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UMWELT Löcher im Land

Unkontrollierter Kies- und Sandabbau vernichtet die Landschaft. Im Rheintal ist der Schaden am größten.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Wer einen Bagger für eine Million kauft und hier auf seine Wiese stellt, kann in einem Jahr für drei Millionen Mark Kies und Sand rausholen«, sagt Wolf Dieter Münch von der Forstdirektion Karlsruhe: »Bis eine Aufsichtsbehörde einschreitet, hat der schon seinen Reibach gemacht.«

Vom Hubschrauber aus deutet der Forstmann, dessen Behörde in Baden-Württemberg laut Gesetz für Umweltfragen zuständig ist, auf das Rheintal hinab: Wo vor dreißig Jahren eine geschlossene Wald- und Felddecke die Ufer des Flusses säumte, glänzt jetzt eine dichte Seenplatte -- Grundwasser, das die einstigen Kies- und Sandgruben füllt.

Fast ein Drittel der gesamten bundesdeutschen Kiesproduktion stammt aus dem Raum zwischen Basel und Weinheim. Doch während beispielsweise in Schleswig-Holstein, wo weit weniger Baustoffe aus dem Boden geholt werden. Kiesförderer seit Jahren gesetzlich gezwungen sind, ausgebeutete Gruben zu rekultivieren, konnten schwäbisch-badische Grubenbesitzer einfach Löcher in der Landschaft lassen. Nebenan machten es die hessischen und rheinland-pfälzischen Kiesförderer nicht anders -- ein einträgliches Geschäft.

»Der Kieshändler«, so der Leiter der Karlsruher Forstbehörde, Peter Rettich, »rechnet seine Betriebskosten, schlägt zwanzig oder dreißig Prozent drauf und verkauft so die Tonne für fünf bis sieben Mark.« Kosten, die aus dem Verlust an Land und aus der Zerstörung der Infrastruktur entstehen, bleiben dabei unberücksichtigt »Man müßte sie mit ein paar hundert bis tausend Prozent veranschlagen«, sagt der Landschaftsplaner Winfried Krahl.

Rettichs Forstdirektion hat nun -- erstmals für eine westdeutsche Region -eine detaillierte Untersuchung über den Abbau von Kies und Sand vorgelegt. Titel: » Materialentnahmen im Rheintal.« Die Ergebnisse sind alarmierend:

7400 Hektar, das sind fünf Prozent der Oberfläche des gesamten Rheintals im Regierungsbezirk Karlsruhe, sind bereits durch Kiesbagger zerstört. In den Rheinauen nahe Karlsruhe wurden 30 Prozent des Waldbestandes zunichte gemacht.

Gebuddelt wird allenthalben. Straßen- und Städteplaner im Ballungsraum um Karlsruhe, Mannheim und Heidelberg stoßen immer häufiger auf Baggerseen und Kiesgruben, wo sie neue Wohngebiete, Straßen oder Erholungsräume anlegen wollen. Die Kiesentnahme ist »erschreckend ungeordnet«, so Forstdirektor Rettich, »da gibt es viel zu viele kleine, uneffektive Förderstellen und zu wenige Großabbauten in Gebieten mit sehr ergiebigen Kieslagerstätten«.

Ein laxes Genehmigungs- und Kontrollsystem hat diese Fehlentwicklung jahrzehntelang gestützt. »Wer die Erlaubnis zum Trockenabbau bekommt«, so Münch, »gräbt trotzdem bis zum Grundwasser, dann nimmt er einen Schwimmbagger und macht weiter« -- so geschehen in der Kiesgrube Malsch bei Karlsruhe.

Wer überhaupt keine Genehmigung hat, versucht's auch schon mal. Besitzer von Privatwäldern etwa holzen mitunter ihre Bäume ab und fangen an, den Kies davonzukarren -- so geschehen in der Kiesgrube Maxau, wo 60 Hektar Wald dieser Praxis zum Opfer fielen.

Das zuständige Regierungspräsidium Karlsruhe hat auf solche Praktiken gewöhnlich zwei Antworten: Bußgeldbescheide bis zu 20 000 Mark -- und die Erteilung einer nachträglichen Genehmigung. Dem Raubbau an der Landschaft wird damit nicht Einhalt geboten. Die Folgen sind für professionelle Umweltschützer klar:

* Da Baggerseen Teil des Grundwassers sind, dringen Schmutz und Müll der Wasserlöcher leicht in die unterirdischen natürlichen Wasserreservoire.

* Grundwasserseen senken in aller Regel den Grundwasserspiegel, was wiederum die Vegetation gefährdet. > Zunehmende Wasserverdunstung bei immer größeren Seenflächen verändert das ohnehin feuchte Kleinklima in der Rheinebene.

Da Kies und Sand andererseits unverzichtbare Rohstoffe für die Betonherstellung sind, gehen auch Umweltschützer davon aus, daß mit dem Abbau nicht einfach Schluß gemacht werden kann -- nur plädieren sie für einen geordneten und kontrollierten Abbau. Forstexperte Peter Rettich beispielsweise entwickelt ("obwohl das eigentlich gar nicht meine Aufgabe ist, ich komme ja aus dem Wald") in der Karlsruher Studie ein geschlossenes Konzept. Er empfiehlt,

* Kies und Sand nur noch dort zu nutzen, wo Ersatzstoffe nicht vorhanden sind (für Dammanschüttungen beispielsweise würden Schuttabraum und Erde genügen);

* die Ausbeute auf Großgruben in ertragreichen Gebieten mit Kiesschichten bis zu 350 Meter Tiefe und relativ geringen Oberflächenabmessungen zu konzentrieren;

* dazu einen zentralen Abbauplan nach raumwirksamen, ökologischen und wirtschaftlichen Kriterien aufzustellen und

* Abbaugenehmigungen nur zu erteilen, wenn ein verbindlicher Rekultivierungsplan festgelegt ist.

Das Stuttgarter Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt will sich die Karlsruher Studie nunmehr zu eigen machen und selbst als Herausgeber fungieren, denn, so der Chef der Abteilung Forstpolitik im Umweltministerium, Wilfried Ott, »wir haben zwar in unserem neuen badenwürttembergischen Naturschutzgesetz jetzt auch die Vorschrift, daß Kiesgruben rekultiviert werden müssen, aber die Vorschrift und der Wille, sie durchzudrücken -- das ist ein gewaltiger Unterschied«.

Nach den Vorstellungen der Karlsruher sollen die Kiesförderer von vornherein darauf festgelegt werden, in trockenen Gruben fruchtbare Erde aufzutragen und so landwirtschaftliche Nutzung zu ermöglichen. Daß sich die zerklüfteten Areale wieder aufforsten ließen, hält Fachmann Münch schon für nicht mehr möglich: »Plumpe Augenwischerei.«

Es »zeigt sich, daß wir oft gar nicht mehr rekultivieren können«, auch wenn es das Gesetz vorschreibt: Die schweren Bagger und Räumungsmaschinen, die beim Kiesabbau eingesetzt werden, pressen die verbleibenden Erdschichten so stark zusammen, daß Bäume nicht mehr wurzeln können; der Zugang zum Grundwasser ist ihnen abgeschnitten.

Eine Humusschicht aufzutragen hilft in diesen Fällen auch nicht weiter. »Wald braucht meterdicke Erdschichten«, sagt Münch, »30 bis 40 Zentimeter, wie hei landwirtschaftlicher Nutzung, genügen da nicht.« Wo dennoch Aufforstungsversuche gemacht wurden, sind heute verkrüppelte Bäume zu sehen -- »sie haben nur die Möglichkeit, zu vertrocknen oder zu versaufen« (Münch).

Auch die biologisch sinnvolle Nutzung solcher Gruben, deren Abbau Baggerseen entstehen ließ, erscheint schwierig. Die Seen hüten sich zwar als ökologische Nischen für den Naturschutz, etwa zur Hege seltener Wasservögel, an, aber schon die Fischzucht wirft enorme Probleme auf: Das Fischfutter, es besteht in der Regel aus phosphathaltigen Substanzen, wirkt in den Grundwasserseen ohne Zu- und Abfluß wie ein gefährlicher Pflanzendünger: Die Seen wuchern zu und versumpfen.

Eher wäre es schon möglich, meint Forstmann Rettich, die Baggerlöcher als Badeseen herzurichten, »natürlich mit einem hohen Kostenaufwand«. Vorerst freilich bestimmen Seen mit dem Warnschild »Baden verboten« das Bild, und in manchen verlassenen Kiesgruben stehen verrostete Transportbänder und verfallene Bauhütten -- soweit sie nicht in wild abgeladenem Müll verschwunden sind.

Der amerikanische Hubschrauberpilot, der die Männer der Forstdirektion gelegentlich zur Bestandsaufnahme über die löcherige Landschaft fliegt, beschreibt den Anblick der Rheinebene denn auch so: »That"s a Mordssauerei, isn"t it?«

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