Zur Ausgabe
Artikel 25 / 104
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Kriminalität Lockende Preise

Diebesbanden haben sich auf eine Wachstumsbranche eingestellt: Autotelefone verschwinden massenhaft - viele in den deutschen Osten.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Als der Verlagsangestellte Ulrich Bieger, 36, nach einer halbstündigen Besorgung zurück zu seinem Wagen im Parkhaus an der Düsseldorfer Kreuzstraße kam, hatten Unbekannte ihr Bruch-Werk längst erledigt.

Die linke hintere Seitenscheibe war eingeschlagen, die Zentralverriegelung des Volvo geöffnet und teures Inventar spurlos verschwunden: Die Autoknacker hatten Biegers mobiles Funktelefon mitgehen lassen.

Danach erntete Bieger auch noch Spott. Seine Bitte an die Polizei, sie möge Einbruchspuren am Wagen sichern, beantworteten die Beamten mit Gelächter: Nur ein »Witzbold« könne glauben, daß dafür Zeit sei. »Die Dinger werden doch am laufenden Band gestohlen.«

Tatsächlich hat sich der Telefonklau aus Autos zum neuen Massendelikt der Einbruchsbranche entwickelt. Von den rund 320 000 mobilen Telefonen, die von Deutschen schon in ihren Wagen fest eingebaut oder als tragbares Gerät auf Fahrten mitgenommen werden, gerieten voriges Jahr rund 10 000 in die Hände von Dieben.

»Jeden zweiten Tag wird bei uns ein Autotelefon als gestohlen gemeldet«, sagt Bonns Kripochef Gerd Steffen. Mehr als 600 waren es vergangenes Jahr in Köln. In Hamburg registrierte die Polizei eine Vervierfachung des Delikts auf 750 Fälle. »Mobile Telefone sind mobiler«, spottet ein Kölner Kriminalist, »als den Eigentümern lieb ist.«

So wurde etwa ein Prinz von Preußen schon um sein Fernsprechgerät erleichtert, ebenso Otto-Waalkes-Manager Hans-Otto Mertens. Verlustanzeige haben auch Redakteure des Stern und des SPIEGEL bereits gemacht, denen der Funk helfen sollte, die Telefonmisere in den neuen Bundesländern zu überbrücken.

Die Telefone bieten sich für kriminelle Profis als Diebstahlsobjekte geradezu an. Die Apparate liegen überall herum - und die Nachfrage ist immens. Jahr für Jahr steigen sprunghaft die Verkaufszahlen für die mobilen Geräte, die zur Zeit zwischen 4000 und 10 000 Mark kosten.

Einen verstärkten Boom der drahtlosen Kommunikation versprechen sich die Postfirma Telekom und deren Konkurrentin, die Mannesmann Mobilfunk, wenn sie im Sommer ihre digitalisierten Funktelefonsysteme D 1 und D 2 in Betrieb nehmen. Mit der neuen Technik sollen bis zum Jahr 2000, hoffen die Betreiber, fünf bis sechs Millionen Bundesbürger drahtlos womöglich vom Nordkap bis nach Sizilien telefonieren können - dann wohl auch mit billigeren Geräten und zu niedrigeren Gebühren.

Einstweilen aber locken gerade die hohen Preise die Halunken. Auf dem Schwarzmarkt bringen die mobilen Geräte 1000 bis 3000 Mark.

Deshalb orientieren sich auch Banden um, die bisher mit Autoradios verdienten. Der Klau von Rundfunkapparaten, die zunehmend besser gesichert sind und deren Verkauf beim Hehler wegen Sättigung des Marktes nur noch wenig bringt, geht zurück. Dafür steigt die Zahl der Autoaufbrüche, bei denen es nur ums Telefon geht.

Nach Erkenntnissen der Polizei postieren Diebes- und Händlerringe, die speziell die Telefon-Tour fahren, ihre Leute vor allem an Flughäfen und Bahnhöfen, vor feinen Hotels und Messehallen. Spezialisten klappern auch schon mal bessere Wohnviertel ab, um nach dem teuren Autozubehör zu suchen.

Die Abnehmer der heißen Ware stehen oft schon vorher fest. »Meist gehen die Geräte sofort in die neuen Bundesländer«, sagt der Bonner Kripochef Steffen. Dort sind die Mobilen, weil es an normalen Telefonen fehlt und die Kabelnetze total überlastet sind, heiß begehrt. Zumindest in mehreren ostdeutschen Großstädten, in denen bereits ein Funknetz aufgebaut worden ist, läßt sich mit einem Mobiltelefon der Dauerstau im Normalnetz leicht überwinden.

Die Sore, die im Westen verbleibt, wird häufig über Anzeigenblätter verhökert. Zwar warnt die Polizei vor günstigen »Sonderangeboten«; doch die Kripo hat wenig Chancen, die schwarz verkauften Telefone aufzuspüren.

Ohne Mühe läßt sich die Gerätenummer abschaben oder unkenntlich machen. Die Schlösser der gestohlenen Apparate sind zumeist nicht einmal aufgebrochen, weil Benutzer das Gerät selten abschließen. Und telefonieren kann ohnehin jeder mit dem Apparat; er muß nur eine Berechtigungskarte der Post einschieben - die von dem Bundesunternehmen ungeprüft an jedermann abgegeben wird.

Telefon-Ganoven, die den Autobruch scheuen, haben einen noch einfacheren Weg gefunden, um an die teuren Apparate zu kommen. Ein norddeutscher Dealer orderte gleich 20 tragbare Mobiltelefone, ließ die Rechnung offen und verkaufte die Geräte sogleich zum Stückpreis von 2800 Mark.

Als die Kripo das Büro des Bestellers suchte, fand sie eine Abstellkammer in einem Altenheim. Einziges Inventar: ein Fax-Gerät und Bierdosen.

Zur Ausgabe
Artikel 25 / 104
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.