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»Liebesaffäre mit der deutschen Kultur«

aus DER SPIEGEL 14/1979

DER BARON: »Ein Volk, das auf den Gewinn so erpicht ist wie die Juden, fragt wenig danach, ob es ihn mit Recht oder Unrecht, mit List oder Gewaltsamkeit erhält. Es scheint auch zur Handeischaft, oder deutsch zu reden, zur Betrügerei gemacht zu sein ... 0! es sind die allerboshaftesten, niederträchtigsten Leute. Was sagen Sie dazu?«

DER REISENDE. »Was soll ich sagen? ich muß sagen, daß ich diese Klage sehr oft gehört habe -»

DER BÄRON. »Und ist es nicht wahr, ihre Gesichtsbildung hat gleich etwas, das uns wider sie einnimmt? Das Tückische, das Ungewissenhafte, das Eigennützige, Betrug und Meineid, sollte man sehr deutlich aus ihren Augen zu lesen glauben...«

DER REISENDE: »Ihnen die Wahrheit zu gestehen: ich bin kein Freund allgemeiner Urteile über ganze Völker. Sie werden meine Freiheit nicht übelnehmen. Ich sollte glauben, daß es unter allen Nationen gute und böse Seelen geben könnte ...«

Ein deutscher Pastorensohn schreibt

sein zweites Theaterstück. Er gibt ihm den Titel »Die Juden« und nennt es »ein Lustspiel«. Er macht sich darin lustig -- sehr ernsthaft lustig -- über die antijüdischen Vorurteile des »christlichen Pöbels« und, schlimmer, der christlichen Edelleute. Die Borniertheiten, die er seinen Zeitgenossen abgelauscht hat, gipfeln in den mörderischen Sprüchen eines Gutsverwalters namens Martin Krumm:

»So viel als ihrer (Juden) sind, keinen ausgenommen, sind Betrüger, Diebe und Straßenräuber. Darum ist es auch ein Volk, das der liebe Gott verflucht hat. Ich dürfte nicht König sein: ich ließ keinen, keinen einzigen am Leben.«

Der Autor läßt keinen Zweifel an seiner Meinung über Krumm und Konsorten. Durch den Mund des »Reisenden« sagt er:

Vielleicht ist dieser Kerl, so dumm er ist oder sich stellt, ein boshafterer Schelm, als je einer unter den Juden gewesen ist ... Ich zweifle, ob viel Christen sich rühmen können, mit einem Juden aufrichtig verfahren zu sein; und sie wundern sich, wenn er ihnen Gleiches mit Gleichem zu vergelten sucht? Sollen Treu und Redlichkeit unter zwei Völkerschaften herrschen, so müssen beide gleich viel dazu beitragen. Wie aber, wenn es bei der einen ein Religionspunkt und beinahe ein verdienstliches Werk wäre, die andre zu verfolgen?«

»Die Juden« sind 184 Jahre vor der Machtergreifung Hitlers geschrieben worden und 193 Jahre vor Auschwitz: 1749. Der Verfasser hatte gerade sein zwanzigstes Lebensjahr vollendet und hieß Gotthold Ephraim Lessing. Aber der Erstling des erleuchteten jungen Mannes aus der Lausitz war dennoch durchaus keine Vorahnung fernen Unheils. Lessings Lustspiel steht im Gegenteil voller Zuversicht am Beginn einer großen Bemühung, die Feindschaft gegen die Juden auf deutschem Boden zu überwinden und ihre Verfolgung für alle Zeiten zu beenden.

Lange Zeit hindurch waren viele deutsche Juden und viele deutsche Nichtjuden überzeugt, daß diese Bemühung trotz aller Widerstände zu einem guten Ende führen werde, ja, daß Juden und Nichtjuden in .Deutschland gedeihlicher zusammenleben als irgendwo sonst in der zivilisierten Welt.

»Unter den Beziehungen ohne Zahl, die die Juden in ihrer vieltausendjährigen Geschichte mit anderen Völkern angeknüpft haben, ist keine so entscheidend gewesen wie die zu den Deutschen«, sagt heute Nahum Goldmann, der Präsident des jüdischen Weltkongresses -- und meint mit »entscheidend« nicht nur den Holocaust.

Auch in der »positiven Bilanz«, sagt Goldmann, sei »die gesamte moderne jüdische Geschichte unvorstellbar ohne die Beziehung zwischen Juden und Deutschen« -- eine Beziehung, die er als »die schwierigste und vielleicht sogar geheimnisvollste der Weltgeschichte« ansieht. In einem Artikel mit der erst recht für französische Leser verblüffenden Überschrift »Sind wir alle deutsche Juden?« schreibt Goldmann in der Pariser Wochenschrift »Nouvel Observateur« weiter: »Für Millionen osteuropäische Juden, und nicht nur für die deutschen Juden, bestand Europa aus der deutschen Kultur. Die europäische Kultur, das hieß für sie Lessing und Schiller, Kant und Hegel, Goethe und Heine -- und nicht Racine oder Molière, Shakespeare oder Milton, Pascal oder Locke ...«

Damit umschreibt Nahum Goldmann dreieinhalb Jahrzehnte nach dem deutschen Verbrechen an den Juden das frühere Verhältnis der Juden zu den deutschen Kulturheroen mit ähnlichen Worten wie es der deutschjüdische Schriftsteller Joseph Roth ("Radetzkymarsch") am Vorabend dieses Verbrechens tat, im März 1933 in einem Brief an Stefan Zweig: »Man konnte das 6000jährige jüdische Erbe nicht verleugnen; aber ebensowenig kann man das 2000jährige nichtjüdische verleugnen. Wir kommen eher aus der »Emanzipation', aus der Humanität als aus Ägypten. Unsere Ahnen sind Goethe, Lessing, Herder nicht minder als Abraham, Isaak und Jakob.«

Von einer »jüdischen Liebesaffäre mit der deutschen Kultur« von der Zeit Lessings und Goethes bis zum Ersten Weltkrieg spricht der aus Berlin stammende amerikanische Kulturhistoriker Peter Gay (Fröhlich) in einem jüngst erschienenen Band mit dem nicht minder frappanten Titel »Freud, Juden und andere Deutsche"*. Wie Goldmann glaubt auch Gay, daß es nicht mehr genüge, das Schicksal der Juden in Deutschland immer wieder nur von der langen Geschichte des deutschen Antisemitismus her zu betrachten und zu erklären.

Es reiche nicht aus, schreibt Gay' »die ganze Vergangenheit als einen einzigen Prolog zu Hitler zu sehen« und »in jedem präsumtiven deutschen Charakterzug einen weiteren Baustein ... des Dritten Reiches zu erken-

*Peter Gay: »Freud, Jews and Other Germans«. Oxford University Press. New York; 320 Seiten; 3,95 Dollar.

nen«. Zwar gebe es »einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Deutschland des neunzehnten und dem des zwanzigsten Jahrhunderts, aber es gibt auch einen ebenso signifikanten Bruch.«

Tatsächlich tritt das Rätsel der jüdisch-deutschen Beziehung erst dann in seiner ganzen Tiefe ins Bewußtsein, wenn man diese Beziehung auch als eine »schizophrene Wahlverwandtschaft« sieht wie Nahum Goldmann und wenn man wie er das Verbrechen der Nazis nicht nur als eine konsequent wahnsinnige Fortsetzung und Übersteigerung ererbter Judenfeindschaft begreift, sondern auch als eine paranoide »Gegenreaktion« -- worauf? Auf just die Erfolge im Zusammenleben von Juden und Nichtjuden, auf die Annäherung zwischen ihnen, auf die Intensität ihres Austauschs im deutschsprachigen Mitteleuropa -- im Deutschen Kaiserreich wie in der Donaumonarchie, in Berlin wie in Wien.

»Der Antisemitismus war in Deutschland vor Hitler im Verhältnis nicht virulenter als in anderen europäischen Ländern«, behauptet Nahum Goldmann, »vor allem, wenn man bedenkt, daß die Gemeinschaft der deutschen Juden zahlenmäßig viel gewichtiger war als irgendeine andere in Westeuropa und daß ihr kultureller, gesellschaftlicher und ökonomischer Einfluß unvergleichlich viel stärker war.«

Peter Gay bestätigt: »Wie sehr dies auch heute als Selbsttäuschung erscheint, in den 1890er Jahren standen die Vorzeichen günstig. Der politische Antisemitismus war im Niedergang begriffen. Viele (Juden) hielten ihn für einen bloßen Atavismus, über den eine große Zivilisation wie die deutsche wahrscheinlich hinauswachsen würde ... Wenn deutsche Juden sich in der Wilhelminischen Epoche über wahrhaft bösartigen Antisemitismus Sorgen machten, dann dachten sie in der Tat eher an den Fall Dreyfus in Frankreich und an Pogrome in Osteuropa.«

Denn es ist wahr, so wahr wie der Holocaust, daß die Juden jener Zeit Deutschland nicht ganz ohne Grund und nicht aus Selbsttäuschung als ihre kulturelle, ihre wirkliche Heimat angesehen haben. Es ist wahr, daß es eine Zeit gab, in der ein deutschjüdischer Schriftsteller wie Jakob Wassermann, ohne für verrückt erklärt zu werden, schreiben konnte: »Ich bin Deutscher, und ich bin ein Jude, das eine ebenso und ebenso vollständig wie das andere; das eine läßt sich vom anderen nicht trennen.«

Wahr, so wahr wie der Holocaust, ist auch, daß der jüdische Geist in seiner langen »Liebesaffäre mit der deutschen Kultur« diese Kultur und die Weltkultur unerhört bereichert hat und daß er selbst in ihr zu seiner höchsten Blüte seit biblischer Zeit gelangt ist. Die Begegnung zwischen »Deutschtum« und »Judentum« (wie man es damals nannte) war an ihrem Ende die grauenhafteste und verheerendste der Geschichte. Sie war -- davor -- aber auch die produktivste.

Von denen, die darüber nachgedacht haben, hält es keiner für einen Zufall, daß unter den vier Männern, die das moderne Bewußtsein und Weltbild am nachhaltigsten geprägt haben, »drei deutsche Juden sind: Karl Marx, Sigmund Freud und Albert Einstein« (Goldmann). Der einzige nichtdeutsche Nichtjude, der neben diese Trias zu stellen wäre, ist der Engländer Charles Darwin -- dessen Abstammungslehre ganz gegen seinen Willen zur pseudowissenschaftlichen Begründung faschistischer Rassentheorien mißbraucht wurde.

Aber welche »deutsche Kultur« war das, an der sich die jüdische »Liebesaffäre« entzündete? Welches »Deutschland«? Was verstand ein jüdischer Bürger der Donaumonarchie und der österreichischen Republik unter »deutsch«, wenn er noch 1926 als Siebzigjähriger erklärte: »Ich betrachtete mich geistig als Deutscher, bis ich das Anwachsen des antisemitischen Vorurteils in Deutschland und Deutsch-Österreich bemerkte -»?

»Deutsch« -- das war für Freud »meine deutsche Sprache«, die »Sprache Lessings und Goethes«. »Deutsch« war »meine Bildung«. Als »deutsch« galt ihm auch »das Ideal der Humanität unsrer deutschen klassischen Periode«. Ja -- »deutsch« hatte gerade im Verständnis deutscher Juden einmal etwas mit Humanität zu tun, ehe der schreckliche Bedeutungswandel begann, der dieses Wort zum Synonym für Barbarei machte: »Das Deutsche -- das war die Sprache des Todes« (Zitat im jüdischen Museum in Amsterdam).

Und »Humanität«? Bedeutete im 18. Jahrhundert ganz schlicht das Ende der langen Nacht der Religionskriege, die Deutschland verwüstet hatten wie kein Desaster vorher und seither. Bedeutete, statt des blutig Trennenden das Gemeinsam-Humane zu finden und hervorzuheben, das Menschen unterschiedlicher Konfession und Religion miteinander verbindet. Bedeutete einen Abscheu gegen Vorurteile, der aus der Erfahrung ihrer mörderischen Folgen geboren war.

Lessing als Begründer der deutschen Klassik machte das Verhältnis zu den Juden von Anfang an zum Prüfstein aller Aufklärung und aller Toleranz: Kein englischer und französischer Aufklärer war so konsequent. Und welches verheißungsvolle Zusammentreffen ohne Parallele in anderen Ländern, daß Lessing ein gleichaltriger junger Jude, Moses Mendelssohn aus Berlin, entgegenkam in dem gleichen Bestreben, eine neue Koexistenz zwischen Christen und Juden in Deutschland zu stiften.

Von Lessing ermutigt, übersetzte Mendelssohn die Thora' das heilige Buch der Juden, ins Deutsche und schrieb einen Kommentar dazu, der die Zusammenhänge mit der von den Christen benutzten Bibel verdeutlichte. Allmählich wurde Luthers und Lessings Deutsch anstelle von Hebräisch (im Gottesdienst) und Jiddisch (im Alltag) zur ersten Sprache der Juden. »Dieser veränderte Vorrang«, schreibt Peter Gay' »zog eine psychologische Umwandlung, eine Umwertung der Identitäten nach sich, die ohne Beispiel war.«

In Deutschland, und in Berlin zuerst, traten Juden im späten 18. Jahrhundert aus der nicht nur aufgezwungenen, sondern selbstgewählten Isolation gegenüber ihrer Umgebung heraus. Die »Berliner Aufklärung« des Moses Mendelssohn und seiner Anhänger mit ihrer Hinwendung zu einer nicht mehr religiös geprägten Kultur und Wissenschaft bedeutete für die Juden Mitteleuropas einen ähnlich elementaren Umschwung, wie es die Reformation für die Christenheit gewesen war.

Mit freilich zum Teil sehr viel charmanteren Begleiterscheinungen -- den Salons etwa, die reiche jüdische Familien Berlins schon um 1790 unterhielten, den Salons von Rahel Levin-Varnhagen und Henriette Herz etwa: »Bürgerliche junge Akademiker und adelige Offiziere fühlten sich zu diesen Salons hingezogen, und so traf sich hier zum erstenmal in der Geschichte des deutschen Geisteslebens eine Gesellschaft, die in sich die traditionellen Klassen überwunden und im Humanismus eines Goethe sich zusammengefunden hatte.«

Dies berichtet Adolf Meyer-Abich, ein Biograph Alexander von Humboldts, des großen Geographen und Naturforschers, der von einem entschiedenen nichtjüdischen Verfechter der Judenemanzipation, Christian von Dohm, erzogen wurde. Als junger Mann verkehrte von Humboldt bei Henriette Herz, verliebte sich (folgenlos) in sie und schrieb von ihr: »Es ist die schönste und auch die klügste, nein, ich muß sagen die weiseste unter den Frauen.«

Schon damals aber rief ein solcher Fortschritt umgehend eine bösartige Gegenreaktion hervor. Nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon 1806 gab der deutschnationale Feuerspucker Johann Gottlieb Fichte prompt jenem Humanismus die Schuld daran, »jener weichlichen Führung der Zügel des Staates, die mit ausländischen Worten sich Humanität, Liberalität und Popularität nennt, die aber richtiger in deutscher Sprache Schlaffheit und Betragen ohne Würde zu nennen ist«.

1782 dekretierte Kaiser Josef II. die Einsetzung der Juden in die allerdings noch ziemlich eingeschränkten Bürgerrechte des Habsburgerreichs. Erst 1869 in der Verfassung des Norddeutschen Bundes wurde die Rechtsgleichheit von Bürgern jüdischen Glaubens auch in Preußen und Umgebung vollendet. Doch fast unabhängig davon waren die

· Mit Jenny Marx in Paris 1844.

Juden bis dahin schon staunenswert weit vorangekommen. In einem Jahrhundert, in dem sich ja auch das nichtjüdische Kleinbürgertum erst aus Enge und Elend zu Wohlstand und Bildung erhob, krönten sie die bourgeoise Erfolgsstory. Und erregten Neid.

»Gegen 1888«, resümiert Peter Gay' »hatten die deutschen Juden zum größten Teil ihre Konzentration auf »jüdische' Berufe wie Handel und Geldverleih aufgegeben. Sie waren in die großen, rasch wachsenden Städte gegangen und hatten ihren sozialen und beruflichen Status erweitert ... Es gab noch enge Grenzen für deutsche Juden in der Politik, in der Bürokratie, in der Armee. Doch wo es 1850 keine Juden gegeben hatte, dort waren, wie die Antisemiten klagten, ein halbes Jahrhundert später zu viele Juden ... Bis 1907 waren sechs Prozent der Ärzte und 14 Prozent der Anwälte in Deutschland jüdisch.« Die Höchstzahl der Juden im Deutschen Kaiserreich überschritt knapp 600 000 und erreichte damit nicht einmal einen Anteil von einem Prozent an der Gesamtbevölkerung**.

Das deutsche Gymnasium war der große Assimilator -- und übrigens nicht nur für Schüler jüdischer Herkunft. Auch die christlich Getauften im deutschsprachigen Mitteleuropa hatten ja sehr verschiedenartige Identitäten. Man war zunächst Bayer, Preuße, Württemberger, Sachse, Tiroler. Man war Katholik oder Protestant. Das »Deutsche« war vergleichsweise etwas Künstliches: die übergreifende Hochsprache und das Bildungsgut, das in ihr aufgehoben ist. Ob Schweizer oder Friese: Man mußte es erst lernen.

In diesem Sinne war das Deutsche von den Klassikern, die es schufen, durchaus als ein erst zu erwerbendes Bildungs- und Kulturdiplom gemeint, gleichermaßen bestimmt und gleichermaßen erreichbar für alle Stämme deutschen Dialekts, für Katholiken, Protestanten und für Juden. »Für die meisten deutschen Juden des Kaiserreichs«, meint Peter Gay, »konnte man ein »typischer' Jude und ein wahrer Deutscher ebensogut sein, wie man ein

* Gemälde von Moritz Daniel Oppenheimer.

** Zahl der Juden in Frankreich vor 1914: 150 000 gleich 0,3 Prozent. In Großbritannien: 2110 000 gleich 0,3 Prozent.

'typischer' Rheinländer und ein wahrer Deutscher sein konnte.«

Wahrscheinlich besser. Denn »deutsch« war der höchste gemeinsame Nenner, ehe die Teutonen den niedrigsten gemeinsamen Nenner daraus machten -- niedrig genug, um die Juden wieder auszuschließen.

»Die Deutschheit der jüdischen Hochkultur in diesen Jahrzehnten (vor dem Ersten Weltkrieg) war kein Tarnversuch«, schreibt Peter Gay. »Es war keine schäbige Selbstverleugnung, sondern ein Besitzgefühl gegenüber einer Zivilisation, die achtbare Weltbürger wie Schiller und Kant hervorgebracht hatte ... Wenn Deutschlands Juden in jenen Jahren feindselige Propaganda lasen oder persönliche Affronts erlitten, taten sie dies als Deutsche. Der prominente Sozialpsychologe Moritz Lazarus sprach für eine ganze Generation, als er die »jüdische Frage' eine »deutsche Frage' nannte, ein Überbleibsel der Inhumanität, die alle Deutschen, Juden und Christen, gemeinsam überwinden müssen.«

Gewiß gab es einen Heinrich von Treitschke, der seinen »israelitischen Mitbürgern« vorwarf, daß sie sich immer noch für etwas Besonderes hielten und sich weigerten, »Deutsche zu werden, schlicht und einfach als Deutsche zu fühlen« (nämlich als Teutonen). Aber für jeden Treitschke gab es mindestens einen Theodor Mommsen, der 1893 erklärte: »Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille. Er ist wie eine schauerliche Epidemie, wie die Cholera. Man kann ihn weder erklären noch teilen.«

Gewiß gab es in Berlin die antisemitische Christlich-Soziale Arbeiterpartei des Adolf Stoecker und in Wien die weit erfolgreicheren Christlich-Sozialen des Bürgermeisters Karl Lueger, bei dem ein berufsloser Männerheim-Insasse namens Adolf Hitler seine ersten Lektionen nahm. Aber konnte solche Demagogie etwas anderes sein als das letzte Gefecht panischer Pfahlbürger, ehe der Fortschritt sie begräbt? Was waren sie gegen die täglich wachsende Kraft der sozialdemokratischen Parteien, die den Juden allein schon Gewähr für alle Zeit zu bieten schienen?

Auch Dinge, die im nachhinein wie ein Vorspiel zur »Stürmer«-Hetze wirken, erscheinen im Zusammenhang der Zeit und bei genauerer Betrachtung weniger ominös. Beispiel: die Juden, die Deutschlands Haushumorist Wilhelm Busch zeichnete, »Schmulchen Schievelbeiner« etwa aus »Plisch und Plum«. Doch gerade Busch pflegte Freundschaften mit Juden aus Literatur und Kunst -- und eine besonders enge mit dem Dirigenten Hermann Levi. »Busch«, sagt Gay, »war in der Tat einer von Levis loyalsten und geduldigsten Zuhörern.«

Nicht nur deshalb konnte man Buschs unschmeichelhafte Gestalten auch als ein Zeichen von Normalität verstehen. Juden, auch noch stark vom Getto geprägte, gehörten für Busch so selbstverständlich zur deutschen Szene, daß er sich die Freiheit nahm, sie ebenso zu karikieren wie seine Bauern, Lehrer, Politiker oder Katholiken. Wobei sein stillvergnügter »Schievelbeiner« glimpflicher davonkam als sein »Heiliger Antonius von Padua«.

»Mein Vater kam gar nicht auf den Gedanken, daß Kriege, Revolutionen und Inflationen noch möglich seien«, berichtet der jüdische Fabrikantensohn Ludwig Marcuse über die Stimmung in seinem Berliner Elternhaus 1913. Die Juden in Deutschland fühlten sich so sicher und gut, daß viele von ihnen erstmals in ihrer 6000jährigen Geschichte bereit schienen, in einem anderen Volk aufzugehen -- nicht durch Abschwören, nicht durch Konversion zu einem christlichen Bekenntnis, sondern weil ihnen ihre alte Religion verblaßte und sie zugleich immer untrennbarer mit der »deutschen Kultur« verwuchsen.

»Zum erstenmal in den zurückliegenden Jahrhunderten leben die Juden nicht in Opposition zum Leben des sie umgebenden Volkes, sondern in Harmonie mit seinen Mitbürgern«, stellte Theaterdichter Carl Sternheim ("Die Hose") fest. Er für seine Person fand es gar nicht erbaulich, daß die arrivierten Glaubensgenossen so in bürgerlichem Behagen versanken.

Ohne Zorn dagegen erinnert sich Ludwig Marcuse: »Für mich gewann diese Welt (der mosaischen Religion) nie eine Realität«, erzählt er. »Schon meine Eltern fuhren am Sabbat, unser Haushalt war nur ein bißchen koscher, wir Kinder durften Schinken essen, ich fastete am Versöhnungstag nicht, mein Hebräisch war kaum der Rede wert ... Eine mächtige Realität hingegen war für mich Weihnachten: der Baum, die Lichter, die familiäre Zusammengehörigkeit ... wenn auch nur für einen Abend. Diese Weihnachts-Freude aneinander war viel realer als jenes »Das nächste Jahr in Jerusalem!"'

Die zentrale Verheißung ihrer Religion, die messianische Erlösung von Gottes eigenem Volk und seine Heimführung ins Gelobte Land, war vielen Juden gleichgültig geworden.

Nicht allen. Da waren die, denen die Judenverfolgungen in Polen und Rußland keine Ruhe ließen und die auch dem Frieden in Mitteleuropa nicht trauten. Sie nannten sich Zionisten und glaubten, daß es an der Zeit sei, den Juden eine eigene nationale Heimat im alten Palästina zurückzugewinnen.

Doch selbst die Zionisten der ersten Stunde waren kulturdeutsch durch und durch -- und dachten nicht daran, das zu leugnen. Theodor Herzl erhob 1896 seinen Ruf nach einem »Judenstaat« in Palästina in deutscher Sprache. Die ersten Zionistenkongresse verhandelten offiziell auf deutsch, nicht auf hebräisch -- und zwar nicht nur als Notbehelf, bis die Delegierten die ehrwürdige Sprache der Väter vollständig wiedererlernt haben würden.

Denn für Herzl verstand es sich von selbst, daß auch in der wiedergewonnenen Heimat künftig deutsch gesprochen werden sollte: So steht es in seinem utopischen Roman »Altneuland«, der das Leben im neuen Israel halb als faustisches Pionierabenteuer und halb als ein von christlich-germanischen Banausen ungestörtes Weimar-am-Jordan schilderte.

»Im August 1914«, notiert Peter Gay, »eilten die deutschen Juden patriotisch zu den Fahnen, um an der Seite ihrer christlichen Brüder für die Verteidigung der deutschen Kultur gegen den englischen Materialismus, die französische Dekadenz und die allgemeine Einkreisung zu kämpfen und zu sterben.«

In Wien begrüßt selbst der skeptische Sigmund Freud den Kriegsausbruch mit dem Ausruf: »Meine ganze Libido gehört Österreich-Ungarn!'~ Stolz läßt er sich mit seinen beiden ins k. u. k. Heer eingerückten Söhnen photographieren und bekennt angesichts der deutschen Anfangserfolge, jetzt fühle er sich »ganz als Deutscher«. Doch wenige Monate später schon bekennt sich der Seelenforscher ernüchtert zu der Einsicht, zu der sein Idol Johann Wolfgang von Goethe bereits 1806 gelangt war: »Der Krieg ist in Wahrheit eine Krankheit.«

Freud schreibt 1915: »Es will uns scheinen, als hätte noch niemals ein Ereignis soviel kostbares Gemeingut der Menschheit zerstört, so viele der klarsten Intelligenzen verwirrt ... Denken wir an das Unmaß von Brutalität, Grausamkeit und Verlogenheit, das sich jetzt in der Kulturwelt breitmachen darf. Glauben wir wirklich, daß es einer Handvoll gewissenloser Verführer geglückt wäre, all diese bösen Geister zu entfesseln, wenn die Millionen von Geführten nicht mitschuldig wären?«

Krieg, der Kultur nicht verteidigt, sondern zerstört. Krieg als Rückfall in die rohesten Stammesinstinkte, die zu überwinden der Humanismus sich über zwei Jahrhunderte hin bemüht hatte: Peter Gay, und nicht nur er allein, sieht den Bruch, der sich im Bewußtsein bedeutender Juden gegenüber dem Deutschtum vollzieht, schon im Ersten Weltkrieg: »Albert Einstein war nur der berühmteste der Juden in Deutschland, die nach 1918 ihr Judentum entdecken.«

Männer wie Einstein und Freud erkannten, daß sie mit den Deutschen zwar eine weltbürgerliche Hochkultur schaffen und teilen konnten und wollten -- nicht aber die »bösen Geister« eines verspäteten Nationalismus, nicht den völkischen Auserwähltheitswahn, in den sich die Germanen hineinsteigerten. Die Juden als die besseren Deutschen waren die ersten, die aus der barbarisierten Volksgemeinschaft ausgestoßen wurden: Sie erinnerten an die humanen Phasen deutscher Geschichte.

Erst in der Verfolgung und durch die Verfolgung aber, sagt Peter Gay, haben die Verfolger die Eigentümlichkeit des Juden wiederhergestellt. Denn: »Was die Besonderheit des Juden in unserem eisernen Zeitalter, ist weit weniger seine alte Religion oder eine bestimmte Kultur als seine schrecklichen Erinnerungen. Hitler hat den modernen Juden definiert, und noch aus dem Grab heraus definiert er ihn weiterhin.«

Womit wir hei der perversen Weisheit sind, die der 1801 gestorbene französische Schriftsteller Antoine Rivarol formulierte: »Durch den Haß der Welt sichert Gott dem Volk der Juden die Unsterblichkeit. Durch Liebe oder Gleichgültigkeit anderer Völker wären die Juden längst verschwunden.«

Oder wie es Nahum Goldmann sagt: »Goethes Wort von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, hat sich niemals in der Geschichte eklatanter bewahrheitet. Denn in Auschwitz und Treblinka wurde der Staat Israel geboren.«

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