Zur Ausgabe
Artikel 54 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Links, rechts, auf den Mund

Die Bruderküsse der Genossen im sozialistischen Lager
aus DER SPIEGEL 18/1986

Wo sich Eskimos die Nasen reiben, Deutsche die Hände schütteln, Österreicher ihren Damen die Hand küssen, bei Willkomm und Abschied also, da geben sich Russen, die sich mögen, dreimal einen Kuß: auf die linke Wange, auf die rechte Wange, dann - ob Mann, ob Frau - mitten auf den Mund.

Der Volksbrauch stammt aus kirchlichem Ritual und soll Vereinigung und Aussöhnung symbolisieren. Weil sich zum Fest der Auferstehung Christi derart auch Herr und Knecht annähern, durfte etwa Fürst Nechljudow in Tolstois »Auferstehung« am Osterfest der schönen Magd mitten im Gottesdienst die Unschuld ihrer himbeerfarbenen Lippen rauben.

Was der Slawe liebt, berührt er gerne mit dem Mund: die Ikone, die Hand des Priesters oder den Leichnam im offenen Sarg - kaum je freilich, wenigstens in aller Öffentlichkeit, die eigene Frau.

Die gottlosen Kommunisten haben den frommen Brauch übernommen und in ihrem Teil der Welt modisch gemacht: Des zum Dienstkuß verkommenen Bruderkusses werden auch Chinesen, Araber und Deutsche (mit dem richtigen Parteibuch) teilhaftig, bei denen es sonst unüblich ist, politische Interessen durch intimen Männerkontakt zu bekunden.

Spitzenfunktionäre von der Elbe bis zum Jangtsekiang küssen sich, und besonders innig wird es, wenn der Generalsekretär der KPdSU die Lippen spitzt. Auch der moderne Michail Gorbatschow liebt die alte Sitte von Herzen.

Polens General Jaruzelski verweigerte im März auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo den Kuß. DDR-Chef Erich Honecker hingegen tat sich vorletzten Mittwoch in Berlin-Schönefeld beim Fraternisieren mit dem jungen Schutzherrn aus Moskau auffällig hervor: Er bekam und gab drei Küsse, die übers rein Dienstliche deutlich hinausgingen, per Mikrophon hörbar von Hamburg bis Wladiwostok.

Gegenüber Raissa, der attraktiven Ehefrau des Gastes, wagte er solchen Kontakt nicht, sondern bot ihr nur einen deutschen Bückling - ohne den Handkuß, den von allen Ostblock-Führern nur Kollege Jaruzelski beherrscht.

Weit mehr als einen Routine-Schmatzer bekam der Kremlherr auch nach seiner Parteitagsrede: Während 3800 Bewunderer den Gast stehend mit rhythmischem Hurra feierten, trat Genosse Honecker auf ihn zu, zog ihn an sich heran und öffnete deutlich sichtbar die Lippen.

Gorbatschow legte seinen Arm um den Werber, öffnete gleichfalls seinen Mund und drückte ihn auf den dargebotenen: So schön wie heut', so müßt' es bleiben.

Zur Ausgabe
Artikel 54 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.