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KRIMINALITÄT Lieferung frei Haus

Der wegen Kokainbesitzes verdächtigte Trainer Christoph Daum belastete sich selbst am stärksten - er könnte dennoch glimpflich davonkommen.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Der Fußballtrainer Christoph Daum, das gilt in diesen Wochen ständig neuer Erkenntnisse als immer noch gesichert, war ein penibler Arbeiter. Sein Assistent Roland Koch wirkte während der Spiele von Bayer Leverkusen an seiner Seite wie ein gut dotierter Schriftführer - Fouls, Abwehrfehler und Fehlpässe wurden säuberlich dokumentiert.

Wer ein solches Faible für Notizen hat, kann offenbar nicht anders, selbst wenn er Kokain im Blut hat. Sein Hang zum Dokument wird dem Privatmann Daum vielleicht noch Pein bereiten - er lieferte seinen Anklägern nämlich das bislang einzige schriftliche Beweisstück frei Haus.

Als am vorvergangenen Freitag Fahnder die Villa des angeblichen Kokainschnupfers Daum im Kölner Stadtteil Hahnwald durchsuchten, lag dort ein Schreiben herum, an das sie sonst ohne weiteres nicht gekommen wären - das Ergebnis der Haaranalyse durch das Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln. Das Papier gehöre eigentlich in den »Kernbereich der ärztlichen Schweigepflicht«, so ein leitender Ermittler der Kölner Staatsanwaltschaft.

Der Befund der Spezialisten, die Daum allen Widerständen zum Trotz selbst beauftragt hatte, ist eindeutig. Sie filterten aus dem Haar eine hohe Dosis des Metaboliten Benzoylecgonin, eines Stoffwechselprodukts nach Kokaingebrauch.

Zu Deutsch: Daum muss in den vergangenen Monaten kräftig konsumiert haben, sein Kokain-Parameter betrug 72 - bei einem Gelegenheitskokser liegt der Wert zwischen 2 und 20. Daums Befund bedeutete fast Rekord im Kölner Uni-Institut. »Der Christoph«, sagt ein alter Freund, und er meint es gar nicht ironisch, »der Christoph war immer Tabellenführer.«

Ob alle Erkenntnisse auch ausreichen, wirklich den strafbewehrten »Erwerb« von Kokain zu belegen, ist ziemlich fraglich; allein der Drogenkonsum, ist er auch noch so hoch, ist nicht strafbar.

Von unterschiedlichen Ansätzen her ermitteln die Staatsanwaltschaften Köln und Koblenz gegen den Mann, der fast Bundestrainer geworden wäre. Drei weitere Beschuldigte sitzen in Untersuchungshaft, während Daum sich auf seiner Flucht durch Florida in der Rolle eines neuen Dr. Kimble gefällt - »mich findet hier niemand. Das habe ich schon gut gemacht«, ließ er »Bild« am Telefon wissen.

Die Koblenzer Ermittler waren auf im Metier durchaus üblichen Umwegen auf Daum aufmerksam geworden. Der Trainer, der »den Erfolg braucht wie der Süchtige die Droge« ("Frankfurter Allgemeine"), schien sich gerade seinen Lebenstraum zu erfüllen. Er war als Bundestrainer im Gespräch - als sich im Sommer ein V-Mann bei der rheinland-pfälzischen Polizei mit einem Tipp meldete: Zwischen dem Flecken Ahrbrück in der Eifel und dem Kurort Aachen habe sich eine neue Dealerszene entwickelt.

Während Daum mit dem Essener Stromkonzern RWE über eine millionenschwere Werbekampagne ("Das Denken hat die Richtung geändert") verhandelte, observierte die Polizei drei Tatverdächtige: den Kneipier Josef W., den früheren Hotel-Bediensteten Rüdiger K. und Bernd R., einen Sozialhilfeempfänger aus Aachen, der schon im vergangenen Jahr wegen Rauschgifthandels zu einer 18-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden war.

Nach bisher vorliegenden Aussagen soll Daum bei einem der drei vor Monaten 100 Gramm Kokain gekauft haben. Das könnte, falls es denn bewiesen wird, eine Freiheitsstrafe von etwa einem Jahr oder eine saftige Geldstrafe nach sich ziehen. Am 17. Oktober wurde deshalb das Ermittlungsverfahren gegen den nichts ahnenden Daum eingeleitet.

Bernd R. soll versucht haben, Daum unter Druck zu setzen und dessen Lebenswandel der Konkurrenz von Bayern München zu verzinken, vulgo: Erpressung. So steht es im Haftbefehl gegen den Mann.

Der herz- und zuckerkranke Aachener bestreitet den Erpressungsversuch. Er habe Daum nur »warnen« wollen, dass die Drogensache »hochkommen« werde, beteuerte er seinem Anwalt Uwe Gildhoff gegenüber.

Die Staatsanwaltschaft Köln musste auf die positive Haarprobe reagieren und nahm wie die Kollegen aus Koblenz ebenfalls Ermittlungen auf. Mehrere Personen boten sich als Informanten an. Die Tippgeber wurden von der Kripo gehört, aber als sie dann konkret werden sollten, überfiel sie, so ein Beamter, »ziemlich schwere Amnesie«. Derzeit überlegt der Staatsanwalt, ob er den früheren Nationalspieler Jimmy Hartwig laden soll. Der hatte auf allen Kanälen behauptet, er wisse, dass Daum auf Koks gewesen sei.

So rettet den Pedanten Daum trotz des Fauxpas mit dem Analyseergebnis womöglich, dass es gegen den Verdächtigen Daum zwar viele Vorwürfe gibt, aber kaum strafrechtliche Beweise. Womit Daum wieder ein ganz gewöhnlicher Kokser wäre. GEORG BÖNISCH

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