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Lincoln und Lenin auf einem Banner vereint

Im US-Fernsehen wird ein Alptraum der Ultrarechten wahr: Widerstandslos haben sich Amerikas Bürger dem sowjetischen Erzfeind ergeben. Die 14stündige TV-Serie »Amerika« ist eine Auftragsarbeit der rechten Wortführer, denen der Atomschinken »Der Tag danach« zu links und zu pazifistisch war. Kritiker beurteilen das »Amerika«-Horrorstück als »bösartigste Propaganda«. Die Sowjets wiederum erwägen, »Amerika« zu kaufen. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Zu Lande, zu Wasser und bis an die Grenzen des Alls hatten sich die Vereinigten Staaten schwer bewaffnet. Es war nicht von Nutzen.

Hoch über der nordamerikanischen Landmasse explodiert eine nukleare Megatonnenladung, deren »elektromagnetischer Puls« Sicherungen springen, Dioden schmelzen und Monitoren platzen läßt - die Supermacht ist stumm und taub, der Rest ein Spaziergang.

Ohne einen einzigen weiteren Schuß abzugeben, verleibt sich das »Reich des Bösen« das »gesalbte Land« ein, ganz so wie es dessen Präsident Ronald Reagan derzeit alptraumhaft befürchtet: Die Sowjets besetzen die USA. Deren Bürger haben nicht den Mumm, sich zu wehren. Zehn Jahre später ist aus »America, the Beautiful« ein häßliches »Amerika« geworden, geschrieben mit kyrillischem R und hartem K anstelle des C.

Dumpf und entbehrungsreich ist das Leben in diesem Amerika. Die Farmen, die einst die halbe Welt mit Nahrungsmitteln hätten versorgen können, liegen brach. Das Highway-Netz, das die Autonation funktionstüchtig erhalten hatte, verrottet. Vor einem Supermarkt stehen Bürger der ehemaligen Überflußgesellschaft Schlange - das Gerücht von einer Tomatenanlieferung hatte die Runde gemacht. Schwarzuniformierte Sturmtruppen, mit Stahlhelmen auf den Schädeln, walzen Flüchtlingslager nieder, massakrieren die Abgeordneten des Kongresses und sprengen das Capitol in die Luft.

Rote Banner wehen. Sie zeigen, Seit'' an Seit'', den US-Präsidenten und Sklavenbefreier Abraham Lincoln und den russischen Revolutionär Lenin.

Soweit ist es mit dem Supervolk im »Land der Freien und der Heimat der Tapferen« (US-Nationalhymne) gekommen - auf den Frequenzen der amerikanischen Fernsehgesellschaft ABC. Mitte Februar will der Sender an acht aufeinanderfolgenden Abenden seine vierzehneinhalb Stunden lange Horrorvision eines roten Amerika« ausstrahlen.

Die »längste und ehrgeizigste original amerikanische Mini-Serie der TV-Geschichte« (ABC-Verlautbarung) ist nach Ansicht von Donald Wrye, der das Werk _(Die Initialen UNSSU stehen für »United ) _(Nations Special Services Unit«, denen ) _(die Sowjets im TV-Film die militärische ) _(Macht übertragen haben. )

schrieb und produzierte, unpolitische »pure Unterhaltung«. Für ABC-Entertainment-Chef Brandon Stoddard ist »Amerika« weit mehr: »ein mächtiges Programm über Freiheit und staatsbürgerliche Verantwortung und über den amerikanischen Nationalcharakter«.

Schauspielerverbände, liberale Medienkritiker, Friedensfreunde und Vertreter der im Film gezeigten Besatzungsmacht teilen die Verharmlosung nicht. Sie sehen in dem TV-Opus »reinen McCarthyismus« und »unmißverständliche Darstellung ultrakonservativer Visionen« oder gar das »bösartigste Stück von kriegstreiberischer antisowjetischer und antifeministischer Propaganda, das je in Szene gesetzt« wurde.

Das »Amerika«-Konzept stammt von dem Journalisten Ben Stein, der den Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford als Redenschreiber zur Hand gegangen war, ehe er sich in der Tageszeitung »Los Angeles Herald Examiner« mit »fanatisch antikommunistischen« Kolumnen (so die New Yorker »Village Voice") zu Wort meldete.

»Wir wollen einen Film sehen, der ''Im roten Amerika'' heißt«, hatte Stein nach der ebenfalls von der ABC produzierten Atom-Seifenoper »Der Tag danach« gefordert. Stein und die Wortführer der Reagan-Rechten fanden die TV-Show über das Leben in der atomzerstörten Kleinstadt Lawrence (Kansas) zu pazifistisch und unamerikanisch.

Die rechten Kritiker verlangten öffentlich vom Sender eine Art filmische Gegendarstellung. Stein: »Die Medien-Leute schulden uns wahre Geschichten über die Welt, die uns droht« - wenn Amerika kapitulierte und den Sowjets die Weltherrschaft zufiele. ABC, rechteste der drei großen US-Fernsehanstalten, gab dem Druck nach, kaufte Stein die Idee eines »roten Amerika« ab und ließ recherchieren.

58 Bücher, 15 Magazinartikel, fünf Filme und die Meinung von 18 Beratern hat »Amerika«-Autor Wrye laut ABC bei der Abfassung des Drehbuchs berücksichtigt. Namentlich sind bislang weder Quellen noch Meinungsgeber (mehrheitlich aus der rechten Phalanx) bekannt, ebensowenig eine endgültige Fassung des 579 Seiten starken Manuskripts.

Verbreitet wurde nur Eigenlob: »Was gezeigt wird, ist nicht reine Spekulation und Phantasie, sondern basiert auf historischen Fakten«, behauptet Don Beck. Präsident der PR-Agentur April Films, die von ABC mit der Werbung für die »Amerika«-Serie beauftragt wurde.

So wird denn - im TV-Film - zehn Jahre nach der unblutigen Übernahme der Vereinigten Staaten durch den roten Erzfeind der US-Bürger Devin Milford aus einem »amerikanischen Gulag« entlassen.

Milford, ehemaliger Kongreßabgeordneter und Bewerber um die Präsidentschaft 1988, ist »umerzogen«, wird allerdings in seinem Heimatort unter Arrest gestellt. Auf Verlassen des Banngebiets steht die Todesstrafe.

Die militärische Gewalt haben die Sowjets der »United Nations Special Services Unit« (UNSSU) übertragen. Einer ihrer Kommandeure ist ein DDR-Militär namens Helmut, der wie alle anderen Besatzer Amerikanisch mit deutschem Akzent spricht und sich - den mittleren Initialen seiner Einheit entsprechend - SS-brutal auffuhrt: Er mordet, brandschatzt, vergewaltigt.

Milfords ehrgeizige Ex-Frau Marion, die im Prozeß gegen ihren geschiedenen Mann ausgesagt hatte, ist Richterin und auf dem Weg nach oben. Sie bringt es als Geliebte eines in Washington residierenden KGB-Generals, zur stellvertretenden Generalgouverneurin.

Für ihre berufliche Karriere geben sich die meisten Hauptdarstellerinnen in »Amerika« eilig den neuen russischen und ostdeutschen Herren hin. Auch ihre Kinder opfern sie dem Berufserfolg. Einer der Milford-Söhne wird auf Betreiben seiner Mutter erfolgreich gehirngewaschen. Als er seinen Vater erblickt, der seine Arrestauflagen nicht erfüllt hat, fordert der umerzogene Sohn sofortige Bestrafung: »Kill him! Kill him!« Das neue Bewußtsein in »Amerika« wird den Kindern schon in der Schule eingetrichtert. In Sozialkunde lernen sie: »Unsere Vorfahren liebten den Kampf. Sie töteten friedvolle Indianer, die hier seit Jahrtausenden lebten... Große Firmen bestimmten das Leben... Immigranten mußten die Eisenbahn bauen... Die Reichen lebten im Wohlstand... Die Alten lebten in Slums ... Das war der soziale Darwinismus. Heute leben wir im Zeitalter des sozialen Humanismus. »

In dieser Szene entlarvt sich die politische Botschaft der 35 Millionen Dollar teuren TV-Unternehmung wirklich;

denn es ist diese Art von Humanismus, vor dessen Entwicklung Amerikas strammste Rechten und religiöse Fundamentalisten seit Jahren warnen.

Für die Ultras vom Schlage des TV-Predigers Jerry Falwell oder des Senators Jesse Helms ist längst ausgemacht, daß die Stärke Amerikas in dem Maße schwindet, wie Frauen die Verwirklichung im Beruf dem heimischen Herd vorziehen, US-Teenager und Twens es erst allzu fröhlich miteinander treiben und dann abtreiben, statt gemeinsam zu beten und die Moralvorstellungen der Altvordern zu achten, die Amerika groß und stark gemacht haben.

Und wo das hinführen muß - Devin Milford spricht Helms & Co. aus dem Herzen: »Wir verloren den Glauben an die Demokratie. Schuld daran waren Minderheiten, Feministen, Abweichler, die nicht die Demokratie und die damit verbundenen Risiken wählten, sondern die bequeme Sicherheit der Sklaverei.«

Laut Milford ist an dem Verweichlichungsprozeß die Presse mitschuldig, weil sie »nicht offen war in ihren Reportagen. Wer die Medien kontrolliert, bestimmt das Schicksal von uns allen ... jetzt leitet die UdSSR die Medien durch die United Nations«.

Die so Verdächtigten reagierten gereizt. Das Moskauer Regierungsblatt »Iswestija« nannte »Amerika« eine »Superfälschung«. Der »Nowosti«-Korrespondent Nikolai Wischnewski verglich die Serie mit den »Werken, die Dr. Goebbels in Nazi-Deutschland erstellen ließ«.

Da Sowjetchef Gorbatschow jedoch frischen Wind für die Kultur zum Programm erhoben hat, erwägt Moskau jetzt sogar, das Filmwerk anzukaufen - wohl als Lehrstück kapitalistischer Entstellungspropaganda.

Die Uno wiederum, unter deren weißem Emblem auf blauem Flaggentuchgrund die UNSSU-Soldaten ihre blutige Herrschaft ausüben, erwägen rechtliche Schritte gegen die »Amerika«-Produzenten, weil im Film die »Uno mit diktatorischer Gewalt« gleichgesetzt und die »Erinnerung an die Soldaten, die im Dienst der wirklichen Uno-Friedenstruppen starben, diffamiert« würden.

Die internationalen Proteste veranlaßten ABC zu kleinen Korrekturen. Der Sowjetführer etwa heißt in der jetzigen Version nicht mehr Gropeitschow, und die Truppen, die des Helden Schwester vergewaltigen, kommen auch nicht mehr aus Vietnam und Angola.

Das Leitmotiv aber blieb erhalten. Wenn ab Mitte Februar an die 70 Millionen Amerikaner »Amerika« sehen, dürfte die Mehrheit von ihnen, befürchtet Stephen Cohen, Professor für sowjetische Politik und Geschichte an der Princeton University, »in der Ansicht bestärkt werden, daß die Sowjet-Union eine pathologisch expansive Macht ist mit einem Plan für die Übernahme der Welt einschließlich der USA«.

Die Initialen UNSSU stehen für »United Nations Special ServicesUnit«, denen die Sowjets im TV-Film die militärische Machtübertragen haben.

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