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ENTFÜHRUNGEN Lösegeld im Präsidium

Kölner Strafverfolger gehen gegen einen Kidnapper-Anwalt vor, der im Fall Erlemann das Lösegeld wiederbeschaffen und die ausgesetzte Prämie kassieren wollte - mit »unlauteren Mitteln«.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Die Sache war überaus mühselig. In stundenlanger Arbeit rollte der Mann eintausendfünfhundert Tausendmarkscheine und eintausendneunhundertneununddreißig Hundertmarkscheine zu dünnen Stäbchen und steckte sie in die nur wenige Millimeter breite Öffnung zweier Propangasflaschen - summa summarum 1 693 900 Mark.

Das Geld mußte weg, weil es heiß war. Denn die Braunen und Blauen stammten aus der Lösegeldsumme, die die Kölnerin Gabi Erlemann in der Nacht zum 20. März 1981 für die Freilassung ihres entführten Sohnes Johannes, damals 11, gezahlt hatte.

Das Geld sorgt jetzt für einen weiteren Fall im Fall Erlemann: Gegen Rechtsanwalt Dieter Reichenbach, Verteidiger des Kidnapper-Bosses Dieter Dutz, läuft bei der Staatsanwaltschaft Köln, Abteilung Anwaltsdelikte, ein Ermittlungsverfahren wegen eines kriminellen Drehs, mit dem Reichenbach für seinen Mandanten aus dem Verbrechen Kapital schlagen wollte, obschon der bereits in U-Haft saß.

Raffiniert war schon der erste Dutz-Coup. Der pleite gegangene Klimatechniker S.61 hatte Gabi Erlemann, Frau des kürzlich zu acht Jahren Haft verurteilten Kölner Abschreibungsspezialisten Jochem Erlemann, in ein rechtsrheinisches Waldstück dirigiert und angewiesen, zwei Segeltuchtaschen mit drei Millionen Mark in einer Holzkiste zu deponieren.

Was außer den Entführern niemand wußte: Die Kiste hatte keinen Boden und stand über einem nur provisorisch verschlossenen Betonstutzen des unterirdischen Randkanals. Zwei im Kanal lauernde Mittäter griffen das Geld und transportierten es mit einem Schlauchboot durch die Abwässer mehrere Kilometer weiter und kletterten dann wieder an die Oberfläche.

Trotz dieser »genialen Geldübergabe« (ein Kripo-Beamter) kam die »Sonderkommission Erlemann« den Entführern nur wenige Wochen später auf die Spur. Ein im Wald liegengelassener, zum Greifarm umgebauter Kescher war das entscheidende Indiz.

Kaum waren die Kidnapper am 8. Mai 1981 in Haft genommen, requirierten die Polizisten den halben Hausstand der Familie Dutz, auch jene zwei Gasflaschen, die der Bandenchef mit den fast 3500 Geldscheinen gefüllt hatte. Die Kripo nahm an, daß Johannes'' Versteck mit Gas beheizt worden war. »Soko«-Chef Herbert Mertens höchstpersönlich verstaute die Flaschen in seinem Büro im neunten Stockwerk des Kölner Polizeipräsidiums - ohne freilich zu ahnen, welche Werte darin steckten.

Nach Zahlung des Lösegeldes hatte Erlemann-Anwalt Hans Latz eine Belohnung ausgesetzt, »mit ausdrücklicher Geltung auch gegenüber Tätern oder Mittätern": 15 Prozent des zurückgeschafften Betrages.

Am 10. Mai meldete sich Dutz-Verteidiger Reichenbach telephonisch bei Latz und bot an, mit ihm »über die Rückgabe von Lösegeld« zu verhandeln, vorausgesetzt, die »Auslobung der Belohnung hat noch Gültigkeit«. Latz bejahte.

In dessen Kanzlei wurde Reichenbach deutlicher. Sein Mandant, erklärte er, habe ihm offenbart, wo sich der Löwenanteil des Lösegeldes, »etwa zwei Millionen Mark«, befinde. Gegen Zahlung der 15-Prozent-Prämie - bei zwei Millionen 300 000 Mark - und »bei Verzicht auf jegliche Schadenersatzansprüche gegen meinen Mandanten und dessen Ehefrau« würde er das Geheimnis lüften. Allerdings, so Reichenbach, müßte das Geld »mir persönlich auf mein Anderkonto« überwiesen werden, weil er »schlechte Erfahrungen mit der Aushandlung von Auslobungen« gemacht habe.

Da Latz das Geld an jenem 10. Mai, einem Sonntag, nicht beschaffen konnte, wurde der Deal auf den Montag verlegt. Nun verlangte Reichenbach von seinem Kollegen einen Privatscheck. Latz lehnte ab, bot aber an, »im eigenen Namen für die Auslobungssumme« geradezustehen.

Der Dutz-Anwalt akzeptierte zögernd. Dann formulierten die beiden Juristen einen Vertrag, den sie handschriftlich fixierten. Reichenbach bestand auf einer Klausel: Die Prämie werde gezahlt, »gleichgültig, wo das Geld sich befindet«.

Kaum war das außergewöhnliche Papier signiert, ließ Reichenbach die Katze aus dem Sack. Die Scheine, offenbarte er dem verblüfften Kollegen Latz, steckten in den beschlagnahmten Gasflaschen. Als ein Ingenieur vorsichtig deren Oberteile abtrennte, quollen ihm die zerknüllten Noten entgegen.

Der Erlemann-Vertraute erklärte zwei Tage später die Vereinbarung für null und nichtig - und bekam recht: Im Rahmen eines Arrestverfahrens bestätigten ihm die Richter des Kölner Landgerichts, der Vertrag sei »treuwidrig herbeigeführt und in sittenwidriger Weise erlangt worden«. Ins Urteil schrieben sie »nmißverständlich: Da das von RA Reichenbach angebotene Lösegeld » » ... ohnehin von der Polizei entdeckt worden wäre, hätte es, » » um eine redliche Verhandlungsführung über eine eventuelle » » Belohnung zu begründen, der Offenbarung dieser Tatsache durch » » .. Reichenbach bedurft. Statt dessen erstrebte er Vorteile » » für seinen Mandanten, die er bei redlichem Vorgehen nicht » » erwarten durfte. »

Während das Landgericht Reichenbachs Verhalten allenfalls als »unredlich« kritisierte, schlug der 2. Zivilsenat des Kölner Oberlandesgerichts, von Reichenbach angerufen, als nächsthöhere Instanz kräftig zu. Die Vereinbarung sei »nichtig und rechtlich unbeachtlich«, hielten die Richter fest. Es erscheine bereits fraglich, ob »nicht der Arrestbeklagte (Dieter Dutz) und sein damaliger Rechtsanwalt Reichenbach durch die Herbeiführung dieser ''Vereinbarung'' gemeinschaftlich den Tatbestand der Erpressung erfüllt haben«. Die Vereinbarung habe »bezweckt, einem verbrecherischen Erfolg mit unlauteren Mitteln zivilrechtliche Bestandskraft zu beschaffen«.

Der Senat brauche freilich diese »strafrechtliche Vorfrage« nicht zu entscheiden. Dies tat die Kölner Staatsanwältin Marianne Globke, nachdem ihr das Oberlandesgericht »wegen der Möglichkeit einer strafbaren Handlung« (OLG-Sprecher Bernd Brüggemann) das Aktenbündel zur Auswertung überlassen hatte. Sie arbeitet derzeit an den Vorbereitungen für eine Anklageschrift.

Ihre Rechtsauffassung deckt sich allerdings nicht mit der Meinung der Kölner Oberlandesrichter: Während der Senat Reichenbachs Tat in die Nähe von Erpressung rückte, geht die Staatsanwaltschaft von versuchtem Betrug aus.

S.61

Da das von RA Reichenbach angebotene Lösegeld ... ohnehin von der

Polizei entdeckt worden wäre, hätte es, um eine redliche

Verhandlungsführung über eine eventuelle Belohnung zu begründen, der

Offenbarung dieser Tatsache durch .. Reichenbach bedurft. Statt

dessen erstrebte er Vorteile für seinen Mandanten, die er bei

redlichem Vorgehen nicht erwarten durfte.

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S.58Horst Dutz (2. v. l.), Karl-Heinz Odenthal (3. v. l.), Werner Dutz(r.) vor dem Landgericht Köln im September 1981.*

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