn die »kleine privilegierte Minderheit, wirtschaftlich gesichert und sozial anerkannt in ihrer Tätigkeit«, erlaubte sich, was in Kreisen des Bildungsbürgertums »vor 15 Jahren noch undenkbar war«, wie Helge Pross sagt.

In Erinnerung ist noch, daß traditionell die unteren Schichten fast ausschließlich die unehelichen Kinder stellten, während gehobenere Schichten ihre höheren Töchter mit strengem Sittenkodex vor der Schmach des gefallenen Mädchens zu bewahren suchten und augenzwinkernd duldeten, daß sich die Söhne aus besserem Hause am Volksbauch vergingen.

Nun aber tut sich unter den unverheirateten Müttern eine neue soziale Schere auf: Die einen vermögen dank ihre gehobenen Status »einen vernünftigen Lebensplan zu machen« (Claessens), die anderen sind sozial hilflos -- ein Klassenunterschied, der zuweilen Tür an Tür wohnt.

Die Stuttgarter Journalistin Mara de Feo hat sich »in der Theorie alles nüchtern durchdacht«, bevor sie sich entschloß, ihr Kind auszutragen. Vormittags führt sie einen »ganz normalen Mutter-Kind-Haushalt mit Einkaufen, Blumengießen, Spielen«, nachmittags, während eine Kinderfrau die Tochter Anna Giulia, 2, betreut, widmet sie sich ihrem Beruf. Daß sie unverheiratet ist, wurde von Familie wie Freundeskreis akzeptiert.

Das uneheliche Kind der Nachbarin, einer Sprechstundenhilfe, wird viel allein gelassen, ein Schlüsselkind, das mal hier, mal da sein Mittagessen bekommt. Die Mutter lebt zurückgezogen, »eine verbitterte Frau«, so charakterisiert sie Mara de Feo: »Die ist so zusammengeschubst worden, daß sie die Füße nie wieder auf den Boden bekommen hat.«

Bei den Zusammengeschubsten ist schon die Tatsache, daß sie ein uneheliches Kind bekamen, Ausdruck ihrer sozialen Hilflosigkeit. Oft sind sie noch halbe Kinder, die Kinder bekamen: Fast ein Drittel der ledigen Mütter ist bei der Niederkunft unter 20. Schimpf und Schande ist die Mutterschaft ohne Mann auch für jene Frauen, die zu unselbständig oder ungebildet für eine Geburtenplanung waren, zu schamhaft für die Forderung nach einem Pillenrezept, zu arm für eine Abtreibung oder zu stark eingebunden in ihre Religiosität, um sich vor dem zu bewahren, was nach katholischem Kirchenrecht noch immer ein »irregularis ex defectu« ist, ein fleischgewordener Fehltritt gewissermaßen.

Charakteristisch für das erwachende Selbstbewußtsein unverheirateter Mütter war, daß sich 1967 ein »Verband lediger Mütter« auftat, der alsbald eine gesellschaftlich besser integrierte Gruppe von Kampfgefährten entdeckte und auf seine Seite zog: die Witwen und Geschiedenen, deren Belange durchaus ähnlich sind. Neun Jahre später benannte sich die Organisation um in »Verband der alleinstehenden Mütter und Väter«. Neuerdings benutzt der Verein im Schriftverkehr am liebsten die Formulierung »allein erziehender Mütter«, weil »dadurch unsere Leistung deutlicher herausgestellt wird«, wie die Bundesvorsitzende Sophie von Behr sagt.

Die neuen Lebensformen werden vor allem durch die Berufstätigkeit der Frau gefördert. Als die Tübinger Krankengymnastin Ruth Winder von ihrem Freund vor die Wahl gestellt wurde: »Ich oder das Kind«, entschied sie: »Dann das Kind« Dahinter stand die Gewißheit, daß sie »finanziell nicht auf den Mann angewiesen war, sonst hätte ich wahrscheinlich eine Schwangerschaftsunterbrechung gemacht, aber ich wußte genau, wie ich es schaffen werde, allein mit dem Kind«.

»Ich hatte nicht gehofft, daß er sich wie ein Vater benimmt.«

Die Politologin Monika Müller, Assistentin an der TU Hannover, wartete den vierten Schwangerschaftsmonat ab, als eine Abtreibung nicht mehr zur Diskussion stand, bis sie ihren Freund von seiner Vaterschaft unterrichtete: »Denn für mich war es klar, daß ich ein Kind wollte,« Zwar war sie enttäuscht, daß der Mann sie daraufhin verließ ("Ich hatte zwar nicht gehofft, daß er sich wie ein Vater benimmt, aber ich hatte gehofft, daß die Bezie-

* Tagung des Verbandes der alleinstehenden Mütter und Väter in Berlin.

hung zwischen uns hält"). Aber ihren Sohn, der im April geboren wurde, hätte sie so oder so allein unterhalten müssen. Denn der Mann fand im Gegensatz zu ihr keinen Job und studiert noch einmal. Nun wäscht sie ihm nur noch von Zeit zu Zeit seine Wäsche und leiht ihm ihr Auto aus.

Mit der ökonomischen Unabhängigkeit kam vielen Frauen aus das abhanden, was sie als schwaches Geschlecht ausgewiesen hat: das Schutzbedürfnis. An Frauen in Männerberufen wurde deutlich, daß sich mit jener Angleichung des Rollenverhaltens auch

die psychische Struktur eines Weibes veränderte.

Oriana Fallaci meint, »daß nichts die eigene Freiheit so sehr bedroht wie jenes rätselhafte überschwengliche Gefühl, das ein Geschöpf für ein anderes empfindet, ein Mann für eine Frau oder eine Frau für einen Mann«. Jedoch einem Kind gegenüber vermag sie, die »nicht heiraten will, niemals«, selbst ihren Körper zu unterwerfen, weil es nicht »mir, nicht ihm gehört«, sondern nur sich selbst.

Liv Ullmann suchte bei dem Regisseur Ingmar Bergman zwar »die absolute Geborgenheit, Schutz«, wie sie schreibt: »Ich wollte ihm gehören.« Aber weil er ihrer »Freiheit Schranken setzte« und sie sich nur »sicher« fühlte, wenn sie »sein Leben kontrollieren konnte«, wurde das Zusammenleben »unsere Hölle« und »unser Drama«.

Wohl ist das Kind »zum Zentrum meiner Welt« geworden. aber dennoch erlebt sie eine Ambivalenz der Gefühle, die auch andere alleinstehende Mütter kennzeichnet: »Dann und wann weine ich. Linn steht plötzlich in der Tür: »Warum weinst du, Mama?« -- »Ich fühle mich manchmal ein bißchen einsam. -- »Du hast doch mich!« -- »Erwachsene brauchen aber auch andere Erwachsene. -- »Du hast doch Oma und Tante Nan.' -- »Von Zeit zu Zeit hat man aber Sehnsucht nach jemandem, der sich richtig um einen kümmert.«

* Mit ihren Kindern Sarah und Elias.

Andererseits aber erkennt sie auch: »Ich glaube, es ist manchmal leichter, aufzuwachen und mich allein zu fühlen, wenn ich es tatsächlich bin, als mit jemandem zusammen aufzuwachen und einsam zu sein.

Die Mutterschaft ohne Ehe ist nur eine Facette der neuen weiblichen Selbständigkeit, die miteinschließt, auch das Alleinsein verkraften zu können. Diese Fähigkeit zeigt sich ebenso in der immer stärker werdenden Tendenz, daß Frauen nicht mehr an gescheiterten Ehen festhalten und zunehmend den Part des Verlassenden statt verlassenen Partners übernehmen.

Etta Schiller, erfahren in dem einen wie dem anderen, sieht durchaus einen inneren Zusammenhang: »Das steht und fällt mit der wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Wer die hat, der kann zum Mann eher sagen, ja geh, wie er auch ja zum unehelichen Kind sagen kann.«

Überdies vermittelten die hohen Scheidungsziffern die gesellschaftliche Lehre, daß auf den herkömmlichen Rollenvertrag nur noch bedingt Verlaß ist. »Daß da bei Unverheirateten die häretische Frage aufkommt« lohnt es sich denn überhaupt zu heiraten, ist ganz und gar vernünftig«, sagt der Kölner Familienexperte Professor Friedhelm Neidhardt.

»Ich glaube, jede Heirat zerstört die positiven Spannungen.«

Die Berliner Lehrerin Dorit Klebe stellte sich, als sie die »Suche nach Geborgenheit« überwunden hatte, die Frage, »was Heiraten überhaupt noch für eine Bedeutung hat«, und beantwortete sie, unverheiratet, mit Sohn Isaak. Die Liedertexterin Anja Hauptmann, Gerhart Hauptmanns Enkelin, wollte, als sie schwanger wurde und zugleich entdeckte, daß sie und der Vater des Kindes einander fremd geworden waren, »besser uneheliche Mutter sein als unglückliche Ehefrau«.

Auch einen anderen Mann, mit dem sie seit Jahren zusammenlebt, »der mich und meinen Sohn Manuel liebt«, will sie nicht heiraten: »Ich glaube, jede Heirat zerstört die positiven Spannungen zwischen zwei Menschen. Und wenn ich an die vielen unglücklichen Ehen in meinem Bekanntenkreis denke, an die viele Schmutzwäsche« die bei einer Scheidung gewaschen wird, an das würdelose Tauziehen um die Kinder, dann kann ich nur sagen: Lieber zwölf uneheliche Kinder als einmal heiraten.«

Der Protest gegen die »Verhaustierung der Ehefrau«, wie zwei Männer, die Bremer Hochschullehrer Rolf Heinsohn und Gunnar Knieper, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung böse bezeichnen, bestärkte weibliche Autonomiebestrebungen verschiedener Art. Die einen führte der Feminismus in einen Eroberungsfeldzug um männliche Positionen und Rechte, wozu unter Umständen auch die Vaterrolle gehörte. Die anderen fanden zurück zum mütterlichen Urgrund, in den Schoß der Natur.

Die Körperlichkeit wurde neu entdeckt und zum gemeinsamen Nenner für die Suche nach subtilen, zärtlicheren Formen in der Sexualität und dem Wunsch nach einer Schwangerschaft. Die Schriftstellerin Karin Struck formulierte diese »Sehnsucht, fruchtbar wie ein Acker« zu sein. Mythen rankten sich um die große erotische Mutter.

Längst Verschollenes wurde ausgegraben, wie die Ideen der Rahel Varnhagen, einer Freundin von Heine, Goethe, Fichte und Schleiermacher. Unter Berufung auf Heiligstes ("Auch Jesus hatte nur eine Mutter") forderte sie, daß kein Unterschied mehr zwischen legitimen und illegitimen Kindern gemacht und »alle Mütter so unschuldig und in Ehren gehalten werden wie Maria«. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts vertrat sie matriarchalische Auffassungen: »Kinder sollten nur Mütter haben und ihren Namen tragen, die Mutter aber das Vermögen und die Macht der Familie besitzen, denn so will es die Natur.«

Ein modernes Matriarchat schwebt zum Beispiel der Schweizer Kinderbuchautorin Hedi Wyss vor, deren »rosarotes Mädchenbuch« auch in der Bundesrepublik floriert: »Das Kinderhaben ist Frauensache, und wenn mehr Frauen Kinder haben, die wirklich emanzipiert sind, so könnte endlich auch eine neue bessere Generation heranwachsen. die auch frei fühlen und denken kann. Vatersein ist eine Sache für alle Männer, die mit den Kindern (eigenen oder nicht ist unwichtig) in Kontakt kommen.« Zur »Befreiung« nicht nur ihrer Geschlechtsgenossinnen, sondern auch der Männer fordert sie ein »staatliches Muttergehalt«.

»Ohne die Frauenbewegung« hätte auch die Soziologin Johanna Kootz, Assistentin an der Berliner FU, »nicht den Mut gehabt, den Gedanken an ein Kind zu erwägen. Eine Eheschließung kam für sie »von vornherein nicht in Frage, weil damit eine gesellschaftliche und individuelle Diskriminierung verbunden ist, denn Ehefrauen werden doch nur über den Status ihrer Männer definiert«. Außerdem sagte sie sich, daß eine Ehefrau auf dem Arbeitsmarkt in Krisenzeiten eher in die »Hausfrauenreserve« zurückverwiesen wird als eine ledige Mutter, die gezwungen ist, ihre Existenz durch Berufstätigkeit zu sichern.

Johanna Kootz: »Doch erst die Lernprozesse in der Frauenbewegung und meine Erfahrungen durch das Leben in Wohngemeinschaften haben mir eine Alternative zur herkömmlichen Ehe und Kleinfamilie aufgezeigt.« Ihren Entschluß, ein Kind zu bekommen, diskutierte sie mit ihrem Freund sowie mit ihrer Wohngemeinschaft. Für die Erziehung und materiellen Bedürfnisse von Sohn Jakob, 12 Wochen, werden Mutter und Vater zwar die Hauptverantwortung tragen: »Aber wir begreifen unsere Beziehung und das Kind als Teil der Gemeinschaft.« Gleichwohl ist sich die Soziologin nicht sicher, ob durch ihr Kind »meine Privilegien -- ökonomische Unabhängigkeit, Berufstätigkeit und damit die Möglichkeiten zur bewußten Lebensplanung -- nicht doch eingeschränkt werden«.

Galt früher für einen Ehrenmann, daß er mit seinem Namen für ein Kind einstand, so entziehen sich auch immer mehr Väter der Konvention. Denn als Gegenstück zur weiblichen Emanzipation ist, wie der Familienforscher Neidhardt sagt, »eine starke Männerflucht« vor der Ehe zu verzeichnen. So suchen (und finden) Männer solche Frauen, die souverän genug sind, um ein Kind nicht mehr als Ehe-Erzwingungsobjekt zu betrachten.

Die Schauspielerin Uschi Glas mochte, als sie schwanger wurde, das Thema Heirat nicht anschneiden: »Es hätte wie Erpressung ausgesehen.« Als ledige Mutter wollte sie aber auch »nicht Mann-Frau in einer Person sein«. Sie baute vielmehr darauf, »daß ein Vater ohne Trauschein ein besserer Vater sein kann«. Wie sie akzeptierte. daß Sohn Matthias Benjamin ohne eheliche Besiegelung auf die Welt kam, toleriert sie auch, daß der Vater, der ein paar Straßen weiter eine eigene Wohnung hat, »abends mal mit einem Mädchen ausgeht: Gerade dadurch ist unsere Verbindung frei und intensiver«.

Auch die Journalistin Mara de Feo begriff, daß ihr Freund »seine Freiheit« braucht: »Wir hassen beide das Klammeraffentum, man kann doch zusammenleben und trotzdem eigenständig bleiben.«

Mit dem am 1. Juli in Kraft getretenen neuen Scheidungsrecht, das unabhängig vom Schuldprinzip den ökonomisch stärkeren Partner, also meist den Mann, zur Unterhaltszahlung sowie zur Teilung des Vermögens und der Rentenansprüche verpflichtet, kalkuliert Bevölkerungsforscher Jürgens einen »neuen Drive zum unehelichen Kind« ein. Er könne allmählich zu »schwedischen Verhältnissen« führen.

Schwedische Verhältnisse bedeuten: Annähernd 40 Prozent der Kinder wer-

* Mit ihrem jetzigen Ehemann Gerhard Freund und Tochter Alexandra.

den von nicht verheirateten Frauen geboren. Als eine der Hauptursachen gilt, daß es in Schweden lange Zeit bei hoher Steuerprogression kein Ehegatten-Splitting gab und so Verheiratetsein oft teurer kam als ein Zusammenleben ohne Trauschein. Zwar ist das Steuerrecht ehefreundlicher geworden, aber am Sozialverhalten hat sich nichts geändert. Jürgens: »Das Bewußtsein, es geht auch so, hat sich eben eingeschliffen.«

Schwedische Verhältnisse könnten sich in der Bundesrepublik auch deshalb ergeben, weil die Bedingungen für eine Mutterschaft ohne Ehe immer günstiger werden. Die berufliche Ausbildung der Mädchen wird immer besser, der Kreis der beruflich qualifizierten und damit auch selbstbewußteren Frauen immer größer.

Sexualkundeunterricht in der Schule, Aufklärung über Geburtenplanung selbst durch kirchliche Stellen und Abtreibung auf Krankenschein bei sozialer Indikation fördern die Entwicklung, daß bei unverheirateten Müttern der Anteil der sozial Schwachen geringer wird. Je weniger soziales Unglück, je mehr soziales Prestige dem Status eines unehelichen Kindes anhaftet, desto eher wird das Beispiel, das privilegierte Frauen geben, nachgeahmt.

Der Münchner Sozialwissenschaftler und

Meinungsforscher Werner Sörgel sieht zwischen dem »progressiven Mittelstandssyndrom« und Petra Schürmanns aufsehenerregender Niederkunft im Jahre 1967 »durchaus einen zeitlichen Zusammenhang«. Sah sich das Bayerische Fernsehen damals zu einer Verlautbarung veranlaßt, an einem unehelichen Kind sei doch »nichts Unanständiges«, so prophezeite die -- mittlerweile verheiratete -- TV-Sprecherin in Interviews: »Ein uneheliches Kind von einer arbeitenden, selbständigen Frau, das wird mehr und mehr als natürlich angesehen.«

Das Beispiel zeugt sich fort und fort Mit der Schriftstellerin Hedi Wyss kamen in der »Diskussion über Emanzipationsfragen« auch »einige gute Freundinnen« zu dem Schluß, ein Kind »ohne direkte Abhängigkeit von irgendeinem Mann« zu wollen. Auch die Beamtin Etta Schiller wirkte in ihrer Umgebung anregend: »Ich wurde der geistige Vater noch anderer solcher Kinder oder vielmehr die geistige Mutter.«

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