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ITALIEN Light Italic

aus DER SPIEGEL 21/1978

Nach peinlichen Pannen bei der Jagd auf die Roten Brigaden und die Mörder Aldo Moros gelang der Polizei nun ein Fang.

A m 16. März gegen elf Uhr unterbrach der römische Drucker Enrico Triaca mal kurz seine Arbeit, um in der nächsten Bar seinen Espresso zu nehmen. Dort redeten die Gäste über eine vom Radio verbreitete Sensation: Der christdemokratische Parteipräsident Aldo Moro war von einem Kommando der Roten Brigaden entführt, seine Leibwache ermordet wordin.

Triaca schüttelte mißbilligend den Kopf: »Verrückte Sachen, man muß die Verbrecher endlich stoppen.« Die Empörung schien gut gespielt zu sein. Vergangene Woche nahm die Polizei Triaca, seine Frau Anna Maria und acht weitere Verdächtige fest, weil sie vermutlich mit den Terroristen unter einer Decke stecken.

In Triacas Offsetdruckerei in der Via Pio Foa Nummer 31 entdeckten Polizisten neben Pässen und Waffenscheinen die Matrizen zur Vervielfältigung einer Broschüre der »Brigate Rosse« (BR), ferner Kopien jener Botschaften, mit denen sich die BR zum Mord an dem Richter Riccardo Palma und dem Journalisten Carlo Casalegno sowie zur Entführung des Reeder-Millionärs Pietro Costa bekannt hatten.

Überdies vermuten die Fahnder, daß die BR auch ihre Kommuniqués über Moro, von der Entführung am 16. März bis zur Ermordung am 9. Mai, in der Via Foà tippten und kopierten. Denn in der Triaca-Werkstatt stand eine elektrische IBM-Schreibmaschine mit auswechselbarem Kugelkopf, in einem weiteren Versteck fand sich ein Kugelkopf für die Kursivschrift »Light Italic« -- und auf einer solchen Maschine mit Lettern dieses Typs hatten die BR ihre Botschaften geschrieben.

Unter den zehn Verhafteten der vergangenen Woche soll auch jene geheimnisvolle Blondine sein, die schon seit zwei Monaten durch Polizei- und Presseberichte geistert. Eine blonde Frau, heißt es, habe am 16. März bei der Entführung Aldo Moros mitgeschossen -- und eine große Blonde soll die Leiche des Ex-Premiers am 9. Mai in einem roten Renault an die Via Michelangelo Caetani chauffiert haben.

Auf die Reporterfrage: »Habt ihr die Blonde?« antwortete der römische Polizeipräsident Emanuele De Francesco vergangenen Donnerstag kühl: »Dazu gebe ich keine Auskunft.« Aber er deutete an, daß er jetzt »die personelle Zusammensetzung der römischen BR-Kolonne« genau kenne.

Den Fund in der Via Foà nannte De Francesco »hochinteressant«. Er sei aufschlußreicher als die Waffen und Papiere, die man -- durch reinen Zufall -- Mitte April in einem Brigadisten-Appartement in der Via Gradoli gefunden hatte. Damals war den Polizisten kein BR-Mitglied ins Netz gegangen, weil sie die betreffende Wohnung viel zu auffällig umstellt hatten. Diesmal waren die Fahnder geschickter.

Nach der Verhaftung von Drucker Triaca und Co. schrieb das Abendblatt »Paese Sera« optimistisch: »Vielleicht ist dies der entscheidende Schlag gegen die römische Abteilung der Roten Brigaden.« Und die Zeitung »Il Tempo« kommentierte, der Mythos der BR sei angeknackst, »der Mythos nämlich ihrer Unbesiegbarkeit, ihrer teutonischen Effizienz

Jedenfalls stärkte der Schlag gegen BR-Drucker Triaca und dessen Helfer das Selbstbewußtsein der italienischen Polizei, die wegen peinlicher Fahndungsfehler nach der Moro-Entführung harte Kritik hatte einstecken müssen. Innenminister Francesco Cossiga war einen Tag nach Moros Ermordung wegen des Mißerfolgs zurückgetreten.

Vergangene Woche, nach Triacas Verhaftung, breitete sich unter den Terroristen-Jägern bereits vorsichtiger Optimismus aus, zumal in einer weiteren konspirativen Wohnung in Rom unter anderem fünf Notizbücher mit Kontaktadressen beschlagnahmt werden konnten. Der Erfolg fällt um so mehr ins Gewicht, als die italienische Polizei derzeit kaum mehr Unterstützung durch den Geheimdienst erhält.

Die Ende 1977 beschlossene Reform der sogenannten Informations- und Sicherheitsdienste hat vorerst nämlich große Verwirrung gestiftet. Der militärische Nachrichtendienst, bisher auch für die Abwehr von Umstürzlern zuständig, schickt dieser Tage rund 300 Beamte und Agenten in den Ruhestand, der neugeschaffene zivile Staatsschutz Sisde andererseits verfügt noch nicht über genügend Experten.

Der Fall Moro, klagte unlängst KPI-Senator Ugo Pecchioli, habe gezeigt, »daß die Polizei ohne den Geheimdienst blind ist«. Ganz so blind ist sie offenbar doch nicht. Nach der Ermordung des Richters und Gefängnisbau-Experten Palma am 14. Februar war die Polizei einem Tip aus der Unterwelt nachgegangen: Die Spur führte in die Via Foà direkt zu Triacas Druckerei.

»Ein fleißiger Bursche, sehr höflich, aber etwas reserviert«, urteilten Geschäftsleute aus jener Straße jetzt über den rotbärtigen Mann.

Beim Verhör erklärte der Drucker angeblich: »Ich bin ein politischer Gefangener.« Mehr wollte er vorerst nicht sagen.

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