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»LOBE DEN HERREN, DER DEINEN STAND SICHTBAR GESEGNET«

aus DER SPIEGEL 44/1965

Der Lobpreis Gottes verwischte sich im Munde des Volkskanzlers zu einem ungewissen Summen. Ludwig Erhard fehlten die Worte. Zwei Strophen »Lobe den Herren« hatte er treulich und auswendig mitgesungen, bei der dritten geriet er ins Murmeln.

Eine Sekunde lang schwankte er, ob er sich bis zur nächsten bekannten Zeile durchmogeln oder ob er dem zu seiner Linken ungeniert vom Blatt singenden Oberkonsistorialrat Gerstenmaier zu erkennen geben sollte, daß er in Textverlegenheit sei. Unschlüssig hob er die griffbereite Brille an, ließ sie wieder sinken und entschied sich dann doch für die redlichere Lösung. Ludwig Erhard bewaffnete seine Augen und las, was er vergessen hatte: » ... in wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.«

Nun aber, während die Orgel der Bonner Kreuzkirche brausenden Anlauf zur vierten Strophe nahm und die im traditionellen Gottesdienst vor der Parlamentseröffnung versammelte protestantische Politikergemeinde von neuem Luft holte, brauchte Erhard keine Gedächtnisstütze mehr. Die Brille sank, der Kanzler sang, das Lied hatte ihn wieder: »Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet ...«

Sichtbar gesegnet zu sein mit Gnaden und mit Gaben, die ihn gefeit machen gegen die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks, das er durch Widerstand nicht enden kann - das ist wahrhaftig des Volkskanzlers fromme Gewißheit. In wieviel Not, in der sein Amt offenkundig des Herrn ermangelte, »der alles so herrlich regieret«, muß er nicht »dieses verspüret« haben.

In der Not, das zweite Kabinett seiner Regentschaft zu bilden, hat er es so deutlich Verspürt wie lange nicht: daß ein höherer Wille, kundgetan durch die Stimmen des Volkes, sein Handeln freundlich geleitet und ihn bestimmt, ein Politiker eigener Art zu sein - zu regieren nämlich im Reich der inneren Werte, das zwar von dieser Welt ist und doch ihrer Schnödigkeit auf seltsame Weise entrückt bleibt. Umfallen kann er, nicht in dieser Entrückung, sondern allenfalls »sich überwinden«, kann auch nicht Pressionen weichen, sondern allenfalls »den rechten Ausgleich schaffen«. Nicht einmal blamieren kann er sich, kann vielmehr nur geduldig aushalten im Sturmgebraus, bis er seine Stunde gekommen fühlt.

Das mag erklären, warum Ludwig Erhard, wann immer er sich zeigte während dieser Woche seiner Wahl und seiner Qual, so aussah, als gehe ihn das ganze Gezerre um Ministerposten und Kloalitionsabsprachen eigentlich gar nichts an. Als demonstriere er im Teufelskreis der Barzel und Strauß und

Weyer und Adenauer, daß er nicht sei wie diese - und daß er es sich nur aus

Redlichkeit und Loyalität versage, Gott öffentlich für diesen Vorzug zu danken.

So war es auch in der Nacht der Entscheidung, um null Uhr fünf am Dienstag der vergangenen Woche, wenige Stunden nur vor dem Gottesdienst in der Kreuzkirche, als Ludwig Erhard das Palais Schaumburg verließ. Erich Mende, dessen Bedingungen er soeben akzeptiert hatte, und Franz-Josef Strauß, dessen Bedingungen er noch akzeptieren würde, waren schon gegangen, ihre Erregung nur notdürftig verbergend. Nun kam der Kanzler die Treppe herab, würdig und wissend. Das neugierige Küchenpersonal, dem Strauß noch aufgekratzt gewinkt hatte, übersah er, und den Andrang der Reporter lenkte er auf Barzel ab, der ihm zur Seite agierte.

Er selber schob sich weiter durchs Gedränge, unbeachtet fast und auch unbeteiligt, und blieb, als der fleißig redende Barzel nicht nachkam, unter de Tür wartend stehen. Dort drehte er sich um und sah schweigend dem Presse-Auftritt des jugendlichen Helden zu: Langmut im Blick und müdes Amüsement, unter dem das Mißtrauen glimmte - bis Barzel schließlich der Peinlichkeit der Szene gewahr wurde und flink herbeikam, sich zu verabschieden, denn sein Mantel hänge hier noch irgendwo. So ging der Kanzler. Dies war nicht seine Stunde.

In solchen Augenblicken wortlosen Verharrens - und die waren gar nicht selten - gab Ludwig Erhard auch den Treuesten der Treuen Rätsel auf. Schwieg er nun aus Taktik oder aus Bedrängnis? Hatte er Pläne oder war er einfach hilflos in die Enge getrieben? Vorhalte hörte er meistens schweigend, Pressionen nahm er mit dem Hinweis an, er müsse sich das alles nochmal überlegen.

Ein paar Reporter, die ihn nach der konstituierenden Sitzung des Bundestags allein und abseits des festlichen Gedränges im Foyer entdeckten, ließ er auf die Frage nach der Kabinettsliste einen Blick in die leere Brusttasche seines schwarzen Anzugs tun und führte, während ihm die Zigarrenasche haarscharf an der Wölbung des Leibes vorbeifiel, leise Klage darüber, daß es mit all der Rederei wohl wieder Mitternacht werden würde.

Einigen, die ihm so die Nachtruhe kürzten, erschien er manchmal wie ein seltenes Exemplar politischer Botanik, das - fest im Boden des Volkes wurzelnd - milde Luft und freundliche Sonne braucht, um sichtbar zu erblühen, das in den widrigen, wechselnden Winden eines koalitionspolitischen Tiefs aber die Blütenblätter schließt. Anderen wiederum erschien er von der klaren Erkenntnis aller seiner Schwierigkeiten so weit entfernt, daß sie sich an das alte bayrische Sprichwort erinnert fühlten: Der hat's gut - der ist dumm.

Immer aber, wenn Ludwig Erhard seine Stunde gekommen fühlte, erhob er sich und schritt mit der jähen Unaufhaltsamkeit eines Nachtwandlers zur Tat - vorbei an erschrockenen Freunden, die ihn eben noch bedrängt oder gar angeleitet hatten, doch endlich etwas zu tun.

So gab er Erich Mende das Gesamtdeutsche Ministerium zurück, ohne Straußens letztes Wort abzuwarten, so gab er den bayrischen Parteibrüdern die verlangten fünf Ministerien, ohne Barzels letztes Wort abzuwarten. So tat er, profanen Druck und höheren Auftrag träumerisch verbindend, auch diesmal, was er mußte.

Aber Jubel und Beifall zu suchen für solch vollbrachtes Müssen, das versagte er sich. Das Parlament, das ihn nach alledem nun wählte, verließ er durch die Hintertür, kaum daß die schwachen Gruppen gratulierender Parteigänger ihm den Ausgang freigaben. Und zur

Vereidigung kam er denselben Weg zurück.

Das Grollen der Feinde im Ohr und der kalten Blicke der Zweifler durchaus gewärtig, überstand er den Akt des Einschwörens wie eine zeremonielle Pflichtübung, der nur noch die eigene Gesinnungstreue und der sozusagen private Glaube an ein gutes Ende Glanz und Inhalt zu geben vermögen.

Doch ehe Ludwig Erhard die religiöse Bekräftigung der Eidesformel leistete, hielt er dramatisch inne, reckte die Schwurhand noch um ein paar Zentimeter höher und sprach die fünf Worte dann, als wären sie ein persönliches Bekenntnis: »So wahr mir Gott helfe.«

Den Hamburger Parteifreund und Strauß-Opponenten »Didi« Rollmann, der dies sah und hörte, hatte schon tags zuvor beim Anblick des singenden Kanzlers in der Kreuzkirche die Erkenntnis überkommen, daß Ludwig Erhards beherrschende Eigenschaft in Wahrheit die Demut sei. Der Kanzler hat, so fand Rollmann, den höchsten Grad der Demut erreicht, denn er denkt: Ich bin von Gott gewollt.

De Volkskrant

»Da bin ich wieder!«

Hermann Schreiber

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