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FEIERSCHICHTEN Lohn der Angst

aus DER SPIEGEL 52/1958

Der Vorstand der Industriegewerkschaft Bergbau schickte an einem der letzten Sonntage besonders redegewandte Spitzenfunktionäre ins Land, um die Bergleute in einer Reihe von Versammlungen über die Lage des westdeutschen Steinkohlenbergbaus zu informieren. Die Redner hatten es nicht leicht, ihre Mission zu erfüllen. 27 Diskussionsteilnehmer zerpflückten in Bottrop die Ausführungen des hauptamtlichen Bergarbeiter-Funktionärs Wallbruch und brachten die Kumpels in solch handfeste Diskutierstimmung, daß Wallbruch es vorzog, auf sein Schlußwort zu verzichten.

Dabei hatten die Funktionäre ihren Mitgliedern nichts anderes als die Wahrheit gesagt, nämlich: Die Halden an der Ruhr, die mittlerweile über 13 Millionen Tonnen Kohle und Koks umfassen, sind nicht allein wegen der schlechten Absatzlage so hoch, sondern auch wegen des »unmäßig gesteigerten Arbeitstempos«. Die Kumpels stellen seit Beginn der Kohlenkrise von Monat zu Monat neue Abbaurekorde auf und türmen dadurch die Halden im Ruhrgebiet immer höher.

Die steigenden Akkordleistungen der Kohlenhauer - sonst von den Zechenleitungen sehr geschätzt - werden diesmal an der Ruhr nicht so gern gesehen, weil sie dem Rezept entgegenwirken, mit dem die Unternehmen die Absatzkrise zu mildern gedachten.

Die Zechen wollten sich der sinkenden Nachfrage nach Steinkohle durch eine Fördereinschränkung anpassen und verordneten deshalb Entlassungen. Sie kämmten ihre Belegschaften auf Bummelanten und Faulenzer durch und verhängten außerdem eine Einstellungssperre. Die normale Abwanderung von Bergleuten - mehr als 1000 Kumpels verlassen monatlich die Zechen - wurde nicht mehr wie bisher durch Neueinstellungen wettgemacht. Auf diese Weise verringerten die Zechen ihre Untertagebelegschaft in den letzten elf Monaten um mehr als 16 000 auf 328 000 Arbeiter.

Regelmäßige Feierschichten sollten zudem die Produktion weiter drosseln. Die Unternehmen rechneten aus, daß pro Mann durch jede solche ausgefallene Arbeitsschicht etwa 1,5 Tonnen Kohle weniger gefördert würden. So mußten die Kumpels bisher 2,5 Millionen Feierschichten einlegen. Durch beide Maßnahmen - Entlassungen und Feierschichten - hätte theoretisch die Steinkohlenförderung dieses Jahres um mindestens drei Millionen Tonnen unter die Förderung des Vorjahres - 134,3 Millionen Tonnen absinken müssen.

Sie zeitigten jedoch einen anderen als den beabsichtigten Effekt: »Der anfangs leichte Druck der ersten Feierschichten auf die Bergarbeiter«, so heißt es in einem Kommunique der IG Bergbau, »ist mit der weiteren Zuspitzung der Absatzlage durch eine massive Existenzangst der Bergarbeiter abgelöst worden.«

Die Ruhrkumpels reagierten auf die Förderbremsen der Zechendirektionen mit steigenden Abbauleistungen. Die Förderung je Mann und Tag, die sogenannte Schichtleistung, die zuzeiten des größten Kohlemangels unter 1600 Kilogramm pendelte, kletterte kräftig in die Höhe. Sie betrug

- im Januar 1958 1 633 Kilogramm,

- im März 1958 1 657 Kilogramm,

- im Juni 1958 1 679 Kilogramm,

- im September 1958 1 688 Kilogramm.

Klagte das Vorstandsmitglied der IG Bergbau, Fritz Pott, der selbst lange Jahre seines Lebens als Bergmann verbrachte: »Die Steigerung der Schichtleistung ist der Versuch der Bergleute, den infolge der Feierschichten entstandenen Lohnausfall mit einem höheren Akkordverdienst auszugleichen.«

Jede Feierschicht mindert die Einkünfte eines Bergmanns, der die vorgegebene Normleistung erfüllt, um durchschnittlich, 25 Mark (Durchschnittseinkommen im Monat etwa 650 Mark brutto). Da er im Akkord eingesetzt ist, kann er jedoch seine normale Förderleistung steigern und somit einen Teil des Lohnausfalls wieder hereinholen.

Für die Kumpels bringt die Verminderung ihrer Lohneinkünfte schwerwiegende private Probleme mit sich. Sie haben fast ausnahmslos Raten abzutragen und sind deshalb auf ihren vollen Lohn angewiesen. Da zudem die Stahlindustrie stagniert und die Bauindustrie vor ihrem traditionellen Winterschlaf steht, ist eine Abwanderung zu vollen Löhnen in andere westdeutsche Industriezweige kaum mehr möglich.

Die gegenwärtige Situation des Ruhrbergbaus erinnert viele an die Lage während der großen Weltwirtschaftskrise: Auch zwischen 1929 und 1932 bauten die Zechen ihre Belegschaften radikal ab; an jedem 15, und letzten Tag eines Monats setzten sie jeweils 49 Bergarbeiter auf die Straße (bei diesen dosierten Entlassungen brauchten die Zechen keine Genehmigung der Arbeitsämter einzuholen, die sich erst bei Entlassungen von 50 und mehr Arbeitern automatisch einschalten). Von 1929 bis 1932 verringerte sich die Untertagebelegschaft der Ruhrzechen von 376 000 auf 220 000 Mann, zugleich stieg damals die Schichtleistung der am Kohlestoß verbliebenen Kumpels rapide von 1271 auf 1628 Kilogramm an.

Nicht anders heute. Der Betriebsrat der Mannesmann-Zeche »Hugo« in Gelsenkirchen-Buer, deren Belegschaft bereits 16 Feierschichten einlegen mußte, gestand dem Gewerkschaftsfunktionär Fritz Pott: »Du ahnst gar nicht, wie wir gewisse Kumpels bremsen müssen. Die hauen rücksichtslos in die Kohle und gucken nicht nach links und rechts.«

Diesem Umstand ist es auch zuzuschreiben, daß während der letzten Monate zugleich mit den Schichtleistungen die Arbeitsunfälle vor Ort beträchtlich zugenommen haben.

Der Arbeitseifer wird nicht zuletzt durch das Vorhaben der Zechen, nächstes Jahr bis zu 100 000 Bergarbeiter zu entlassen, hochgehalten. Keiner will wegen mangelnder Leistungen zu denjenigen gehören, die sich eventuell im Frühjahr als erste nach einer neuen Beschäftigung umtun müssen.

So ist es zu erklären, daß trotz 16 000 Entlassungen und 2,5 Millionen Feierschichten die gesamte westdeutsche Steinkohlenförderung dieses Jahres um mehr als eine Million Tonnen über der Produktionsziffer des Vorjahres liegen wird.

Unverkäufliche Ruhrkohle: Förderrekord trotz Kurzarbeit

Bergbau-Gewerkschaftler Pott

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