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BRASILIEN Liebeshilfe von Castro

Ein Viagra für Arme wurde in einer Stadt bei Rio kostenlos verteilt - zur allgemeinen Begeisterung.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Rentner Hugo R., 63, schwärmt, dass er wieder »allzeit bereit« ist. Isaias F. dankt »auch im Namen meiner Freundin. Meine Performance hat sich um hundert Prozent verbessert«. Die Karteikarte des Patienten César C., 68, hat dessen Arzt mit Pfeilen gekennzeichnet, die steil nach oben zeigen. Kein Zweifel: Der alte Herr erlebt einen zweiten Frühling.

Dass ihre erschlaffte Libido wieder aufblüht, haben die Männer einem Experiment zu verdanken. Monatelang schluckten sie ein Aphrodisiakum aus Naturheilmitteln. Den Test hatte der Amtsarzt von Paraíba do Sul organisiert, einer 50 000-Einwohner-Stadt 150 Kilometer nördlich von Rio. Der Erfolg überzeugte Bürgermeister Rogério Onofre, 42. Seit Anfang des Jahres lässt er den Liebesbeschleuniger gratis an die Einwohner verteilen.

»Viele Männer bitten beim Gesundheitsamt um Viagra, doch das ist zu teuer für die Stadtkasse«, sagt Onofre. So gab er die Entwicklung eines natürlichen Aphrodisiakums in Auftrag. In einem Labor neben dem Rathaus stellt Stadtapothekerin Erika Vizeu, 33, monatlich 9000 Kapseln Viagra Caboclo (Bauern-Viagra) her, wie das Mittel im Volksmund genannt wird.

Angestiftet wurde die staatliche Erektionshilfe von drei kubanischen Ärzten, die im Auftrag von Fidel Castro seit drei Jahren in Paraíba do Sul Gesundheitsberatung leisten. »In Kuba verschreiben wir viel Naturheilmittel, weil Medikamente knapp und teuer sind«, sagt die Ärztin Carmen Miranda aus Havanna. Bei einem Besuch auf der Insel hatte Bürgermeister Onofre ein Kooperationsabkommen mit den Kubanern geschlossen.

Der Brasilianer war von dem Sozialistenstaat so beeindruckt, dass er die Hauptstraße seiner Stadt in Avenida Ché Guevara umbenannte. Auf dem Hauptplatz ließ er eine lebensgroße Statue des Revolutionärs errichten. »Der Fortschritt hat einen Namen«, steht auf dem Sockel. Die Aktion kam jedoch nicht bei allen Landsleuten gut an: Vor zwei Jahren feuerten Unbekannte nachts vier Schüsse auf das Standbild ab.

Die Kubaner ficht das nicht an. In Zusammenarbeit mit dem städtischen Gesundheitsdienst gelang es ihnen, die Kindersterblichkeit in der Gemeinde zu senken. Bei Potenzbeschwerden verschreiben sie das begehrte Naturviagra, das macht sie bei allen beliebt. Ärztin Miranda schlug dem Bürgermeister vor, ein eigenes Labor für die Herstellung von Naturheilmitteln einzurichten. Das Gesundheitsministerium in Brasília hat das Projekt befürwortet und überwacht die Produktion.

Apothekerin Vizeu stellt im Auftrag der Stadt auch Heilmittel für Gastritis, Leberbeschwerden und Übergewicht her. Doch der Hit ist das »Composto Energético«, wie das Aphrodisiakum offiziell heißt. Die grün-weißen Kapseln enthalten eine Mischung aus Kräutern, Beeren und Wurzeln: Ginseng, Marapuana, Catuaba und Guaraná. Die Catuaba-Rinde galt in Brasilien schon immer als Potenzmittel. Catuaba-Likör heizt angeblich die Libido an.

»Unser Mittel weckt die Lust«, versichert Amtsarzt Rogério Vaz. Bei regelmäßiger Einnahme stelle sich der aphrodisierende Effekt nach einigen Tagen ein. Herzkranke und Patienten mit Bluthochdruck sollten auf den Konsum jedoch verzichten, empfiehlt Vaz. Die Gesundheitsbeauftragte der Stadt konnte nach dem Genuss tagelang nicht schlafen.

Bürgermeister Onofre und mehrere Stadträte haben das Mittel selbst getestet. Die Baubehörde verteilte die Kapseln an Straßenarbeiter; Rios Erstliga-Fußballmannschaft Botafogo peppte sich im Trainingslager mit den Kapseln auf - sie fallen nicht unters Dopinggesetz.

Fernando Maia, Feuerwehrhauptmann in Rio, nahm die Kapseln während des Karnevals. »Ich war nach drei Tagen und Nächten immer noch fit«, so Maia. Jetzt verteilt er das Mittel unter seine Kollegen. Auch der Gouverneur von Rio habe die Liebespille getestet, versichert Bürgermeister Onofre. An Brasiliens Gesundheitsminister José Serra sandte er ein Paket mit der Empfehlung, mehr Naturheilmittel einzusetzen: »Das kann die Gesundheitskosten senken.«

Der Erfolg hat sich inzwischen im ganzen Land herumgesprochen. Eine Großbäckerei aus Rio fragte an, ob sich mit dem Pulver Brot backen lasse. Aus Mexiko kam ein Brief mit einer Bestellung über 200 Probepackungen - so schnell wie möglich und auch gegen Vorkasse.

Männer aus den Nachbargemeinden stehen vor der Grundversorgungs-Ambulanz Schlange, um ein Glas mit dem begehrten Stoff zu ergattern. »Meistens geben sie sich als Machos und behaupten, dass es für einen Freund oder Verwandten sei«, sagt Apothekerin Vizeu. Sie kommt mit der Produktion längst nicht mehr nach. Bürgermeister Onofre plant jetzt den Bau eines größeren Labors.

Auch Pharmafirmen interessieren sich für das Produkt, doch bislang hat Erika Vizeu allen Abwerbungsversuchen widerstanden. Ein Arzneimittellabor versuchte jüngst vergebens, ihre Angestellte zu bestechen, um die Formel herauszukriegen. »Die Kräutermischung ist mein Geheimnis«, sagt Vizeu. »Und das behalte ich allein im Kopf.« JENS GLÜSING

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