Zur Ausgabe
Artikel 47 / 81
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

GRIECHENLAND Lockere Sitten

Rebellion im Klosterstaat Athos: Altmönche wollen ihre traditionelle Ordnung gegen reformeifrige Jungmönche verteidigen. *
aus DER SPIEGEL 28/1986

Hinter den Toren des Vatopedi-Klosters auf dem Heiligen Berg Athos halten 20 meist betagte Mönche bange Wache. Die frommen Brüder haben sich verbarrikadiert, weil sie Gefahr von ihresgleichen fürchten. Denn ihrer Gemeinschaft droht eine Invasion von jungen Mönchen aus anderen Athos-Klöstern, die in Vatopedi Ordnung schaffen wollen.

Polizisten stehen Tag und Nacht vor dem Klostertor, um Handgreiflichkeiten unter Klosterbrüdern abzuwenden.

Der Aufruhr, der, so die Zeitung »Akropolis« allmählich »die Dimensionen einer großen Krise annimmt«, deckt einen Bruderzwist auf, der an die Grundfesten der tausendjährigen Mönchsrepublik rührt. Denn erstmals steht der autonome Klosterstaat vor einem bisher nicht erlebten Generationenstreit, einem erbitterten Machtkampf zwischen Traditionalisten und Erneuerern.

Die alteingesessenen Athos-Mönche wehren sich gegen den Reformeifer und das Machtstreben junger Mitbrüder, die mit ihren Aktivitäten eine jahrhundertealte Kloster- und Lebensordnung dauerhaft umkrempeln möchten.

Jahrzehnte hatte es so ausgesehen, als sei die Mönchsrepublik zum Aussterben verurteilt. 1963, als der Klosterstaat sein tausendjähriges Bestehen feierte, sahen viele in den Feierlichkeiten schon die »Totenmesse des Athos-Mönchstums«.

Im Jahr 1943 lebten auf Athos 2878 Mönche, 1971 waren es nur noch 1145. Nach 1945, vor allem aber nach dem griechischen Bürgerkrieg, trat ein akuter Mangel an Novizen ein: »Die Bevölkerung des Heiligen Berges«, stellte der ehemalige Athos-Gouverneur, Theologie-Professor Dimitrios Tsamis fest, »hörte im wesentlichen auf, sich zu erneuern. Sie begann, mit beunruhigendem Tempo zu schrumpfen.«

Doch dann setzte, unverhofft und aus bisher nicht ganz erklärbaren Gründen, ab 1972 eine Einwanderungswelle nach Athos ein: Junge Menschen, darunter viele Akademiker, traten in die Klöster ein und verhalfen dem absterbenden Mönchsstaat zu neuem Leben. Bald bevölkerten rund 700 solcher Aussteiger, die zum Mönchsleben konvertierten, neun Klöster. Unter ihnen waren zahlreiche Ausländer, vor allem Franzosen, Engländer und Holländer, die mit der Mönchsweihe automatisch die griechische Staatsbürgerschaft annahmen.

Trotz der vielen Todesfälle unter den Alten zählt Athos heute wieder rund 1300 Mönche. Noch vor zehn Jahren betrug das Durchschnittsalter 60 Jahre, jetzt liegt es bei 40. »Der Heilige Berg stirbt nicht«, freute sich die Athener Zeitung »Messimvrini«. Verlassene Klöster wie Stavronikita, das lange leerstand, konnten wieder mit Novizen bemannt werden. In zahlreichen Klöstern lösten Jungakademiker betagte Äbte ab.

Mißtrauen löste bei den alteingesessenen Brüdern aus, daß die Neulinge auch an den traditionellen Klosterordnungen zu rütteln begannen. Die Jungmönche entschieden sich nämlich in der Mehrheit für das Kommunarden-Leben, eine Organisationsform mit Namen »Koinobion«, nach der inzwischen die meisten der heute 20 Klostergemeinschaften wirken.

In dieser Lebensgemeinschaft ist Privateigentum verboten, für alles kommt das Kloster auf. Die Klosterbrüder wohnen, essen, arbeiten und beten in vollkommener Gleichheit; geführt werden sie von einem demokratisch gewählten Abt, der mindestens 40 Jahre alt sein muß und sich durch einen vorbildlichen Lebenswandel auszeichnen sollte.

Ganz anders sieht das Leben in den sogenannten »idiorhythmischen« _(Vom griechischen »idios« (eigen) und ) _("rhythmos« (Zeitmaß). ) Klöstern aus. In diesen Klostergemeinschaften sind die Mönche unabhängig, dürfen beten, wann sie wollen, können Privatbesitz haben und ihren Lebensstil ihren Vermögensverhältnissen anpassen. Das Kloster wird von einem Rat geleitet, dessen Mitglieder lediglich darauf zu

achten haben, daß die Mönche ihren religiösen Pflichten nachkommen.

Die Freiheit hat eine Kehrseite: Anders als bei den gestrengen Kommunarden-Klöstern kommt es bei den Idiorhythmikern zu Ausschweifungen und kriminellen Handlungen. Frauen und selbst weiblichen Tieren ist der Zutritt zur Mönchshalbinsel verboten - vielleicht sagt man deshalb den freizügigen Brüdern Homosexualität nach.

Eigennutz und Habgier ließen sie schon mal zu raffinierten Kunsträubern werden, die Ikonen und andere Klosterschätze an Privatsammler und ausländische Museen verkaufen. Die Wertstücke werden aus dem polizeilich nur mangelhaft bewachten Athos-Staat ins Ausland geschmuggelt, tauchen später auf Auktionen auf und erzielen hohe Preise.

Den Neuzuwanderern auf Athos, die sich für die sittenstrenge monastische Kommune entschieden hatten, gelang es mittlerweile, die Klosterordnung in drei ehemals idiorhythmischen Anstalten zu ändern. Jetzt trafen sie auf Widerstand, als sie auch das vor über tausend Jahren gegründete Vatopedi-Kloster unter ihre Kontrolle bringen wollten.

Vatopedi, eins der größten und reichsten Athos-Klöster, beharrte hartnäckig auf der althergebrachten Ordnung. Die 20 meist sehr alten Brüder beschlossen, sich den Ordnungen der »Heiligen Aufsicht« der 20köpfigen Athos-Regierung, zu widersetzen. Die hatte verfügt, Jungmönche aus dem Kommunardenkloster Stavronikita aufzunehmen.

Die Vatopedi-Mönche hielten die ihnen gesetzte Frist nicht ein und pochten darauf, daß laut Athos-Satzung ihr Klöster der Aufnahme zustimmen müsse. Daraufhin konfrontierten die Regierenden in der Athos-Hauptstadt Kariä die unbotmäßigen Brüder mit einem Bericht in dem den Alten sittliche Verfehlungen, Vernachlässigung der Klosterschätze Kunstraub und Liederlichkeit angelastet werden. Von Zeit zu Zeit ausbrechende mysteriöse Großbrände in Vatopedi wie auch in anderen Klöstern nähren schon seit Jahren den Verdacht, daß die Brandstifter Mönche waren, die so ihre Diebstähle von Kunstschätzen zu kaschieren suchten.

Noch bevor das Ultimatum von Kariä abgelaufen war, wandten sich die um Besitz und Lebensstil bangenden Vatopedi-Mönche an das ökumenische Patriarchat im einstigen Konstantinopel, das als Haupt der orthodoxen Kirche die geistige Oberaufsicht über Athos innehat und Streitigkeiten schlichtet. Doch die Kirchenoberen in Istanbul schickten den Brief unbeantwortet zurück.

Dennoch wollen die Eingeschlossenen von Vatopedi nicht aufgeben. Derzeit erwarten sie den Besuch eines Abgesandten des Patriarchats. »Man kann einem Menschen nicht das Leben abschneiden«, verkündete einer der Verbarrikadierten, »um es mit etwas Neuem zu veredeln.«

Vom griechischen »idios« (eigen) und »rhythmos« (Zeitmaß).

Zur Ausgabe
Artikel 47 / 81
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel