Zur Ausgabe
Artikel 60 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Am Rande Logik-Lücke

aus DER SPIEGEL 52/1999

Mal ehrlich, würden Sie ein Buch kaufen mit dem Titel »Lecker englisch kochen«? Würden Sie FDP-Chef Wolfgang Gerhardt um Rat bitten, wenn Sie Erfolg in der Politik haben wollen? Oder Helmut »Amnesius« Kohl Glauben schenken, wenn er über Treu und Redlichkeit referiert?

Nein? Eben. Wenn zwischen dem Sender einer Nachricht und ihrem Inhalt eine Glaubwürdigkeits-Lücke klafft, kommt die Nachricht nicht an. Deshalb wurde auch kaum zur Kenntnis genommen, dass die Hamburger CDU neulich die klassenlose Gesellschaft gefordert hat. Entweder stimmt das nicht, denkt sich da der Leser, oder irgendein durchgeknallter CDU-Ossi hatte einen Rückfall in alte Blockpartei-Zeiten.

Aber nein, es stimmt: Die CDU will in der Hamburger S-Bahn die erste Klasse abschaffen. Der Grund ist allerdings überzeugend: Schwarzfahrer aus der Unterschicht haben nämlich entdeckt, dass es in der ersten Klasse genauso teuer ist, erwischt zu werden wie in der zweiten - aber erheblich bequemer. Und bevor der Geruch von Sozialhilfeempfängern und Asylbewerbern sich im Pelzmantel festsetzt, wollte die CDU handeln. Nur wie?

Armut verbieten? Wäre eine Lösung, geht aber leider nicht. Schwarzfahren verbieten? Auch gut, ist aber schon verboten. Erster Klasse verbieten? Super Idee. Nur, äh, wird dann nicht automatisch die zweite zur ersten? Hockt dann nicht das ganze Gesocks wieder um die Reichen herum? Da klafft keine Glaubwürdigkeits-, sondern eine Logik-Lücke. Ach, wieder eine Nachricht, die nicht angekommen ist.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 60 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.