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Skandinavien Liebliche Provinz

Dänen wie Norweger führen ihren Volksabstimmungskampf um den EWG-Beitritt mit Tricks, Terror und Tatsachen. Bleiben beide Länder der EWG fern?
aus DER SPIEGEL 39/1972

In Mo, einem Städtchen in Nordnorwegen, ließen drei junge Leute nach Handkantenschlägen und Tritten ins Gesicht um Nerdal mit gespaltener Oberlippe im Rinnstein liegen.

Ihr Opfer ist Sekretär der »Ja-Front« -- einer Bewegung für den Beitritt Norwegens zur EWG.

Henry Erichsen. Ja-Front-Chef der Insel Andoy, entsagte seinem Amt, nachdem ihm der Tod angedroht und nachts versucht worden war, in sein Haus einzudringen.

Bei Kristiansand zwang ein Messerheld einen Zwölfjährigen, das »Ja«-Abzeichen abzulegen. In Oslo wurde ein »Ja«-Träger von zwei Jugendlichen bewußtlos geschlagen. In Nordnorwegen ist der Terror gegen die »Landesverräter« laut Oslos »Aftenposten« so stark, daß sie »nicht wagen, sich offen zur EWG zu bekennen«.

Im Endspurt zu den Volksabstimmungen über die EWG-Mitgliedschaft -- Norwegen wählt Anfang nächster Woche, Dänemark sieben Tage später -- brach in den alten Musterdemokratien des Nordens der Bürgerkampf aus.

In nordischen Wahlfeldzügen waren selbst verbale Ruppigkeiten bislang verpönt. Das ist jetzt durch die EWG-Opponenten -- zu ihnen zählen Bürgerliche und Sozialdemokraten teilweise, die äußersten Linken komplett -- anders geworden: Sie kämpfen mit sachlichen und unsachlichen Argumenten, vor allem aber mit Emotionen und sogar kriminellen Methoden.

Sie wollen den Norwegern einreden, daß die EWG den Alten ihre Renten nimmt und der Bürger zu Behördenbesuchen nicht mehr ins örtliche Rathaus gehen kann, sondern nach Brüssel reisen muß.

Sie nennen die EWG »das Reich Satans« und den EWG-Beitritt »Verkauf Norwegens«, vor allem an die Deutschen, gegen die »der Kampf von 1940 fortgesetzt« werden muß.

Den Oslo-Besuch Bundeskanzler Brandts -- er sprach vorigen Donners* Hemdentext: EWG -- nein.

tag auf einer Europa-Kundgebung -- attackierte Norwegens zweitgrößte (und Anti-EWG-) Zeitung »Dagbladet«. Aber das Blatt ließ Islands Außenminister Ágústsson in einem Interview gegen die EWG sprechen.

Alles ist erlaubt: Sonderschullehrer denunzieren die EWG per Schülerzeitung bei Eltern als sonderschulfeindlich. In Nordnorwegen« wo der Lebensmittel-Direktverkauf vom Bauernhof noch üblich ist, weigern sich Agrarier, EWG-Befürworter zu bedienen. Schau- und Autofenster mit »Ja«-Aufklebern werden zertrümmert, Pkw-Reifen aufgeschlitzt, Parlamentsabgeordnete als »Nazi-Pack« beschimpft.

EWG-feindliche Arbeiter drohen mit politischem Streik. Das liberale »Dagbladet« und das Bauernblatt »Nationen« druckten eine Wahlkampfstudie der Ja-Front ab, die aus einem Privatbrief entwendet worden war.

in Dänemark wurde Ruheständlern ein Fortfall der Volkspension prophezeit, Schweden-Premier Palme mit frei erfundenen »Zitaten« als EWG-Feind präsentiert. Durch den Brief schlitz des Kopenhagener Europa- Büros schütteten Attentäter zweimal Brennstoff und zündeten ihn an.

Eine Kinder-Sendung des Dänischen Rundfunks eröffneten eigenmächtige Produzenten in deutscher Sprache mit deutscher Musik: Möglicherweise werde bald eine deutsche Melodie Dänemarks Zweit-Nationalhymne sein. Die alte Nationalhymne wurde auch gesungen. Aber statt »Es gibt ein liebliches Land« hieß es »Es gibt eine liebliche Provinz«.

Dänemarks größtes Massen- und Anti-Blatt, »Ekstra Bladet«, agitierte mit einem Mädchen -Po unter kurzem »Nein«-Hemd und zeigte auch in Ganzaufnahme eine Hübsche, die nur ein winziges »Nein«-Plakat trug, am Oberarm.

Der dänische Reichstag, das Folketing, votierte vorletzten Freitag mit 80 Prozent für EWG-Mitgliedschaft. Doch entscheidend ist das Plebiszit: Bei negativer Stimme des Volkes ist die Stimme des Parlaments nichtig.

Nach dem neuesten Meinungstest sagen 44 Prozent der Dänen ja zur EWG, 40 Prozent nein und 16 Prozent nichts. Aber: Falls die Norweger -- vor den Dänen -- mehrheitlich ablehnen, werden es angeblich auch die Dänen tun.

Die norwegische Nein-Front ließ ermitteln: 51 Prozent des Volkes stimmen mit Nein und 34 Prozent dafür. Die Ja-Front ließ feststellen: 44 Prozent sind dafür, 42 Prozent dagegen, 14 Prozent noch schwankend.

Norwegens Volksabstimmung wirkt auch für Norwegen selbst nur beratend: im Osloer Storting, das erst danach entscheiden wird, sind heute über 70 Prozent der Abgeordneten dafür. Viele wollen sich allerdings einer negativen Volksmehrheit freiwillig beugen.

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