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FDP Löwe als Bettvorleger

FDP-Chef Lambsdorff soll vorzeitig abtreten, raten ihm Parteifreunde und -feinde.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Jürgen Möllemann ahnte, was da kommen würde. Vor Ostern schon, im internen Kreis, hatte der rheinland-pfälzische FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle im Beisein des Bonner Kollegen das heikle Thema geradeheraus angeschnitten: »Möllemann muß noch in diesem Jahr ran.«

Ein neues Erlebnis für den karrierebewußten Aufsteiger: Er braucht nicht zu kämpfen wie bisher. Ihn ereilt offenbar schon zuvor der Ruf, möglichst noch in diesem November auf dem Parteitag als Nachfolger von Otto Graf Lambsdorff den Vorsitz der FDP zu übernehmen.

Vorige Woche legte Brüderle auch öffentlich massiv nach. Er machte den derzeitigen Parteichef verantwortlich für die schwierige Lage der FDP in Rheinland-Pfalz, wo am 21. April gewählt wird; die Plakate zur Bundestagswahl mit der Parole, die FDP sei die Steuersenkungspartei, habe er nicht vergessen - »und auch nicht, wessen Kopf daneben prangte«.

Brüderles Taktik ist ziemlich durchsichtig. So wie Lothar Späth 1988 im baden-württembergischen Landtagswahlkampf auf Distanz ging zu Kanzler Helmut Kohl, dessen Ansehen damals gegen Null tendierte, so sucht auch der Mainzer FDP-Landeschef durch eine Absetzbewegung von Bonn im Endspurt vor dem Wahltag Stimmen für seine Partei zu gewinnen. Aber er vollführt keineswegs eine Solonummer. »Die Unruhe in der Partei ist schon sehr groß«, weiß auch Lambsdorffs Stellvertreterin Irmgard Adam-Schwaetzer. Die Qualitäten des Vorsitzenden stehen zur Diskussion. Zahlreiche Landesverbände drängen auf einen Wechsel.

Im Auftrag der östlichen Bundesländer überbrachte ein Emissär Möllemann den offiziellen Wunsch nach Ablösung Lambsdorffs. Der brandenburgische Vorsitzende Manfred Fink kündigte eine gemeinsame Initiative gegen den Vorsitzenden an. Auch der Bonner Bildungsminister Rainer Ortleb, einst Chef der Ost-Liberalen, berichtete davon, wie mies die Stimmung gegen den Grafen in der Ex-DDR sei.

Im Norden favorisiert der schleswigholsteinische Landesvorsitzende Wolfgang Kubicki seit langem schon Möllemann als Nachfolger. Auch in Baden-Württemberg ist, wie Georg Gallus dem Lambsdorff-Vorgänger Hans-Dietrich Genscher erzählte, der Ruf nach Möllemann laut zu vernehmen. Widerspruch kam hingegen aus Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Bayern.

Die Motive für das Unbehagen sind unterschiedlich; aber alle Kritiker sind besorgt, daß die FDP in Bonn zur »Dame ohne Unterleib« (Brüderle) werden könnte, zu einer Partei ohne Basis. Nach dem Ende der Koalitionen mit der CDU an der Saar, in Berlin, Niedersachsen und zuletzt in Hessen sind die Liberalen nur noch in Hamburg - Wahl im Juni - und vielleicht nicht mehr lange in Rheinland-Pfalz an der Regierung beteiligt. »Politiker werden unruhig«, weiß FDP-Vize Gerhart Baum aus Erfahrung, »wenn sie Angst um ihre Mandate haben.«

Im östlichen Teil der Bundesrepublik hat Lambsdorff nie so recht Sympathien gewonnen: Ihm wird dort soziale Kälte vorgeworfen. Seine kurzangebundene Art wirkt auf die ohnehin komplexbeladenen Ostdeutschen allzu barsch. »Die vermissen sprachliche Wärme«, beschreibt Adam-Schwaetzer deren Gemütszustand.

Nach dem allgemeinen Eindruck der liberalen Parteifreunde ist der 64jährige Vorsitzende in letzter Zeit schlaff geworden. In langweiligen Sitzungen genehmige er sich schon mal ein Nickerchen, wird erzählt. Eifrig aber reise der Chef in der Welt herum, halte Vorträge gegen stattliche Honorare für die »von der Wenge GmbH«, seine Privatfirma, und habe mit Cornelia Schmalz-Jacobsen, so ein Präsidiumsmitglied kurz und bündig, eine Generalsekretärin, »die nix bringt«.

Der entscheidende Vorwurf aber lautet: Der alte Haudegen hat inzwischen die politische Orientierung verloren. Allzu häufig baue er Positionen auf, die er nach einem Privatissimum beim Kanzler schnell wieder räumen müsse. Erst markige Sprüche, dann lieb und nett bei Hofe - manche Parteifreunde erinnert das Verhalten an den späten Franz Josef Strauß ("Als Löwe gesprungen, als Bettvorleger gelandet").

Nach diesem Muster leistete sich der Graf gerade in jüngster Zeit eine Fehlleistung nach der anderen. Apodiktisch verkündete er vor den Koalitionsgesprächen Anfang des Jahres, der Wehrdienst müsse auf neun Monate verkürzt werden - es blieb bei zwölf Monaten.

Oder: Die FDP wähle den Bundeskanzler nicht, wenn die DDR nicht zum Steuerniedriggebiet erklärt werde - eine leere Drohung. Der Graf wollte Möllemanns Aufstieg zum Wirtschaftsminister verhindern - eine glatte Bauchlandung.

Den ärgsten Verdruß aber bereitete der Graf den Seinen, als er stramm behauptete, mit der FDP gebe es keine Steuererhöhung, nie und nimmer. Genscher, Möllemann, Baum und Adam-Schwaetzer warnten im Präsidium vor einer solchen Festlegung: Die Lage sei derzeit unübersehbar. Eine Einschränkung aber, »nach heutigen Erkenntnissen« sei eine Steuererhöhung nicht nötig, lehnte der Graf ab, bis die Regierung genau anders entschied.

Nach diesen Erfahrungen fragen die Parteifreunde, ob ihr Vorsitzender die politische Lage noch kompetent einzuschätzen vermag. Die Folge, klagt einer der Kritiker, sei ein Glaubwürdigkeitsverlust des Grafen und der Partei: »Wenn einer sagt, dies und das sei nicht mit der FDP zu machen, erntet er jetzt nur homerisches Gelächter.«

Genscher versuchte vorige Woche die plötzlich aufkommende Führungsdiskussion zu beenden; die Debatte nütze nur dem politischen Gegner. Er war aber vor allem alarmiert, als ihm zugetragen wurde, Lambsdorff strebe - entgegen allen öffentlichen Beteuerungen - nach dem Außenministerium. Genscher merkte auch, daß die Forderung nach dem Generationenwechsel, zumal die kesse Erklärung Brüderles, »man will neue Gesichter sehen«, ihn genauso wie Lambsdorff trifft.

»Die da in Rede stehen«, meinte der Außenminister sibyllinisch, »müßten großes Interesse daran haben, ihr Interesse nicht zu bekunden.«

Möllemann jedenfalls hat verstanden: »Ich will das bis 1993 hinausschieben.« Bei allem Engagement und Fleiß, bei allem Talent zur Selbstdarstellung und zur praktischen Durchsetzung, so die Einschätzung auch von Freunden, sei sein Problem immer noch der Mangel an Solidität.

Bislang habe er, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung, nur Durchsetzungsvermögen »als nackte Gabe« gezeigt, an der alles und nichts festzumachen sei. Es fehlten Grundüberzeugungen. Erst in seinem neuen Amt hat er die Chance, Statur zu gewinnen. »Er wäre bekloppt, wenn er jetzt schon anträte«, findet Parteifreundin Adam-Schwaetzer, »mit seinem Wirtschaftsministerium hat er genug zu tun.« Denn: »Im Sommer geht es rund in der DDR.«

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