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TV-DARSTELLER »Loriot war knallhart«

Schauspieler Heinz Meier über seine Erlebnisse mit Vicco von Bülow und andere Fernseherfahrungen
aus DER SPIEGEL 36/2003

Meier, 73, war 1953 Mitbegründer des »Wallgraben Theaters« im badischen Freiburg und wurde 1977 bundesweit durch den Loriot-Sketch »Der Lottogewinner« bekannt - darin spielte er den Rentner Erwin Lindemann, der mit dem Gewinn eine »Herrenboutike« in Wuppertal aufmachen und eine Reise zum Papst unternehmen will. Zurzeit wiederholt die ARD freitags die berühmtesten Loriot-Sketche. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Meier, können Sie sich erklären, warum Loriot, der in seinen Sketchen die Hauptfiguren selbst dargestellt hat, ausgerechnet beim »Lottogewinner« eine Ausnahme gemacht und Sie genommen hat?

Meier: Er versteht es ja selbst nicht. Er hat mir mal gesagt: »Zwei große Fehler hab ich gemacht: Ich hab mein Haus nicht unterkellert, und ich habe Sie den Lindemann spielen lassen.«

SPIEGEL: Wie kam es denn zu der Zusammenarbeit?

Meier: Es war Anfang der siebziger Jahre, und ich kannte natürlich die Loriot-Satiren über das deutsche Fernsehen, über Grzimek und von Ditfurth, und fand sie großartig. Damals habe ich viel für den Süddeutschen Rundfunk gedreht, auch Hörspiele gemacht. Und eines Tages kommt der Besetzungschef vom Stuttgarter Sender auf mich zu und sagt: »Hören Sie mal, der Loriot, der braucht für seine neuen TV-Sketche einen, der wie ein ganz normaler Mensch Ja und Nein sagen kann. Wollen Sie das machen?« Selbstverständlich wollte ich. Also spielte ich meinen ersten Loriot-Sketch, »Der Astronaut«. Und von diesem Tage an waren Bülow und ich ziemlich unzertrennlich.

SPIEGEL: Wie war Vicco von Bülow als Regisseur?

Meier: Unerbittlich. Der ließ nichts durchgehen - er war auch knallhart gegen sich selbst. Er hat uns teilweise zum Wahnsinn getrieben: Nein, das war nichts; noch mal, noch mal, noch mal. Stunden und Stunden drehten wir an einer Szene. Und er hatte ja alle Zeit, die er wollte. Eine Woche, zehn Tage drehten wir an einer 45-Minuten-Folge von »Tele-Visionen«. Aber nach fünf, sechs Jahren hatte Loriot genug. Mir hatte er mal gesagt, es sei für ihn ein wahnsinniger Druck, alle sechs Monate so eine Sendung zu produzieren. Und er ließ sich nicht gern unter Druck setzen. Jedenfalls ist heute keiner mehr so penibel und gründlich beim Produzieren. Ich habe auch bei der ARD-Sketch-Serie »Nur für Busse« mitgemacht.Das ging viel schneller.

SPIEGEL: Wie muss man sich die Stimmung am Loriot-Set vorstellen? Locker?

Meier: Nee, so locker war das nicht. Volle Konzentration bei allen. Locker wurde es

erst hinterher. Und zwar sehr locker. Loriot hat sehr gern gegessen und getrunken. Einer hat ihn mal gefragt: »Finden Sie es nicht merkwürdig, Herr von Bülow, dass in Ihren Sketchen so viel gegessen wird?« Und er darauf: »Nö, wieso? Ich esse täglich!«

SPIEGEL: Seit den »Tele-Visionen« sind Sie als Erwin Lindemann einem großen Fern-

sehpublikum bekannt. Hat sich das für Sie ausgezahlt?

Meier: Wie man''s nimmt. Es ist natürlich eine feine Sache, für Loriot zu arbeiten. Ich war einer der Ersten im Ensemble und mit am längsten dabei. Aber ich bekam danach fast nur noch komische Rollenangebote, und darüber habe ich mich nicht so recht gefreut - mit Ausnahme der Rolle in Bruno Jonas'' Film »Wir Enkelkinder«. Vorher, in den sechziger Jahren, hatte ich nur ernsthafte Rollen gespielt. Und plötzlich bloß noch: »Hach, sind Sie nicht der Erwin Lindemann«, »Hallo Herr Lottemann, hihihi«. Mist.

SPIEGEL: Hat man denn in den sechziger Jahren gut verdient als Schauspieler?

Meier: Ich habe mich lange Zeit nicht besonders gut verkauft. Bis ich endlich dahinterkam, dass ich viel höhere Gagen hätte verlangen können. Bei der Gagenverhandlung für »Die Sonnenpferde« unter der Regie von François Villiers war das so: »Herr Meier, haben Sie denn Gagenvorstellungen?« - »Na ja, tausend Mark pro Tag müsst ich schon haben.« - »Hm. Herr Meier, es ist eine Co-Produktion.« - »Ja und?« - »Ich mein ja nur, wegen der Gage. Noch mal: Wie viel wollen Sie haben? Fünfzehnhundert pro Tag? Eine Co-Produktion, Herr Meier!!« - »Zweitausend!« - »Na also!«

SPIEGEL: Keine Feier ohne Meier. »Frau Rettich, die Czerni und ich« war 1998 ein erfolgreicher Kinofilm. Sie waren ...

Meier: ... vertreten mit einem halben Satz, den ich auch noch runterkürzte. Als Hamburger-Verkäufer sollte ich sagen: »Das macht Vierfünfundneunzig.« Beim Dreh sag ich zum Regisseur Markus Imboden: »Pass mal auf, wenn wir es aufs Nötigste reduzieren, klingt es noch authentischer: ,Vierfümmenneunzich!''« Imboden sagte: »Prima, so machen wir das.« Aber es war gut bezahlt: Für »4,95« bekam ich vierfünf: viertausendfünfhundert Mark.

SPIEGEL: Ihr bisher letzter Auftritt war in der SWR-Produktion »Goebbels und Geduldig": Sie spielten Goebbels'' Koch.

Meier: Ja, eine winzige Rolle mit Folgen. Ich musste ein halbes Reh durchs Bild tragen. Das haben sie noch schnell irgendwie besorgt und auseinander geschnitten. Das blutete und suppte durch die Klamotten durch und war voller Flöhe. Aber eine schöne Produktion. Waren auch alle sehr nett: »Ach, Sie sind doch der Loriot-Lindemann!« INTERVIEW: EVA MAYER-WOLK

* Mit Heinz Meier, Claus Dieter Clausnitzer.

Eva Mayer-Wolk
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