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STUDENTEN Loch im Norden

Nach Lehrlingen und Facharbeitern drängen nun auch Ferienjobber in den goldenen Süden. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Eigentlich müßte der Hamburger Fachhochschulstudent Frank Neumann, 25, seinen Urlaub am Meer verbringen. Der angehende Kapitän studiert Seefahrt im sechsten Semester.

Doch dieses Jahr reist Neumann ausnahmsweise mal ins Binnenland, nach Stuttgart. Dort hat der Kapitänsschüler einen dicken Fisch an Land gezogen: einen Job als Fließbandarbeiter beim Automobilriesen Daimler-Benz.

Mehr als 20000 Schüler und Studenten bewerben sich jedes Jahr allein im Untertürkheimer Werk um die raren Plätze. Nur 4000 werden ausgewählt, einer davon ist Nordlicht Neumann. Für seinen Job als Kontrolleur in der Zahnradproduktion erhält er knapp 19 Mark pro Stunde, fast doppelt soviel wie seine Kommilitonen, die im Norden jobben. »Außerdem«, schwärmt Neumann, »ist hier das Wetter einfach besser.«

Ähnlich wie ihm ergeht es vielen Studenten in der Bundesrepublik: Weil es daheim an lukrativen Ferienjobs mangelt, müssen sich immer mehr als Kurzarbeiter fern der Heimat verdingen.

Vorbei sind die Zeiten, als sich während der Semesterferien allerorten mühelos die schnelle Mark machen ließ. Vor allem in kleineren und mittleren Städten übersteigt die Nachfrage das Angebot bei weitem.

Viele müssen sich daher mit zehn bis zwölf Mark Stundenlohn zufriedengeben. Mehr ist häufig nur für besonders qualifizierte Aushilfen mit Schreibmaschinen- oder Computerkenntnissen drin. »Die Arbeitgeber sehen einfach nicht ein«, sagt Manfred Teike vom Hamburger Arbeitsamt, »warum sie bei dem Überangebot an Arbeitswilligen was drauflegen sollen.«

Dabei sind viele Studenten auf das Zubrot angewiesen. Weil sie zuwenig oder gar kein Bafög erhalten, muß bald jeder zweite Student während des Semesters oder in den Ferien arbeiten. Allein beim Arbeitsamt Gießen sprechen zur Zeit täglich rund 180 Jobsucher vor, in Heidelberg versammeln sich bis zu 150 Studenten jeden Tag vor dem Vermittlungsbüro im Marstallhof. Doch unterbringen läßt sich nicht mal die Hälfte. »Kommt ein gutes Angebot herein«, berichtet die Studentenservice-Chefin Sigrid Nolte, »ist es in wenigen Minuten weg.«

Um die karge Entlohnung zu verbessern, haben sich kürzlich rund dreißig Heidelberger Studenten zu einer Jobber-Initiative zusammengeschlossen. Die Teilzeitarbeiter wollen nicht mehr zu »Schleuderpreisen von acht oder neun Mark« arbeiten. Ihr Ziel: ein »Mindestlohn von zwölf Mark«.

Doch selbst in Großstädten tut die Wirtschaft sich schwer, Ferienjobber unterzubringen. So gehen in Frankfurt zur Zeit pro Monat rund 2000 Anfragen ein, doch nur 350 Aushilfskräfte werden vermittelt. Deutschlands »Hoch im Norden« (Hamburg-Werbung) offenbart sich Jobsuchenden als Loch im Norden - zwei Drittel aller Bewerber fallen bei der Auslese durch.

»Wer keine besonderen Kenntnisse nachweisen kann, etwa im kaufmännischen Bereich«, sagt Arbeitsberater Teike,

»hat in der Dienstleistungsmetropole Hamburg ganz schlechte Karten.«

Zudem werden attraktive Offerten häufig unter Ausschluß der Öffentlichkeit vergeben. Großkonzerne wie Daimler oder Bosch bevorzugen Söhne und Töchter von Mitarbeitern. »Die haben«, meint Daimler-Sprecherin Ursula Mertzig, »natürlich einen gewissen Bonus.« Etliche Ferienarbeiter, bestätigt Helmut Krause (Bosch), »sind regelrecht auf einen bestimmten Job abonniert«. Vorteil: Die Dauerjobber müssen nicht jedesmal wieder angelernt werden.

Um noch einen der begehrten Jobs zu ergattern, greifen daher viele Studenten zur Selbsthilfe. Sie schreiben Monate vor Ferienbeginn gezielt die Personalchefs großer Unternehmen an. Andere, wie der Münsteraner Betriebswirtschaftsstudent Christian Hellmich, versuchen durch spektakuläre Aktionen auf sich aufmerksam zu machen.

Der gelernte Bankkaufmann ließ schon im Frühjahr auf einer Plakatwand in Münster die Schlagzeile »Job gesucht' und seine Telephonnummer anschlagen. Der Einsatz hat sich gelohnt. Neben einem Teilzeitjob in der gegenüberliegenden Kneipe ergatterte er noch ein begehrtes Praktikum.

Der weitaus größte Teil der Jobsuchenden aber pilgert in den goldenen Süden oder nach Berlin. Dort ist die Arbeitswelt für Studenten noch in Ordnung. In München finden mehr als zwei Drittel aller Bewerber eine Stelle, etwa als Schankhilfe in Biergärten oder als Packer bei der »Süddeutschen Zeitung«. An Berlins Freier Universität werden zur Zeit sogar mehr Ferienjobs als Ferienarbeiter gezählt.

Gut sind die Chancen auch in der schwäbischen Schaffermetropole Stuttgart. Dort drängeln sich neben Studenten aus dem Norden neuerdings sogar Jobber aus dem Elsaß und Skandinavien.

Glücklich ist man in der Provinzhauptstadt über den internationalen Ansturm nicht. »Wir können«, klagt Arbeitsvermittlerin Irmgard Moser, »doch nicht für alle anderen Städte die Jobs besorgen.«

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