Zur Ausgabe
Artikel 104 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Briefe

Lobenswerter Weckruf
aus DER SPIEGEL 16/2007

Lobenswerter Weckruf

Nr. 14/2007, Philosophie: SPIEGEL-Gespräch mit Peter Sloterdijk, Konrad Paul Liessmann und Rüdiger Safranski über Hegels »Phänomenologie« und die Folgen

Das Gelehrtengespräch über Hegel habe ich mit Genuss gelesen. Die Runde war allerdings einseitig besetzt. Hegel sollte gewinnen. Eine wirklich antithetische Position fehlte. Das wiederum mag Hegel entgegenkommen, der selbst ein grandioser Harmonisierer war. Das Negative der Weltgeschichte kann oder darf in seiner Philosophie etwa so viel wie der Teufel in Goethes »Faust": Der rackert sich am Bösen ab, muss aber permanent zum Guten schaffen. Ob Weltgeschichte eine solche hegelsche Fortschrittsmaschine ist, kann füglich gefragt werden.

HILDESHEIM PROFESSOR DR. SILVIO VIETTA

Die illustre Philosophenrunde hat sicher nicht ohne Hintergedanken den Ort ihrer Zusammenkunft gewählt. Nachdem E. T. A. Hoffmann bereits für die Unsterblichkeit des Berliner Restaurants Lutter & Wegner gesorgt hat, da dessen Kellergewölbe zur Kulisse für Jacques Offenbachs Oper »Hoffmanns Erzählungen« wurde, in welchem vorzügliche Schaumweine und andere erlesene Traubensäfte darauf warten, verköstigt zu werden, fällt es nicht schwer, einen Übergang zu Hegels »Phänomenologie des Geistes« zu finden, in der das Wahre als bacchantischer Taumel beschrieben wird, »bei dem kein Glied nicht trunken ist«. Ich schwanke noch, welches Fazit aus dieser phänomenalen Denker-Runde gezogen werden kann: In vino veritas oder in vino obscuritas?

BERLIN WOLFGANG GERHARDS

Arthur Schopenhauer und Karl Popper haben Hegel einen Scharlatan und einen Clown genannt. Für mich bleibt es dabei.

STADTALLENDORF (HESSEN) ANDREAS STEINGRAEBER

In ihrem lobenswerten Weckruf haben die drei Philosophen die Tatsache unterschlagen, dass nicht Hegel, sondern Friedrich Schiller der Erfinder der »Phänomenologie des Geistes« gewesen ist. Hegel hat nahezu wörtlich den dreistufigen Weg des Geistes aus Schillers 24. Brief »Über die ästhetische Erziehung des Menschen« abgeschrieben und versucht, diesen genialen Entwurf mit leichten Zusätzen durchzuführen.

BAD HONNEF (NRDRH.-WESTF.) ARMIN HINDRICHS

Solche klugen Weltgeist-Erkenntnisse hat unsereins ja als Liedermacher und Satiriker schon 1979 locker vorweggenommen - wie in meiner Ballade »Deutschland, deine Väter": »Sie verkünden die Lehre vom Weltengeist, / der die Träumer in die Gehirne beißt. / Die absolute Glückseligkeitsregel, / zuerst erschien sie dem großen Hegel. / Karl Marx, der erhabene Prophet, / hat sie ein bisschen zurechtgedreht: / Und Hosianna! seit jener Zeit / ist die sagenhafte Gerechtigkeit / ist der Himmel auf Erden gar nimmer weit. / Nur ein bisschen Mut, nur ein bisschen Blut, / ihr werdet schon sehen: der Mensch ist gut / und keiner ist bucklig und keiner schielt. / Den biegen wir grade, der das nicht fühlt. / Und keiner wird mehr als der andre bekommen. / Propheten und Jünger ausgenommen.«

HAMBURG HANS SCHEIBNER

Zur Ausgabe
Artikel 104 / 113
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel