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HANDEL/ HIPPIE-ZUBEHÖR Lies mich, Baby

aus DER SPIEGEL 8/1968

Ein schwarzmähniger Nackter hockt mit gekrümmtem Rücken auf der Klo-Brille und findet -- vom Plakat herunter -- »Alles dufte, wa?«

Ein anderer Papiermann orakelt: »ich bin die Plunderwaren los und kenne die Klassiker gut genug, um ihnen aufs Haupt zu rotzen.«

Ein rundes serviettenähnliches Papier -- gedacht als Zier-Unterlage für Torten -- rät: »Wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen doch.«

Klo-Plakat, Provo-Philosophie und Torten-Zier sowie eine Menge mehr Pop und Popanz gehören zum Sortiment eines Ladengeschäftes mit Namen »Pudding-Explosion«, das die bärtigen Peter Roehr, 23, und Paul Maenz, 28, unlängst in der Frankfurter City neben einem Molkerei-Produkten-Händler eröffneten.

»Psychodelicatessen mit Hippie-Zubehör« umreißen die Jungunternehmer das Verkaufsprogramm des in Deutschland einzigartigen Etablissements -- eines kahlen 60-Quadratmeter-Raumes mit Zementfußboden, in dem der schwere Duft glimmender Indischer Räucherstäbe wabert.

Der gelernte Schriftsetzer und ehemalige Kunstschüler Maenz war für Werbe-Agenturen tätig, der Kunstmaler Roehr arbeitete halbtags in einer Feuerzeugfabrik und schnibbelte für eine Werbeagentur Zeitungsanzeigen aus, bevor beide -- so Maenz -- von »Kunst und Werbung die Schnauze voll« hatten und beschlossen, künftig »nur Sachen« zu verkaufen, »die wir selbst für richtig halten«. Für richtig hielten sie

> Papier-Servietten mit Aufdruck wie »Ehelich währt's am längsten« oder »Es muß nicht LSD sein, Bild tut's auch«;

> beschriftete Ansteckknöpfe ("Niemals wieder Sauerkraut«, »Wer stirbt, spart") und Bilder von Mao , Struwwelpeter und einer anonymen blonden Halbnackten, die den Betrachter in einer Sprechblase auffordert: »Lies mich, Baby«;

> Haschischpfeifen ohne Inhalt und sogenannte Psycho-Brillen, die vergrößern oder das Licht facettenartig brechen;

> Literatur -- so die »Peking-Rundschau«, hektographierte Aufzeichnungen von Mitgliedern der Berliner Kommune 1, SDS-Schriften, die Mao-Bibel, aber auch »Bücher mit nackten Männern drin« (Maenz). Letztere -- so Maenz -- »waren sofort vergriffen«. Aber auch mit dem übrigen Pop und Plunder scheinen Peter und Paul auf eine Marktlücke gestoßen zu sein: Ware im Gesamteinkaufswert von 5000 Mark, die für sechs Wochen hatte reichen sollen, ging in sechs Tagen an vorwiegend jugendliche Kundschaft weg.

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