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CDU/CSU Linke Liste

CDU-Gewerkschafter stellten dem Kanzlerkandidaten der Union letzte Woche ihre Forderungen zu. Der Katalog reicht von paritätischer Mitbestimmung bis zu kürzerer Arbeitszeit.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Helmut Kohl, sonst darauf erpicht, sich gemeinsam mit einflußreichen Gewerkschaftern zu zeigen, legte diesmal Wert auf Diskretion, als er am Montagnachmittag vergangener Woche im ferienstillen Bonner Bundeshaus die Prominenz der christdemokratischen Arbeiterführer empfing.

Zurückhaltung schien Kohl geboten, weil ein delikates Thema anstand: die Kritik der Arbeitnehmervertreter am Kanzlerkandidaten der Union, Franz Josef Strauß.

Kohls Gäste -- darunter die stellvertretende DGB-Vorsitzende Maria Weber und ihr Vorstandskollege Martin Heiß, Ferdinand Koob vom Vorstand der IG Metall und Hermann Paschen aus der Führungsetage der IG Textil -- kamen gleich zur Sache. Im Namen des geschäftsführenden Ausschusses Christlich-Demokratischer DGB-Gewerkschafter, einer Gliederung der CDU-Sozialausschüsse, verwahrten sie sich gegen die Art, wie die bayrischen Christen mit dem linksorientierten CDU-Generalsekretär Heiner Geißler umspringen.

Sie legten Kohl eine Note vor, in der sie »versichern, daß ein Ausscheiden von Heiner Geißler für viele von uns ein eindeutiger Hinweis dafür wäre, daß die CDU als Volkspartei unter dem jetzigen Kanzlerkandidaten keine Chance mehr hätte«. Und weiter: »Wir stimmen Heiner Geißler zu, daß Franz Josef Strauß noch viel tun muß, um seine Skeptiker in der CDU zu überzeugen.«

Als die Gewerkschafter auch noch verlangten, Kohl möge »Herrn Strauß dies verdeutlichen«, wehrte der Fraktionschef ab. Er habe bereits dem Bayern klargemacht, daß »er ohne Geißler die Wahl nicht gewinnen kann«. Dann warf sich der Altkanzlerkandidat in die Brust: »Und er hat es verstanden.«

Einmal in Fahrt, geriet Kohl ins Schwärmen, nun seien andere Zeiten angebrochen. Endlich müsse sich Strauß um die CDU bemühen, wenn er sich der Gefolgschaft der liberalen und sozial engagierten Flügelmänner und ihrer Wähler versichern wolle. Ein Teilnehmer des Treffens: »Kohl genießt den Rollentausch.«

Kaum hatte der CDU-Führer seine Vorstellung über den angeblich gezähmten Bayern beendet, nahmen ihn die Gewerkschafter beim Wort. Sie drückten Kohl einen zweiseitigen detaillierten Forderungskatalog für den bevorstehenden Handel mit der CSU um das gemeinsame Wahlprogramm in die Hand. Tags darauf sandten die Gewerkschafter ihr Papier auch an den Kanzlerkandidaten nach München.

Die Forderungen der CDU-Linken sind allesamt Reizthemen für den Bayern. Die paritätische Mitbestimmung etwa müsse »durch die Politik der Unionsparteien« zustande kommen, ein Verbändegesetz, das vor allem die Gewerkschaften unter Staatskontrolle bringen würde, verhindert werden.

In ihrem Manifest verlangen die Gewerkschafter gleich mit doppelter Begründung eine kürzere Arbeitszeit: »Um unzumutbare Belastungen« am Arbeitsplatz abzubauen und um knappe Arbeit besser zu verteilen. Und schließlich fordern sie ein klares Bekenntnis der Union zum System der bruttolohnbezogenen Rente, die seit einigen Jahren immer wieder in Frage gestellt wird.

Schlußsatz: »Wer Wahlen gewinnen will, muß diese Positionen übernehmen.«

Kohl warnte zwar davor, allzu rigoros aufzutreten, denn in München sei bereits vorsorglich ein »Hauptbuch« eröffnet worden -- eine Liste von CDU-Politikern, denen bei einer Wahlniederlage des Bayern wegen mangelnden Gehorsams die Schuld zugeschoben werden könne. Doch dann versprach der Oppositionsführer, die Forderungen zur Grundlage seines Verhandlungskonzepts für die nächste Sitzung der gemeinsamen Strategie-Kommission von CDU und CSU zu machen.

Nur auf diese Weise, so die einhellige Meinung der Runde, könne es gelingen, wenn schon nicht das Wohlwollen der traditionell SPD-orientierten Gewerkschaften, so doch wenigstens deren Mäßigung gegenüber der Union zu erreichen.

Franz Josef Strauß aber, der das Manifest einstweilen kommentarlos zu den Akten nahm, glaubt nicht daran, daß er mit sozialen Lockangeboten die Gewerkschaftsführer für die Union ködern kann. Er fühlte sich in seiner Skepsis bestätigt, als vergangene Woche die Mitgliederzeitung der IG Metall (Auflage 2,6 Millionen) ihn frontal anging. Unter der Überschrift »Der Kandidat des großen Geldes« wurde Strauß als Spalter der Einheitsgewerkschaft angeklagt.

Im internen Gespräch mit seinen Beratern machte der Kanzlerkandidat denn auch klar, daß er nicht bereit ist, aus Rücksicht auf die Gewerkschaftsführer seine Handschrift zu ändern. Er vertraut allein auf seine Anziehungskraft, auch bei den Arbeitnehmern.

Originalton Strauß: »Ich bin überzeugt, daß ich -- gerade weil ich aus einfachen Verhältnissen komme, weil ich mich nie vom Mann von der Straße gelöst habe, gleichgültig was mein Einkommen war -- den Wünschen, Sorgen, Nöten, Beschwerden, Denk- und Verhaltensweisen des Mannes auf der Straße, des vielgerühmten kleinen Bürgers, sehr nahe stehe, viel näher als Helmut Schmidt in seiner Überheblichkeit, viel näher als mancher in den eigenen Reihen, der glaubt, er habe das Patentrezept für die Gewinnung der Arbeitnehmer.«

Den Beweis für seine starken Worte will der CSU-Vorsitzende schon bald antreten. Bereits bei den nordrheinwestfälischen Kommunalwahlen im Herbst dieses Jahres möchte er den Christdemokraten vorführen, wie er an Rhein und Ruhr die Arbeiter begeistern kann.

Und gleichzeitig wird er sich auch seinen Widersachern vom Arbeitnehmerflügel stellen: Während er sich bei den letzten Parteitagen der großen Schwesterpartei CDU stets vertreten ließ, hat sich Strauß nun erstmals zur Krefelder Bundestagung der CDU-Sozialausschüsse im Frühherbst angemeldet.

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