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Hochschulen »Links ist mir ein liebes Wort«

aus DER SPIEGEL 47/1971

SPIEGEL: Herr Professor Nipperdey, Sie verlassen die FU Berlin. In einem Abschiedsbrief an den Wissenschaftssenator beklagen Sie, daß sich der Zustand der Hochschule durch linksextreme Indoktrinierung »beständig verschlimmert« habe und daß »die wissenschaftlichen Leistungen der Universität verfallen«.

NIPPERDEY: Ich befürchte in der Tat, daß das Leistungsniveau der Studenten wie der Forschenden sinkt.

SPIEGEL: Welche Anhaltspunkte haben Sie für diese Befürchtung?

NIPPERDEY: Nehmen wir zunächst einmal das Prüfungswesen. Zwei meiner Kollegen und Genossen innerhalb der SPD -- Herr Winkler und Herr Schwan vom Otto-Suhr-Institut -- haben schon mehrfach und mit vielen Einzelheiten festgestellt, daß die Vordiplomprüfungen am Otto-Suhr-Institut katastrophal sind.

SPIEGEL: Inwiefern?

NIPPERDEY: Indem die Prüflinge sich die Prüfungskommission weitgehend selber wählen können. In vielen Fällen wird marxistische Rechtgläubigkeit geprüft.

SPIEGEL: Gesinnung statt Leistung, wollen Sie das damit sagen?

NIPPERDEY: Ja. In einer Prüfung. in der es um die Gewerkschaft in der DDR ging, stellte einer der Prüfer an den Kandidaten die Frage, was er denn vom Streikverbot in der DDR halte; daraufhin intervenierten die anderen beiden Prüfer: Diese Frage sei wohl zu schwer -- also wurde nicht gefragt. SPIEGEL: Läßt sich das belegen«?

NIPPERDEY: Gewiß, der Prüfer hat es mir selber gesagt. In anderen Fällen gibt es nicht so eindeutige Beweise. Immerhin, an einem der psychologischen Institute wird die Prüfungsordnung sozusagen umgangen. Die schriftlichen Arbeiten können nach der mündlichen Prüfung eingereicht werden -- das Gegenteil ist Vorschrift.

SPIEGEL: Reicht das hin, von einer Manipulation der Prüfungen zu sprechen, wie Sie es in Ihrem Abschiedsbrief an den West-Berliner Wissenschaftssenator tun?

NIPPERDEY: Tatsache ist, daß die Prüfungsergebnisse an der FU zum Beispiel im Fach Wirtschaftswissenschaften sich während der letzten beiden Jahre, sowohl bei den Diplomprüfungen als auch bei den Doktorprüfungen, ganz ungemein verbessert haben. Umgekehrt sind die Durchfallquoten enorm zurückgegangen -- ich glaube, bei den Diplomprüfungen von etwa 25 Prozent auf acht oder zehn Prozent.

SPIEGEL: Inwiefern belegt das denn Ihre These vom Leistungsabfall?

NIPPERDEY: Das ist es ja. Man könnte sagen, das ist sehr schön: Die Leistungen der Studenten oder die Ausbildung selber könnten besser geworden sein. Davon kann aber nicht die Rede sein. Eine so starke Veränderung scheint mir darauf hin zu deuten, daß hier nicht mehr alles in Ordnung ist.

SPIEGEL: In Ihrer Abschiedspost formulierten Sie: »Das Bündnis der Radikalen mit den Faulen und weniger Begabten trägt seine Früchte.« Beziehen Sie das in erster Linie auf die Studenten, oder soll das für die FU überhaupt gelten?

NIPPERDEY: Ich würde das doch wesentlich auf die Studenten beziehen -- und das ist anders als in Frankreich, wo ja schon seit langem Marxisten an den Schulen arbeiten und das Leistungsniveau keineswegs gesunken ist. Die Opposition gegen Leistung und Prüfungen verschafft den Radikalen Resonanz, daher auch ihre Bemühungen um neue, in ihrem Sinne aufgeweichte Prüfungsordnungen. Im übrigen gibt es da Unterschiede: Stalinistische Studenten sind beispielsweise etwas leistungsorientierter als maoistische.

SPIEGEL: Haben Sie das auch in Ihren eigenen Übungen und Seminaren festgestellt?

NIPPERDEY: Nein, das kann ich eigentlich noch nicht sagen.

SPIEGEL: Von wem wissen Sie das dann, bitte?

NIPPERDEY: Na ja, das weiß ich aus Versammlungen, Flugblättern und Erzählungen. Man kann sagen: Vor zwei Jahren, als im wesentlichen noch die Anarchisten, Maoisten, Trotzkisten, wie immer man sie nennen will, herrschten, wurde fast überhaupt nichts getan. Jetzt wird zwar wieder »gelernt«, aber von diesen Studenten eben fast nur Marxismus.

SPIEGEL: Wie ist es denn um die Prüfungsleistungen in Ihrem Fach bestellt, bei den Historikern?

NIPPERDEY: In meinem Fach kann ich von einem Leistungsabfall nicht sprechen. Ich muß überhaupt sagen, daß meine Kritik an dem gegenwärtigen Zustand der Freien Universität sich nicht speziell auf mein Fach bezieht. SPIEGEL: Warum nicht?

NIPPERDEY: Mein Fachbereich ist noch weitgehend in Ordnung. SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

NIPPERDEY: Ich meine das hochschulpolitisch. In unserem Fachbereichsrat herrschen andere Mehrheitsverhältnisse als in zahlreichen anderen Universitätsbereichen. Bei uns haben die sogenannten Linken nicht die Mehrheit -- wobei ich eine gewisse Aversion habe, dies zu sagen. Denn »links« ist mir eigentlich ein liebes Wort.

SPIEGEL: Sie haben nicht nur den Abfall studentischer Leistungen beklagt, sondern auch vom Verfall der wissenschaftlichen Leistungen gesprochen -- damit meinen Sie Forschung und Lehre?

NIPPERDEY: Ja.

SPIEGEL: Gibt es zuverlässige Leistungsvergleiche zwischen der FU Berlin und anderen in- und ausländischen Universitäten?

NIPPERDEY: Einen wirklich hieb- und stichfesten, statistisch belegten Vergleich gibt es nicht.

SPIEGEL: Worauf stützt sich dann Ihr Urteil?

NIPPERDEY: Ich kann ein paar Beispiele, Beobachtungen, Zeugnisse anführen. So sind etwa zu Beginn dieses Jahres Berliner Wissenschafts-Verleger beim Regierenden Bürgermeister Schütz gewesen und haben ihn darauf hingewiesen, hier in Berlin gäbe es praktisch für sie nur noch wenig zu tun: Von der Universität kämen kaum wissenschaftliche Arbeiten zum Druck.

SPIEGEL: Dissertationen oder Forschungsarbeiten allgemein?

NIPPERDEY: Ich würde meinen, daß das vor allem für Forschungsarbeiten gilt. Mein Kollege und SPD-Genosse, der Neuropharmakologe Goper, sagt, daß auf seinem Gebiet und in anderen Bereichen der Medizin, die er übersieht, die wissenschaftlichen Leistungen und die Geltung der FU wesentlich zurückgegangen seien.

SPIEGEL: Gibt es andere Anzeichen für Ihre These, daß die FU an wissenschaftlicher Reputation verliert?

NIPPERDEY: Es gibt diese Anzeichen insofern, als eben andere Institutionen in Westdeutschland und vor allem im Ausland skeptisch gegenüber den hiesigen Verhältnissen sind und es schwieriger geworden ist, einen hervorragenden Mann hierher zu holen.

SPIEGEL: Weil die Berufung nicht durchzusetzen ist oder weil der Berufene nicht kommt?

NIPPERDEY: Weil der Berufene nicht kommt.

SPIEGEL: Können Sie uns ein Beispiel nennen?

NIPPERDEY: Zum Beispiel ist nicht gekommen der Neurochirurg Yasargel, ein in der Schweiz lebender Türke, der als internationale Kapazität auf diesem Gebiet gilt. Er ist keineswegs ein alter Konservativer, er möchte lediglich bestimmte Befugnisse in der Leitung einer Abteilung garantiert sehen.

SPIEGEL: Hätte so etwas an einer Ordinarien-Universität alten Stils nicht auch geschehen können? Mauschelei in Personalsachen war nicht eben eine Rarität.

NIPPERDEY: Ich würde sagen, daß die sogenannte Mauschelei der alten Ordinarien-Universität heute ersetzt wird durch die viel schlimmere Mauschelei der politisch herrschenden Kräfte. Das Problem ist, wie man sich vor den Feinden des Pluralismus in der Wissenschaft schützt, die eben diesen Pluralismus, so sie die Macht haben, abschaffen wollen.

SPIEGEL: Ist diese Entwicklung für Sie an der Freien Universität erkennbar?

NIPPERDEY: Nehmen wir das Otto-Suhr-Institut. Dort sind mehr als 50 Prozent der in den letzten zwei oder drei Jahren eingestellten Assistenten entschiedene Marxisten oder Radikale, oder nehmen wir am Philosophischen Seminar beispielsweise Herrn Lefèvre.

SPIEGEL: Sie meinen den ehemaligen SDS-Führer Lefèvre ...

NIPPERDEY: ... ja, dessen Dissertation sehr umstritten war, der aber jetzt wieder an erster Stelle für einen Assistentenposten vorgeschlagen wurde, obwohl andere sehr qualifizierte Bewerber da sind. Und in anderen Fächern gibt es ähnliche Fälle.

SPIEGEL: Sie wollen damit sagen, die Politisierung der Stellenbesetzung habe dazu geführt, daß unqualifizierte Wissenschaftler dozieren?

NIPPERDEY: Es gibt Fälle, da besser qualifizierte Leute nicht genommen worden sind. Ganz allgemein kann man sagen: Wenn zwei gleichwertig qualifizierte Leute da sind, wird auf jeden Fall der Linke eingestellt.

SPIEGEL: Noch ein Beispiel?

NIPPERDEY: Am Kennedy-Institut ist eine Professur für amerikanische Geschichte frei. Zur Vertretung war Herr Winkler vom Otto-Suhr-Institut vorgeschlagen worden, ein linker SPD-Mann. Doch die Assistenten hielten ihn für hochschulpolitisch nicht tragbar. Sie dachten eher an Herrn Krippendorff, der ganz auf der Linie der Radikalen liegt.

SPIEGEL: Fast alle Hinweise, alle Beispiele, die Sie geben, beziehen sich auf geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer.

NIPPERDEY: Ich behaupte nicht, daß die ganze Universität den Bach hinuntergegangen ist. Aber ich behaupte, daß das für drei bis vier große Fachbereiche schon gilt und daß weitere gefährdet sind.

SPIEGEL: Herr Nipperdey, Sie gehen jetzt nach München. Wann, glauben Sie, werden die Berliner Verhältnisse Sie dort eingeholt haben?

NIPPERDEY: Ich hoffe niemals.

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