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Liebeswerben in Paris

aus DER SPIEGEL 28/1979

Der kleine Jean durfte schon mal mit Hermann Görings elektrischer Eisenbahn spielen. Gerade vier Jahre alt war der Knabe, als er am Abend des 27. Februar 1933 vom Schlafzimmerfenster aus in der Residenz seines Vaters am Pariser Platz in Berlin die Flammen aus der Kuppel des brennenden Reichstags schlagen sah: Jean Francois-Poncet, Sohn des französischen Botschafters in Deutschland, inzwischen 50 und Chef am Quai d"Orsay.

Am Donnerstag letzter Woche plante er, als erster Außenminister der westliehen Siegermächte, in jenen Teil der ehemaligen Reichshauptstadt zurückzukehren, in dem er seine Kindheit verbrachte: nach Ost-Berlin.

Doch einen Tag vor Antritt seiner Reise verschob der Deutschland-Experte die Visite. Eine Woche nach dem SED-Beschluß, die Ost-Berliner Abgeordneten künftig direkt in die Volkskammer wählen zu lassen, wollte der Franzose mit seinem Besuch den Verstoß der DDR gegen den Viermächte-Status der Stadt nicht zu einer Bagatelle verharmlosen.

Drei Monate bevor Valéry Giscard d"Estaing als erster französischer Staatschef in West-Berlin auftritt, demonstrierte Paris damit der DDR seine Verantwortung als Siegermacht für ganz Berlin.

Doch die Franzosen wollen es offenbar bei einer symbolischen Geste des Protestes belassen. Bereits am 24. Juli soll Francois-Poncet den Besuch nachholen, auf den Ost-Berlin seit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen vor sechs Jahren »mit großer Geduld« (Politbüro-Mitglied Hermann Axen) wartet.

Denn nirgendwo sonst im Westen bieten sich der SED, über die starke französische kommunistische Partei und Gewerkschaftsbewegung, so nachhaltige Kontakt- und Einflußmöglichkeiten wie eben in Frankreich. In keinem anderen nichtkommunistischen Land fanden so viele verfolgte KPD-Emigranten Zuflucht vor den Nazis -- vom DDR-Gründer Walter Ulbricht, der einst mit einer Französin verheiratet war, bis zu den Politbüro-Mitgliedern Hermann Axen, Kurt Hager und Albert Norden.

Und mit keinem anderen kapitalistischen Staat läßt sich die DDR so bereitwillig auf Zusammenarbeit bei industriellen Großprojekten (etwa im Automobilsektor) ein wie mit Frankreich.

In Paris sieht die DDR-Führung ihren wichtigsten diplomatischen Brückenkopf im Westen. Der Hintersinn des Liebeswerbens: Die Franzosen, so legten sich die Ost-Berliner Außenpolitiker zurecht, müßten schon deswegen an einer Aufwertung ihrer DDR-Beziehungen interessiert sein, um den ständig wachsenden Einfluß Bonns in Europa unter Kontrolle zu halten.

Ein keineswegs unrealistisches Konzept. Denn nicht nur Frankreichs Linke, auch viele Konservative unterstellen der Bundesrepublik Amerika-Hörigkeit und kaum kaschierte Vormachtgelüste. Die Angst der französischen Intelligenz vor einem starken deutschen Einheitsstaat resümierte der Schriftsteller Francois Mauriac in der klassisch gewordenen Formulierung: »Ich liebe Deutschland, ich liebe es so sehr, daß ich sehr zufrieden bin, daß es davon zwei gibt.«

Vor allem Teile der Gaullisten waren immer wieder geneigt, die DDR-Karte gegenüber Bonn auszuspielen. Schon 1970 setzte sich die linksgaullistische »Bewegung für die Unabhängigkeit Europas«, der so einflußreiche Politiker wie der ehemalige Verteidigungsminister Pierre Messmer angehörten, für die Normalisierung der Beziehungen mit der DDR ein.

Georges Gorse, Informationsminister unter Charles de Gaulle, berichtete 1971 nach einem Besuch in Ost-Berlin, seine Gesprächspartner hätten ihm versichert: »Wenn die DDR nicht existierte, dann hätte man sie besonders für Frankreich erfinden müssen.«

Nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen am 9. Februar 1973 schien Michel Jobert, letzter Außenminister unter Georges Pompidou, grundsätzlich bereit, den SED-Staat mit seiner Visite zu ehren. Und als DDR-Außenminister Oskar Fischer bei seinem Paris-Besuch 1976 nicht von Präsident Giscard d' Estaing empfangen wurde, weil es sich, so der Quai d'Orsay spitzfindig, um einen »Arbeitsbesuch« und nicht um eine »offizielle Visite« handelte, bedauerte der frühere gaullistische Außenminister Maurice Couve de Murville, daß Frankreich die DDR nicht stärker ins Spiel bringe.

Wenn auch Giscard der Bundesregierung nie das Gefühl gab, die DDR als Druckmittel einzusetzen Bonn registrierte die französisch-ostdeutsche Tändelei stets mit Argwohn. »Die Franzosen«, konstatierte im April eine Studie des Gesamtdeutschen Instituts, »nützen ihre Beziehungen zur DDR, um damit ihr deutschlandpolitisches Konzept stets dann zu demonstrieren, wenn in der westlichen Presse begründete und unbegründete Spekulationen über die Chancen einer deutschen Wiedervereinigung auftauchen.« So glaubten die Bonner einen »auffällig verdichteten Besuchsverkehr« zwischen Paris und Ost-Berlin festzustellen, nachdem Mitte 1978 zunächst amerikanische, dann französische und deutsche Zeitungen über angebliche Neutralisierungspläne der SPD -- mit Endziel Wiedervereinigung -- berichtet hatten.

Im Juli 1978 reiste Staatssekretär Olivier Stirn als erster französischer Außenpolitiker von Rang nach Ostdeutschland. Im März kam Herbert Krolikowski, Erster Stellvertretender Außenminister der DDR, zum Gegenbesuch, gleich danach traf sich Erziehungsminister Christian Beullac zum Meinungsaustausch mit seiner DDR-Kollegin Dr. h. c. Margot Honecker.

»Eine Art gemeinschaftlicher Abwehrreaktion auf die wiederaufbrechende Wiedervereinigungsdiskussion«, kommentierten Bonner Deutschland-Experten in einer Stellungnahme.

Neben den Kommunisten und Teilen der Gaullisten verfügt die DDR, paradox genug, über eine weitere mächtige Pressure-group in Frankreich: den Arbeitgeberverband CNPF, der am florierenden Ost-West-Handel seit eh und je teilhaben möchte.

So setzten die Industrie-Bosse drei Jahre vor der völkerrechtlichen Anerkennung der DDR die Eröffnung eines französischen Wirtschaftsbüros in Ost-Berlin durch. Als erster westlicher Industriestaat unterzeichnete Frankreich 1973 mit den ostdeutschen Außenhändlern ein Zehnjahresabkommen über wirtschaftliche, industrielle und technische Zusammenarbeit -- mit den Schwerpunkten Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie und Schiffbau. 1976 ließen sich, als erste westliche Bankenvertretung, die Société générale Paris und die Société générale alsacienne de banque Strasbourg in Ost-Berlin nieder, 1978 zog die staatliche Fluggesellschaft Air France nach.

Von 1973 bis 1976 stieg der Gesamthandelsumsatz zwischen den beiden Ländern von 189 auf 402 Millionen Dollar. Zwar sackten 1977 die Geschäfte um fast 30 Prozent ab, doch vereinbarten im Februar dieses Jahres der Ost-Berliner Staatssekretär im Außenhandelsministerium, Gerhard Beil, und Premierminister Raymond Barre eine Verdoppelung der gegenseitigen Exporte bis 1980.

Die devisenknappen Osthändler scheuten selbst vor spektakulären Großeinkäufen nicht zurück. Schon 1968 schloß der VEB Synthesewerk Schwarzheide mit einer Tochtergesellschaft des französischen Industriegiganten Schneider-Creusot einen Vertrag über die Errichtung eines Chemie-Komplexes für 245 Millionen Franc ab. Im letzten Jahr begann Citroen mit dem Bau eines Gelenkwellenwerks (Wert: 1,6 Milliarden Franc) bei Zwickau. Ein Teil der Produktion soll, als Bezahlung, nach Frankreich zurückexportiert werden.

Erst vorletzte Woche schließlich bestellte die DDR bei Creusot-Loire eine Düngemittelfabrik für 1,5 Milliarden Franc und schlug damit ein billigeres britisches Konkurrenz-Angebot aus -- wohl als Freundschaftsgeste zum geplanten Francois-Poncet-Besuch in Ost-Berlin.

Verglichen mit solchen Milliarden-Geschäften nehmen sich die Gegenlieferungen der DDR nach Frankreich meist bescheiden aus -- mal 25 000 Paar Socken, mal zehn Tonnen Gardinenstoff, 100 000 Meter Seidenstickereien und 50 000 Tischtücher, wie sie die Firma Wiratex aus Ost-Berlin über die Außenhandelsfirma »Société de réalisations industrielles et de commerce pour l'Europe« (SORICE) absetzte, die von der französischen KP mitgeführt wird.

Immerhin gelang es der DDR in den letzten zwei Jahren, durch forcierten Export von chemischen Erzeugnissen und Werkzeugmaschinen die bis dahin negative Handelsbilanz zu ihren Gunsten zu wenden (siehe Graphik Seite 36).

Von Kommunisten bis Kapitalisten -- in keinem Staat des Westens findet die DDR so ideale Bedingungen für ihre Sympathie-Werbung vor wie in Frankreich, mit dem sich Dutzende von SED-Oberen persönlich verbunden fühlen, schon seit den Tagen Walter Ulbrichts. Auch nach der Trennung von der in Warschau geborenen Französin Marie Wacziarg (Pseudonym: Rose Michel) hielt der 1973 verstorbene frühere Staatsratsvorsitzende den Kontakt aufrecht. Die ehemalige Madame Ulbricht arbeitete in den Nachkriegsjahren als Korrespondentin der »Humanité« (Presseausweisnummer 1167) in Ost-Berlin, anschließend als ADN-Berichterstatterin in Paris.

In der französischen Hauptstadt bereitete der Sachse 1936 eine mögliche Volksfront-Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten im Exil vor. ZK-Mitglied Franz Dahlem lebte als Leiter des Westbüros der KPD mit Frau Käthe bis zum Kriegsbeginn im Pariser Vorort Ivry-sur-Seine. 1971 ernannte die kommunistisch geführte Gemeinde die beiden deutschen Genossen zu Ehrenbürgern.

»Es ehrt uns, daß Sie einst Frankreich als Heimstatt erwählten«, würdigte denn auch Staatschef Georges Pompidou den ersten DDR-Botschafter in Frankreich, Ernst Scholz, bei der Überreichung des Beglaubigungsschrei* Mit dem bundesdeutschen Botschafter Sigismund von Braun (r.).

bens 1974. »Wir kennen die Verbundenheit, die Sie der Sache unseres Vaterlandes in besonders dunklen Stunden bekundet haben, sowie den Mut, den Sie an der Seite der franzosischen Widerstandskämpfer zeigten.

Nach seiner Rückkehr aus dem spanischen Bürgerkrieg hatte sich Scholz im besetzten Frankreich der kommunistischen Résistance angeschlossen und war nach der Befreiung 1944 zum französischen Staatsbürger ernannt worden.

Der ehemalige Widerstandskämpfer René Andrieu, Chefredakteur der »Humanité«, in einem Leitartikel: »Die französischen Kommunisten haben sich gegen über den deutschen Anti faschisten immer solidarisch gezeigt.«

Wenn die DDR für Frankreichs KP auch keinesfalls Modell ist -- die besseren Deutschen leben ihrer Ansicht nach im Osten. Von 39 348 Lehrern, die 1945 in der DDR unterrichteten, zählt Andrieu auf, seien 28 179 als Nazis entlassen worden. In der Bundesrepublik hingegen würden Kommunisten verfolgt, von vier Präsidenten sei nur ein einziger Heinemann -- antifaschistisch gewesen.

In den Wochen des Europa-Wahlkampfes rückte die KPF zuweilen taglieb ein halbes Dutzend Attacken gegen die Bundesrepublik in ihr Parteiblatt. Und bei der Bundespräsidentenwahl (Schlagzeile zu Karl Carstens: »Das braune Hemd des Präsidenten") kommentierten die Genossen Redakteure: »Deutschland droht morgen durch die ehemaligen und Neo-Nazis Carstens und Strauß regiert zu werden.«

Kein Zweifel für Generalsekretär Georges Marchais, wohin der Weg der Westdeutschen führt: zum »Diktat« der Bonner. Die Bundesrepublik sei nahezu »besessen« davon, Atomwaffen unter ihre Kontrolle zu bekommen. »Alle Experten wissen«, schrieb L'Humanité. »daß unsere Armee sich nicht länger als zwei oder drei Tage halten könnte, wenn die Bundeswehr auf den Gedanken käme, uns anzugreifen.«

Frankreichs KP« sonst an vorderster Front, wenn es darum geht. wirkliche oder vermeintliche Verstöße gegen Menschenrechte im Westen zu geißeln, kritisiert kaum je Mauerbau oder Todesschüsse, die letzten Repressalien gegen Robert Havemann blieben unerwähnt. Als die ostdeutsche Polizei die Wohnung des prominenten SED-Dissidenten abriegelte, wußte das Pariser Partei-Organ aus Ost-Berlin lediglich zu vermelden: »Weekend de Jazz à Berlin«.

Zwar setzte sich Frankreichs KP mehrfach kritisch mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns auseinander und klagte vier Monate vor den Parlamentswahlen, die Frankreichs Volksfront-Parteien im März 1978 an die Macht bringen sollten, die Ausweisung von Schriftstellern und Sängern aus der DDR gebe »einer Reihe der besten Freunde dieses Landes ernsthaft zu denken«. Überdies sei. so »L"Humanité, unglaubwürdig, daß Rudolf Bahro »wegen nachrichtendienstlicher Tätigkeit eingekerkert worden sei«.

Aber als der Regime-Kritiker zu acht Jahren Haft verurteilt wurde, kommentierte das Partei-Organ das Urteil in zehn mageren Zeilen: »Aus dem augenblicklichen Stand unserer Informationen geht nicht hervor, daß dieses Urteil anders begründet ist als durch ein »Meinungs-Delikt«.«

Taktisches Kalkül war es wohl auch nur, als Generalsekretär Georges Marchais vor den Parlamentswahlen die Unabhängigkeit seiner Partei demonstrieren wollte, indem er darauf verzichtete, dem sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew beim Staatsbesuch in Paris die Hand zu schütteln. Die Genossen im Ostblock hatte der Franzose schon zuvor verstört, als er den Begriff der »Diktatur des Proletariats« aus dem Parteiprogramm streichen ließ und einen _Sozialismus in den Farben Frankreichs« verkündete.

Doch die Konservativen gewannen die Wahl, und prompt verstärkte der vermeintliche Euro-Kommunist auch wieder die Kontakte zu Ost-Berlin. Im Dezember letzten Jahres meldete »Neues Deutschland« in einer Schlagzeile: »Kameradschaftliche Begegnung Erich Honecker-Georges Marchais«. Der Franzose sei zu einem Erholungsaufenthalt in die DDR gereist. Politbüro-Mitglied und ZK-Sekretär Hermann Axen beehrte die Franzosen zu ihrem Parteitag mit einem Bronze-Relief Wilhelm Piecks.

Trotz der zuweilen aufbrechenden und meist schnell wieder bereinigten Differenzen zwischen den Bruder-Parteien unterstützen die französischen Genossen die DDR loyal bei dem Bestreben, gesellschaftliche und kommunale Kontakte zu knüpfen.

Rund 200 -- meist kommunistisch regierte -. Gemeinden sind mit DDR-Städten partnerschaftlich verbunden, etwa Weimar mit Marly, Wismar mit Calais, Zwickau mit Saint-Denis. Doch die Kontakte blieben meist einseitig, das angestrebte Ziel -- Begegnung zwischen den Bürgern beider Länder -- steht nur auf dem Papier. Denn allenfalls offizielle DDR-Delegationen, selten aber Privatbürger, erhalten von den DDR-Behörden Ausreisegenehmigungen. 1977 registrierte die französische Botschaft in Ost-Berlin ganze 3000 Visa-Anträge.

Offiziell begründen die Ostdeutschen das für Frankreichs Kommunisten enttäuschende Engagement damit, daß es noch kein Konsularabkommen mit Paris gebe; DDR-Bürger, die in Frankreich in Not gerieten, könnten ja wohl schlecht die Vertretungen der Bundesrepublik um Hilfe ersuchen.

Tatsächlich aber mangelt es der DDR außer an den für ein intensives Austauschprogramm notwendigen Devisen an Vertrauen in die Loyalität ihrer Staatsbürger.

Statt dessen baut Ost-Berlin vor allem auf eine französische Organisation, die der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker unlängst als »weitsichtigen Wegbereiter« für die Verständigung zwischen der DDR und Frankreich lobte: Die »Association France-RDA« (Freundschaftsgesellschaft Frankreich-DDR), 16 000 Mitglieder stark und seit 1958 für die Aufwertung des zweiten deutschen Staates im steten Einsatz.

Die Mitglieder bilden eine bunte Liste aus Prominenz, Politik und Sport: Neben dem Mitterrand-Vertrauten Claude Estier der Tour-de-France-Sieger Roger Pingeon (1967), Frankreichs erster Ost-Berliner Botschafter Bernard Guillier de Chalvron. von Mai 1944 bis zum April 1945 im KZ Buchenwald eingekerkert, der Radrenn-Weltmeister Jean Stablinsky, Ex-Parlamentspräsident Edgar Faure, der gaullistische Abgeordnete Georges Gorse, Schriftsteller. Geistliche und ein Hürdenläufer. Im Verbandsblatt »Rencontres« (Begegnungen) wirbt die DDR für Urlaub in Gernrode (Harz), Wittenberg und Kühlungsborn an der Ostsee, mit zweitägigem Pflichtbesuch in Berlin. Französischen Lehrern werden 26tägige Sommerkurse an DDR-Universitäten für etwa 600 Mark angeboten, Studenten zahlen 450 Mark. Auf dem Programm stehen weiter Ernte-Einsatz und Ferien für Jugendliche. Sprachkurse für Deutsch-Schüler und Studienreisen zum Thema »Entwicklung des Sports« oder »Agrarpolitik der DDR«.

Um den Franzosen ostdeutsche Dressurkünste vorzuführen, gastierte im Januar 1978 ein Staatszirkus der DDR in Paris: Schweine marschierten im Gleichschritt auf den Hinterpfoten, ein Elefant radelte auf einem Dreirad durch die Manege Tiere erfüllten das Freundschaftssoll, über allem schwebten sechs Fahnen mit Hammer und Zirkel. Lautsprecherdurchsage: »Berlin, Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, grüßt Paris.«

Auf der »Fête de l'Humanité«, dem traditionellen Fest des kommunistischen Partei-Organs im Pariser Vorort La Courneuve, klebte sich Schwimm-Olympiasieger Roland Matthes eine rote Plakette an die Jacke: »Ich bin ein Kommunist, warum nicht du?« Im französischen Fernsehen lobte Ruth Fuchs, DDR-Goldmedaillengewinnerin im Speerwerfen: »Mir imponiert diese ganze Atmosphäre sehr.«

Eine ganze Seite widmete »L'Humanité« den Sporterfolgen der Ostdeutschen und folgerte: »Heute kennt und respektiert die ganze Welt die Hymne und die Fahnen der DDR.«

Trotz aller Anstrengungen -- die Sympathie-Werbung der SED kommt in Frankreich nur bei bestimmten Schichten der Gesellschaft an: kommunistischen Kadern, Teilen der Gaullisten, Künstlern und Intellektuellen. Für die Mehrheit der Arbeiter, das weiß auch die Freundschaftsgesellschaft France-RDA« ist Deutschland nach wie vor identisch mit der Bundesrepublik. Die DDR kann das Volk noch immer nicht recht einschätzen: Ein Phantom irgendwo zwischen Mauer und Muskeln der Sportler, Stechschritt, Stacheldraht und Staffellauf. Selbst von der deutschen Frage bewegte Blätter wie »Le Monde« berichten -- außer bei spektakulären Dissidenten-Fällen nur selten über DDR-Entwicklungen, das Fernsehen notiert allenfalls DDR-Sporterfolge bei olympischen Spielen.

Auch Frankreichs konservative Regierung ist, bei aller Bereitschaft zum Handel. kein bequemer Partner, wie die Verschiebung des Ministerbesuchs beweist. Unnachgiebiger als etwa die Briten beharrt Frankreich, von den vier Weltkriegssiegern der Schwächste, auf Alliiertenrecht.

So liefen Mitte Juni die Verhandlungen über ein Konsularabkommen an der hartnäckigen Weigerung der Franzosen fest, eine eigene DDR-Staatsbürgerschaft anzuerkennen. Die pragmatischeren Briten dagegen übernahmen schon 1976 eine Kompromißklausel, wonach die Regelung der Staatsangehörigkeitsfrage nach der jeweiligen nationalen Gesetzgebung erfolgt -- was faktisch zwar einer Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft gleichkommt, gleichwohl aber jedem DDR-Bürger die Möglichkeit läßt, seine Interessen auch von der bundesdeutschen Botschaft vertreten zu lassen. Francois-Poncet: »Für uns kein Beispiel.«

Wie penibel Paris bei der Auslegung seiner Siegerrechte zu sein pflegt, hatte die DDR schon 1973 erfahren, gleich nach der diplomatischen Anerkennung. Die Franzosen wollten ihre Vertretung außerhalb der Ost-Berliner Stadtgrenzen, etwa nach Potsdam, verlegen -- um nicht Ost-Berlin als Hauptstadt der DDR akzeptieren zu müssen. Die DDR hingegen beharrte darauf, daß der Botschafter nur in der Hauptstadt Quartier nehmen könne.

Der Streit dauerte ein Jahr. Dann gaben die Franzosen scheinbar nach und zogen Unter den Linden 40 ein -- allerdings nicht ohne die DDR doch noch auszutricksen. Denn laut Ernennungsgesetz trägt der französische Missionschef die Bezeichnung »Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter bei der DDR«.

Und nicht, wie es internationalem Diplomaten-Brauch entsprochen hätte, in der DDR.

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