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INDIEN Löwen vor der Tür

Deutschen Politikern, Diplomaten und Wirtschaftsbossen fehlt der Zugang zu Indiens Premier Radschiw Gandhi. Ein Spionagefall sorgt für weitere Trübung der Beziehungen. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Früher war für Bonner Indien-Reisende alles so einfach, eine Audienz bei der Premierministerin kein Problem.

Indira Gandhi liebte das Plaudern und Predigen. Sie war bereit, selbst politische Leichtgewichte vom Rhein zu empfangen.

Heute dringen nur handverlesene Auserwählte zum dritten Herrscher der Nehru-Dynastie vor. Denn Radschiw Gandhi, 41, Indiras Ältester und Amtsnachfolger, verabscheut den Leerlauf diplomatischer Routine, haßt die Pflichtübungen des Protokolls.

Vergangenen Herbst fand Radschiw keine Zeit für Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg, diesen Januar bloß ein paar Minuten zum Phototermin für den Stuttgarter Weltreisenden Lothar Späth. Und auch Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann, der »geborene Außenminister« (Bangemann), wartete vergangene Woche auf seinem Indien-Trip vergebens auf einen Termin. Mit wem es nichts Substantielles zu bereden gibt, den will der vormalige Berufspilot nicht sehen. Den jungen Premier interessieren vorwiegend Gesprächspartner, von denen er sich etwas erhoffen kann für seinen Traum, Indien technologisch ins 21. Jahrhundert zu katapultieren.

Die Visite des Freidemokraten Bangemann fiel in eine Phase von Irritationen, wie sie solchermaßen das Verhältnis zwischen Neu-Delhi und Bonn noch nie beeinträchtigt haben. Obwohl Indien nach wie vor größter Empfänger westdeutscher Entwicklungshilfe ist (bis heute über neun Milliarden Mark) und es

keine fundamentalen Probleme gibt, hat Bonns Ansehen in Delhi gelitten.

»Ihr Westdeutschen habt einfach noch nicht kapiert, daß unter Radschiw ein neuer Wind weht«, urteilt ein Europa-Experte im Außenministerium, »Japaner, Amerikaner und Franzosen laufen euch den Rang ab.«

Schlafmützigkeit muß sich besonders die deutsche Wirtschaft vorwerfen lassen. Im Kampf um einen der zukunftsträchtigsten Märkte der Welt reagieren Bonns westliche Konkurrenten mit Projektofferten behender.

Zu einer Belastung für das Verhältnis zwischen Bonn und Delhi droht sich nun die Verwicklung der deutschen Botschaft in einen Spionagefall auszuwachsen - in die Affäre Rama Swarup.

Ein undurchsichtiger Charakter, dieser 53jährige Geschäftsmann, Gelegenheitsjournalist und Lobbyist. Vom Westen wurde der Antikommunist seit Mitte der fünfziger Jahre als Einflußagent finanziert, benutzt vor allem zum Organisieren antisowjetischer Kampagnen in Indien. Seine Kontaktleute - Politiker, Abgeordnete, prominente Journalisten - sahen sich mit schönen Auslandsreisen belohnt.

Seit dem 28. Oktober 1985 sitzt Rama Swarup in Haft. Der polizeiliche Ermittlungsbericht wirft ihm vor, fortlaufend vertrauliche Dokumente und Staatsgeheimnisse an die USA, Taiwan, Israel und an Bonn verraten zu haben.

Als seine Abnehmer werden neun amerikanische und zwei deutsche Diplomaten genannt, die Indien allerdings schon längst verlassen haben.

So der Legationsrat Pius Fischer, in zwischen Pressereferent bei der Botschaft im Vatikan, und der Ex-Journalist Rolf Breitenstein. Einst Redenschreiber für Helmut Schmidt und heute für Hans-Dietrich Genscher, leitete er von 1982 bis 1985 an der Vertretung in Delhi das politische Referat.

Gleichsam automatisch waren Breitenstein und Fischer als Betreuer der »Indisch-deutschen Parlamentariergruppe« an Rama Swarup geraten, der für diesen Kreis Treffen, Einladungen und Gesprächspartner arrangierte. Dafür erhielt er zuletzt von der Botschaft 2000 Rupien, rund 400 Mark, pro Monat.

Die Parlamentariergruppe sei 1978 »auf Ersuchen amerikanischer Geheimdienstoffiziere mit dem Einverständnis westdeutscher Diplomaten von Swarup gestartet« worden, behauptet der 24seitige Untersuchungsreport von Delhis Spionagefahndern. Hauptziel sei gewesen, indische Politiker »zu kultivieren«, die dann auch »bestimmte Fragen im Parlament hochbringen sollten, an denen Länder wie die USA und Westdeutschland ein vitales Interesse besaßen«.

Bizarre Verknüpfungen und Spionageanschuldigungen, die ein Sprecher der Botschaft Bonns salopp als »absoluten Quatsch« abtat. Das mag sein, doch von den Amerikanern soll Swarup (Deckname: »72") laut indischen Presseberichten immerhin monatlich 100000 Rupien für seine Auslagen erhalten haben sowie 20000 für den Privatgebrauch.

Zwei Staatsminister aus Gandhis Kabinett, die der Ermittlungsbericht als Kontakte erwähnt, sind inzwischen zurückgetreten, weitere Demissionen werden erwartet. Rama Swarup aber hält das Ganze »für eine Intrige des KGB«.

Kaum zu erwarten steht, daß Bonns Diplomaten diese Mißstimmungen auszuräumen vermögen, zumal sie sich ohnehin schwertun mit dem Ex-Piloten Gandhi und dessen alertem Technokratenteam. Der Botschafter-Platz in Delhi galt den Personalplanern des Bonner AA von jeher als ein Posten für »ältere Herren im Auslaufen«.

Bonns gegenwärtigem Chefvertreter Günther Schödel, 63, stehen Delhis Regierende distanziert gegenüber. Daran ist Schödel, vorher Amtschef in Peking, nicht unschuldig. Vor allem seine ständigen Lobpreisungen auf die »Erfolge« der Chinesen nerven die Inder.

Mitgebrachte chinesische Gipslöwen postierte Bonns Botschafter stolz vor dem Eingang seiner Residenz als Wächter - keine ausgesprochen kluge Idee in einem Land, das nach seiner demütigenden Niederlage im Himalaja-Krieg 1962 noch immer seine Grenzprobleme mit dem benachbarten Reich der Mitte nicht beigelegt hat.

Auch sonst fällt das Auftreten dieses biederen Seniors gelegentlich aus dem Rahmen. Sikhs, denen ihre Religion das Rauchen streng untersagt, bietet Schödel auf Empfängen schon mal dicke Zigarren an. Und den Schriftsteller Khuschwant Singh verblüffte er, als er eine Einladung zur Besichtigung seiner Privatresidenz im Lübke-Englisch vortrug, das ein peinliches Mißverständnis implizierte: »Do you want to come now and visit my private parts?«

Um den Abbau der Verstimmung wollen sich demnächst zwei Besucher gemeinsam bemühen, die ansonsten politisch wenig verbindet: Zu Ostern fliegt Johannes Rau nach Indien, einen Monat später will dort Helmut Kohl auf dem Wege zum Weltwirtschaftsgipfel in Tokio ebenfalls mehrere Tage Station machen.

Die Verhandlungen dazu führten die Inder an Schödel und Genscher vorbei direkt mit Kanzler-Berater Teltschik. _(Mit Ehefrau Ursula. )

Mit Ehefrau Ursula.

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