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ro-ro-ro Literarische Lebensrente

aus DER SPIEGEL 35/1951

Der Druck des zweimillionsten ro-ro-ro-Taschenbuches gab im Druckhaus Chr. Jessen Sohn im schleswig-holsteinischen Städtchen Leck Anlaß zu einer Fête. Begleitet von Sohn H. M. Ledig, Tochter Elisabeth und Prokurist Karl Hans Hintermeir kam Rotations-Rowohlt selbst aus Hamburg herüber, um mit gerührtem Augenzwinkern, innerlich aber unbändig vaterstolz, den Rekord-Jubiläumsband, »Der Traum Philipps II.« von Edgar Maass, in Empfang zu nehmen.

Mit Rechenschieber, Papier und Bleistift hatten Rowohlt und Hintermeir schon vorher die Erfolgstatistik des ersten ro-ro-ro-Jahres aufgemacht. Vom 17. Juni 50 bis zum 17. Juni 51 wurden von 32 verschiedenen Taschenbuch-Romanen 1,5 Millionen Exemplare umgesetzt. »Rechnet man ein Jahr mit 300 Arbeitstagen zu je acht Geschäftsstunden, dann ergibt sich: Alle fünf Sekunden wurde in Deutschland und der Welt ein ro-ro-ro-Taschenbuch gekauft!« verkündet Rowohlt triumphierend den Werbe-Slogan für die kommende Saison.

Auf das »und der Welt« legt er dabei besonderen Wert. Denn ro-ro-ro's werden neuerdings auch in Südamerika, Süd- und Ostafrika, Holland, Oesterreich, Schweden, der Schweiz und sogar in Frankreich vorrätig gehalten und verkauft.

Mittlerweile ist die Reihe bei 36 Titeln und annähernd zwei Millionen angelangt. Jeden Band statteten Karl Gröning jr. und Gisela Pferdmenges mit dem reißerischplakativen Umschlag aus, der ahnungslosen Lesern die Befangenheit vor literarischem Niveau nehmen soll (s. SPIEGEL Nr. 24/50). Nur Nr. 36 gibt sich ausnahmsweise seriös: Winston S. Churchills »Weltabenteuer im Dienst«.

Daß der Ladenpreis im April von 1,50 D-Mark auf 1,80 DM erhöht wurde, tat dem reißenden Umsatz keinen Abbruch. Spitzenreiter sind Falladas »Kleiner Mann - was nun?«, Kiplings »Dschungelbuch« und Graham Greenes »Am Abgrund des Lebens« mit jeweils 85 000 ausverkauften Exemplaren. Dichtauf folgen »Gripsholm«-Tucholsky und abermals Greene ("Orient-Expreß") mit je 75 000, die anderen laufen ferner mit immerhin je 50 000 Exemplaren. Jeder zweite Titel ist vergriffen.

Wenn er von werbekräftigen statistischen Spielereien ("In Thyde Monniers 'Die Kurze Straße' lieferten wir eine Million Buchstaben für 1,80 DM") genug hat, sonnt Ernst Rowohlt, 64, sich an seiner trotz gelegentlichen Ost-Techtelmechtels mit nachfolgendem West-Skandal ungeminderten Popularität. Als Tochter Elisabeth, 20 und entsprechend lebenslustig, seit 13 Jahren in Rio de Janeiro zu Hause, vor drei Wochen zu einem längeren Besuch eintraf, trugen ihr die Zollbeamten im Hamburger Hafen schöne Grüße an den Herrn Verlegerpapa auf. »Weil er so viele schöne und billige Bücher macht.«

Für Publicity tut Deutschlands Verlags-Senior allerdings auch, was er irgend kann. Die Gäste der regelmäßigen »Mittwochsgespräche« in der Kölner Bahnhofsbuchhandlung Gerhard Ludwig blickten erstaunt, als Gastreferent Rowohlt das Wort zu einem Vortrag über »Das deutsche Buch und die europäische Verständigung« mit der Bemerkung ergriff: »Das ist ein so heißes Thema, da muß ich mir erst mal den Rock ausziehen.« Zum Vorschein kam eine dunkelbraune Krawatte mit zierlich eingesticktem »ro-ro-ro«.

Uni-farbene Schlipse mit Firmenzeichen tragen mittlerweile auch Rowohlt-Sohn Ledig, Rowohlt-Prokurist Hintermeir und der gesamte Rowohlt-Vertreterstab. Nur Bestseller-Autor ("Götter, Gräber und Gelehrte« - jetzt im 107.-121. Tausend) und Cheflektor K. W. Marek konnte sich bisher noch nicht dazu entschließen. An dem verlagseigenen Volkswagen dagegen prangt schon lange ein »ro-ro-ro«-Stander.

Das »Hamburger Abendblatt« wollte unlängst wissen, daß Ernst von Salomons schwarz-weiß-rötlicher »Fragebogen«, in dem Rowohlt auf jeder dritten Seite vorkommt, demnächst verfilmt würde. »Verleger Rowohlt soll dem nur zustimmen wollen, wenn er selbst mitspielen darf«, quakte die Ente maliziös. »Für 500 DM Gage pro Tag - jederzeit!« kommentiert Rowohlt die Falschmeldung trocken.

Für den Jubiläumsband hat er sich noch einen besonderen Reklame-Gag ausgedacht. In den fünfzig Exemplaren vor und nach dem zweimillionsten wird an irgendeiner Stelle des Maass-Textes das Wort »König« durch »ro-ro-ro« ersetzt. Die glücklichen Käufer dieser fünfzig Exemplare, die unter notarieller Aufsicht über die Gesamtauflage vom »Traum Philipps II.« verstreut werden, erhalten vom Rowohlt-Verlag eine »Literarische Lebensrente": Bis zu ihrem Tode wird ihnen jedes künftig erscheinende Taschenbuch kostenlos ins Haus geschickt.

»Hoffentlich sterben die bald!« stöhnte Geschäftsmann Rowohlt, als ihm Hintermeir die Rechnung für diesen Einfall präsentierte. Bei zwei Rotationsromanen im Monat macht das in 25 Jahren 600 Taschenbücher pro Nase. Alles in allem schenkt der Verlag damit 54 000 DM zum Fenster heraus.

Auf den keineswegs so abwegigen Gedanken, daß vor den literarischen Lebensrentnern möglichweise seine ro-ro-ro's das Zeitliche segnen könnten, kommt Rowohlt überhaupt nicht. Die leben - sagt Rowohlt - auf alle Fälle länger. Auch wenn Thomas Mann-Verleger Bermann-Fischer, wie im Branchengeflüster verlautet, im kommenden Frühjahr mit einer Taschenbuchserie zu 1,90 DM herauskommen sollte.

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