Zur Ausgabe
Artikel 43 / 79

CHINA-GRENZE Listiger als Hitler

An der sowjetisch-chinesischen Grenze wird wieder geschossen. Beide Seiten beschuldigen einander, einen Weltkrieg zu provozieren.
aus DER SPIEGEL 13/1976

Die Stimmung an dem Grenzposten war ziemlich unruhig und nervös«, berichtete von der sowjetischen Seite der ungarische Fernsehkorrespondent Pál Bokor nach einem Hubschrauber-Ausflug am Kontrollpunkt Schirokaja.

Die Grenze zwischen Rußland und China kreuzt dort einen Berggipfel. Wirft man seinen Zigarettenstummel nach rechts, fällt er auf sowjetisches Staatsgebiet, nach links verletzt er das Territorium der Volksrepublik China. Die (China-) Volksarmisten beschwerten sich, als ein junger (UdSSR-)Rotarmist seine Papirossa nach links geworfen hatte. Die Sowjet-Grenztruppen erhielten strengen Befehl, Kippen künftig nur ins eigene Land zu werten.

»Entlang der Grenzverteidigungslinie ist ein gigantisches Volkskriegsnetz aufgebaut«, berichtete von der anderen Seite die Pekinger Agentur »Hsinhua«. In der chinesischen Provinz Sinkiang sind die Mitglieder der Volksmiliz meist nicht Chinesen, sondern Kasachen und Kirgisen wie ihre Stammesbrüder in den Sowjet-Republiken Kasachstan und Kirgisien gegenüber. Zu Pferde treiben sie »mit geschulterten Gewehren und Schafpeitschen in den Händen Landwirtschaft auf den Weidegründen, züchten tagsüber Tiere und gehen auf Patrouille, bewachen nachts das Vieh und stehen Posten«.

Dort, im Kreis Anotschi am Wutsung-Tuschih-Fluß, haben sie laut Hsinhua »häufig Mann-gegen-Mann-Kämpfe mit bewaffneten sowjet-revisionistischen Soldaten ausgefochten, welche die Grenze zu unserem Gebiet überqueren, um grundlos Provokationen zu veranstalten und unsere Hirten an ihrer normalen Weidearbeit zu hindern«.

Mann gegen Mann kämpfte am besten eine Frau, die Kasachin Pihaj. Sie erhielt den Grad eines »Vorbilds« im antirevisionistischen Grenzschutz.

Vier Tage nach der Hsinhua-Meldung vom Februar über die Grenzscharmützel dementierte die Moskauer Agentur »Tass": »Die Gerüchte über bewaffnete Zusammenstöße an der sowjetisch-chinesischen Grenze im Raum Sinkiang ... sind von Anfang bis Ende erlogen. Diese Peking-Ente stinkt.«

Am Amur und am Ussuri jedoch, wo sich Russen und Chinesen vor genau sieben Jahren schwere Gefechte geliefert hatten, konnten ernste bewaffnete Zwischenfälle in den letzten Monaten von der amerikanischen Luftüberwachung eindeutig beobachtet werden. Das meldet das US-Magazin »Time«; die Konflikte würden jedoch wegen der internen Pekinger Machtkämpfe verschwiegen: Die Chinesen fürchteten wegen ihrer inneren Schwäche eine Eskalation, die Sowjets setzten auf bessere Beziehungen zu den Gewinnern der Wirren in Peking.

Dort sind Wandzeitungen aufgetaucht, die dem Ersten Vizepremier Teng vorwerfen, er habe den Weg für eine Versöhnung mit dem Kreml ebnen wollen. Und der Staatssicherheitsminister Hua Kuo-feng, derzeit amtierender Premier, war Ende Dezember unmittelbar zuständig für die Freilassung der sowjetischen Hubschrauber-Crew, die vor zwei Jahren an der Sinkiang-Grenze gefangen worden war.

Diese Signale (wie auch die Einladung des amerikanischen Ex-Präsidenten Nixon) waren freilich eher in Richtung Amerika gezielt, das der Entspannung mit Moskau gegenüber einem Arrangement mit China derzeit den Vorzug gibt. Vor sieben Jahren noch, so wurde kürzlich in Washington bekannt, hatte die US-Regierung Recherchen ihres Geheimdienstes dazu verwandt, Moskau vor einer geplanten Luftlandeoperation mit 100 000 Soldaten gegen Chinas Atomanlagen zu warnen.

Den Blitzkrieg dementierte jetzt der Sowjet-Sender »Frieden und Fortschritt": »Wenn die UdSSR einen solchen Plan gehabt hätte, dann würde sie auf keinen Fall gewartet haben, bis in China eine Atombombe bereitstand.«

Die Chinesen rechnen denn auch eher mit einer anderen Art der Aggression. Moskau versucht seit Jahren, so behauptet das Pekinger Parteiorgan »Volkszeitung«, »Spione nach Sinkiang zu senden, dort eine Handvoll Verräter zu Kaufen, offen zur Rebellion aufzuhetzen, bewaffnete Attacken und militärische Provokationen durchzuführen und jegliche Übeltat zu begehen«.

Um der Bevölkerung ziemlich mächtige Verbündete zu zeigen, wurde Ende vorigen Jahres Bonns Kanzler Schmidt in Sinkiangs Hauptstadt Urumtschi vorgeführt, durften Anfang dieses Jahres Bonner Oppositions-Abgeordnete sowie Pensionär Nixon riesige unterirdische Bereitstellungsräume und Panzertunnel inspizieren.

Pekings Antisowjet-Propaganda nennt »die Breschnew-Clique noch listiger und unverschämter als Hitler«. Und: Rußlands Übergang »in die Reihen des Weltimperialismus muß eines Tages zum Weltkrieg führen«.

Breschnew hatte auf dem Moskauer Parteitag ähnliches erklärt: »Eine große Gefahr für alle friedliebenden Völker sind die fieberhaften Versuche Pekings, einen Weltkrieg zu provozieren und sich selbst daran die Hände zu wärmen.« Zugleich lockte er: »Falls man in China ... den feindseligen Kurs gegenüber den sozialistischen Ländern aufgibt und den Weg der Zusammenarbeit einschlägt, so wird das auf unserer Seite den entsprechenden Widerhall finden.« Zur Zeit ist Moskaus Verhältnis zu China allerdings »viel schlechter als zum Beispiel zum kapitalistischen Japan«, äußerte ein sowjetisches ZK-Mitglied gegenüber dem Ungarn Bokor. In einem Rundschreiben unterrichtete das sowjetische ZK seine Bruderparteien, es gäbe keinen Grund zu der Hoffnung, mit dem Tod von Mao und Tschou En-lai könne sich Pekings Politik gegenüber der UdSSR ändern; man müsse mit einer langen Lebensdauer des »maoistischen sozialchauvinistischen Regimes in China« rechnen. Die chinesische Frage sei ein Problem der internationalen Sicherheit, »eine Frage von Krieg und Frieden«.

Der Befehlshaber des Wehrbezirks Mittelasien, Armeegeneral Ljaschtschenko -- ein alter Kriegskamerad Breschnews -, nannte denn auch auf dem kirgisischen Parteitag die Maoisten den »Feind Nr. 1« und pries die eigenen militärischen Vorkehrungen: An der Grenze zu China stünde die Elite des sowjetischen Offizierskorps. In sowjetischen Spielfilmen beklagen bereits Witwen ihre in der Gegenwart, an einer nicht genannten Front, gefallenen Männer. Mao wird mit Hitler gleichgesetzt. Ein Fernsehfilm »Hinter der Mauer der Angst« zeigte Aussagen ("Sie nehmen uns die letzte Schale Reis") von China-Flüchtlingen in Hongkong und chinesische Agenten beim Einschleichen nach Kasachstan.

Erster Sieg Moskaus: Ein Kompaniechef beging Fahnenflucht. Laut einem internen Partei-Rundbrief in Kanton kam ein »polnischer Lakai« Moskaus während der Kantoner Messe mit dem Volksmiliz-Führer Lo Tschien-hua in Kontakt und versprach ihm politisches Asyl im Sowjetreich. Lo, seit 20 Jahren Mitglied der KP Chinas und Korea-Veteran, fuhr am 1. November mit 24 Mann unter Waffen zum Grenzposten Schumtschun, dem Übergang nach Hongkong, und täuschte eine »militärische Übung« vor.

Die Viertelhunderschaft Deserteure mit Maschinenpistolen und Karabinern wurde abgefangen. »Dies war«, so der Brief aus Kanton, »kein Einzelfall.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 43 / 79
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren
Mehrfachnutzung erkannt
Bitte beachten Sie: Die zeitgleiche Nutzung von SPIEGEL+-Inhalten ist auf ein Gerät beschränkt. Wir behalten uns vor, die Mehrfachnutzung zukünftig technisch zu unterbinden.
Sie möchten SPIEGEL+ auf mehreren Geräten zeitgleich nutzen? Zu unseren Angeboten