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JAPAN Lodernder Zorn

Premier Koizumi betreibt Nippons Aufrüstung - auch als Schutz vor Nordkoreas nuklearen Ambitionen.
aus DER SPIEGEL 41/2003

Manchmal hilft nur das letzte Aufgebot. Um Nippons männlichen Nachwuchs für den Dienst in den so genannten Selbstverteidigungsstreitkräften zu begeistern, verpflichteten die Militärs die weibliche Musikgruppe »Morning Musume«. Auf riesigen Postern werben die Stars mit dem wenig kriegerischen Schlachtruf »Go! Go! Peace!«

Der patriotische Flankenschutz durch die Pop-Idole (zu Deutsch: »Morgen-Töchter") ist dringend nötig. Denn dem japanischen Berufsmilitär mangelt es an Personal. Die Nation altert rapide, doch die Aufgaben der Streitkräfte wachsen ständig.

Auch die Gefahren: Erst vorige Woche verkündete das kommunistische Steinzeitregime Nordkoreas, die Aufbereitung von 8000 Brennstäben aus dem Reaktorbetrieb sei abgeschlossen. Das dabei gewonnene Plutonium diene »der Verbesserung der nuklearen Verteidigung« - eine unverhohlene Drohung mit dem atomaren Knüppel. Deswegen ist Premier Junichiro Koizumi dabei, das zweitgrößte Industrieland schwungvoll aufzurüsten. Möglichst bald möchte er auch Truppen in den Irak entsenden.

Den Marschbefehl hätte der Premier eigentlich längst erteilen wollen. Mit ungewöhnlicher Eile drückte er ein Sondergesetz durch das Tokioter Parlament. Für Japan bedeutet dies eine wahre Zeitenwende; erstmals seit 1945 würden Soldaten in ein Land ausrücken, in dem Kriegszustand herrscht.

Der symbolträchtige Wiederaufstieg zu militärischer Größe geriet ins Stocken: Entsetzt über das Chaos im Irak, lehnen fast 60 Prozent der Japaner das Vorhaben ihres Premiers ab. Obwohl gerade mit satter Mehrheit als Chef der regierenden Liberaldemokraten (LDP) bestätigt, kann sich Koizumi vor der im November erwarteten Unterhauswahl den unpopulären Einsatzbefehl kaum leisten.

Die peinliche Verzögerung sorgt vor allem in Washington für Unmut. Japan dürfe vor seiner Bündnispflicht »nicht weglaufen«, mahnte kürzlich US-Vizeaußenminister Richard Armitage. Und am 17. Oktober will Präsident George W. Bush selbst nach Tokio reisen und Koizumi an gegebene Zusagen erinnern. Außer mit Soldaten soll sich das Land auch mit Cash am Wiederaufbau des Irak beteiligen. Tokio wappnet sich für US-Forderungen von bis zu über einer Billion Yen - umgerechnet neun Milliarden Dollar.

Dennoch kommt Japans Premier der Druck aus den USA nicht ganz ungelegen. Denn Washingtons Pläne, Tokio mit dem Truppeneinsatz zum »Hilfssheriff« (so der einflussreiche Pentagon-Insider Richard Perle) zu befördern, decken sich mit dem eigenen Wunsch, Japan von historischen Fesseln zu befreien: Mit dem Irak-Einsatz zielen Koizumi und mächtige Verbündete in der LDP auf die Revision der pazifistischen Nachkriegsverfassung.

In dem Dokument, das Japan 1946 fast wörtlich von den US-Besatzern diktiert wurde, verpflichtete sich Tokio, »auf ewig dem Krieg als souveränem Recht der Nation zu entsagen« und auf eigene Streitkräfte zu verzichten. Diese Grundsätze sind jedoch längst überholt: Für seine 239 000 Soldaten leistet sich Tokio die weltweit zweithöchsten Rüstungsausgaben.

Im Visier haben Japans Strategen vor allem den stalinistischen Nachbarn Nordkorea sowie indirekt die erstarkende Großmacht China: Im Frühjahr schoss Tokio erstmals Spionagesatelliten in den Weltraum; überdies erwägt es die Stationierung des Raketenabwehrsystems der USA.

Mit Blick auf die Bedrohung aus Pjöngjang sprach Verteidigungsminister Shigeru Ishiba sogar von der Möglichkeit eines japanischen Präventivschlags. In der Regierung wurde bereits der Griff nach eigenen Atomwaffen diskutiert.

Vorsorglich brachte Koizumi Notstandsgesetze für den Ernstfall durch das Parlament. Damit erfüllte der Premier gleichzeitig ein Vermächtnis seines verstorbenen Vaters: Ex-Verteidigungsminister Junya Koizumi war in den sechziger Jahren mit ähnlichen Plänen gescheitert.

Zwar findet Koizumis Linie immer mehr Zustimmung. Vor allem Furcht vor Nordkorea facht den Patriotismus an: Seit Diktator Kim Jong Il vor einem Jahr zugab, dass sein Regime seit den siebziger Jahren mehrere Japaner verschleppte und obendrein einräumte, auf dem Weg zur Atommacht zu sein, lodert in Nippon der Volkszorn gegen das Nachbarland.

Aber gerade wegen der nuklearen Bedrohung aus Nordkorea lehnen selbst japanische Patrioten eine Truppenentsendung in den Irak ab. Die Nation dürfe sich nicht am »Invasionskrieg« der USA beteiligen, warnt etwa der Autor Yoshinori Kobayashi, der mit dem nationalistischen Comic-Bestseller »Senso-Ron« (Diskurs über den Krieg) großen Einfluss erlangte. Im Zuge seiner Irak-Politik, glaubt Kobayashi, werde Washington die atomare Aufrüstung Pjöngjangs gnädig übersehen. Daher müsse sich Tokio selbst schützen - notfalls durch eigene Nuklearwaffen.

Solches Misstrauen gegen die Schutzmacht USA hat in Japan tiefe Wurzeln: Denn nicht nur mit der aufgezwungenen Verfassung, auch mit den westlichen Werten, die die US-Besatzer dem besiegten Kaiserreich einst überbrachten, können Nippons Neo-Nationalisten offenbar nicht mehr viel anfangen: »Freiheit, Demokratie, Gleichheit« - schimpft Autor Kobayashi pauschal - »stürzen Japan ins Chaos.« WIELAND WAGNER

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