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KUNGELRUNDEN Linke Tür, rechte Tür

Nach dem Vorbild der Bonner schwarz-grünen »Pizza-Connection« wollen nun junge Rot-Grüne gemeinsam schlemmen - mit mehr politischem Ernst.
aus DER SPIEGEL 51/1998

Zu den liebsten Abendterminen des grünen Abgeordneten Matthias Berninger, 27, gehörten die konspirativen Treffen am Karthäuserplatz 21 in Bonn. Durch die Haustür herein, dann die erste Tür rechts, dann durch die Küche ins Untergeschoß.

Vier Jahre lang tagte hier, im Keller des feinen Bonner Restaurants »Sassella«, die berühmt-berüchtigte »Pizza-Connection«, junge Abgeordnete von CDU und Grünen wie Norbert Röttgen, Andreas Krautscheid, Armin Laschet, Cem Özdemir, Andrea Fischer und Simone Probst - immer skeptisch beäugt von den Promis ihrer Parteien, die bei den Jungen die »Alten Säcke« hießen.

Nun kann Berninger bald auch durch die linke Tür des Wirtshauses am Karthäuserplatz zu einem halbkonspirativen Treffen gelangen: Die Pizza-Connection bekommt Konkurrenz. Auch junge Abgeordnete von SPD und Grünen wollen sich künftig in informeller Runde treffen. Beim Spanier »Rincón de España«, der wie das Sassella den Brüdern Tartero gehört und sich im selben Haus befindet, beschnupperten sich die ersten Unterhändler.

Die letzte Tafelrunde der Pizza-Connection hatte mit heiligen Schwüren geendet: »Egal, wer am 27. September was wird, wir bleiben zusammen.« Drei blieben bei der Wahl auf der Strecke: Andreas Krautscheid und Armin Laschet von der CDU und der Grüne Wolfgang Schmitt. Damit sie auch ohne Bundestagsmandat weiterhin dabeisein können, wurden sie förmlich zu Ehrengästen befördert. Schließlich hatte Schmitt als Weinexperte eine Schlüsselrolle in der Pizza-Connection. Die soll er auch behalten.

Doch der Mann, der ihm den Listenplatz und damit das Mandat abnahm, bleibt Schmitt auch in der Bonner Abendgesellschaft auf den Fersen - Christian Simmert, mit 26 Jahren jüngster Grüner im Bundestag, ist einer der Rädelsführer der rot-grünen Paella-Pioniere.

Die Rivalen sind so verschieden wie das noble Sassella und das rustikale Rincón. Galt Schmitt als lebenslustiger Hardcore-Realo, so ist der politisch korrekte Simmert einer der wenigen Fundis unter 50 Jahren. Einen Namen machte sich der Werbeassistent als hartnäckiger Kämpfer gegen den Braunkohletagebau Garzweiler II.

Entsprechend unterschiedlich werden wohl die abendlichen Versammlungen ausfallen. Die Pizza-Connection hatte den Sex-Appeal der »verbotenen Liebe«, wie Schmitt schwärmt. Das neue Bündnis verheißt dagegen den kargen Charme einer Vernunftheirat mit Gütertrennung.

Erst das Vergnügen und dann der Nachtisch, lautet die Devise der Pizza-Connection. Wenn zwischendurch auch über Politik geredet wird, um so besser. Die rot-grünen Zweckesser haben ehrgeizigere Ziele. Man wolle das politische Gewicht der jungen Abgeordneten in die Waagschale werfen, kündigt Michael Roth (SPD) an. Eigene Konzepte für Rente, Ausbildung und Bündnis für Arbeit will der rot-grüne Nachwuchs beim Rioja erarbeiten und im Plenum durchkämpfen. Roth keck: »Wenn wir nicht mitmachen, gibt's keine Kanzlermehrheit.«

Die schwarz-grüne Verbindung nimmt alles leichter. Selbst die Altersgrenze ist flexibel. Wer genießen und feiern kann, wie Rezzo Schlauch, ist im Pizza-Keller gern gesehen - auch wenn er schon über 40 ist. In der linken Hälfte des Wirtshauses haben Kandidaten jenseits der »Bioklippe« von 35 keinen Zutritt.

Mit der genußsüchtigen Pizza-Connection - bei der es noch nie Pizza zu essen gab - will die rot-grüne Pioniertruppe »explizit nichts zu tun« haben, stellt die Juso-Bundesvorsitzende Andrea Nahles klar, die seit dem 27. September auch im Bundestag ist. »Wir machen eine eigene Gruppe. Keinen Laberverein«, so Nahles, »wir wollen ein paar politische Dinge anpacken.«

Kernig, unfroh, militant. Wie Nina Hauer, 30, neugewählte Sprecherin der jungen SPD-Gruppe, die vor vier Jahren als südhessische Juso-Vorsitzende die Genossen mit einer schrillen Aktion erschreckte. Sie drohte, einen Hund zu vergiften, wenn weiter Kurden abgeschoben würden. Nur knapp entging Hauer anschließend einem Parteiausschlußverfahren.

Auch Simmert will »keine Kopie der Pizza-Connection«. Gefragt sei vielmehr ein »arbeitsfähiges Gremium«, locker natürlich, aber eben auf die gute sozialistische Art. Es geht, wie Simmert erläutert, um das »Kultivieren von angenehmen Arbeitszusammenhängen«.

Zu Berninger, der vor ihm vier Jahre lang jüngster Grüner im Bundestag war, hält Simmert höfliche Distanz. Vor einem Jahr gerieten beide heftig aneinander.

Berninger hatte zusammen mit anderen jungen Realos ein Strategiepapier unter dem Titel »Start in den Staat des 21. Jahrhunderts« geschrieben und war dann auf eine erbitterte Gegenfront um Simmert gestoßen, der das »zu neoliberal« war.

Inzwischen, beteuert Berninger, habe er ein »wirklich gutes Verhältnis« zu dem Jüngeren. Er will sich auch mit der neuen Truppe zusammensetzen. Warum nicht - »schließlich koalieren wir mit denen«.

MARTINA HILDEBRANDT

Martina Hildebrandt
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