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FRANKREICH / JUSTIZ Los, macht schon

aus DER SPIEGEL 37/1966

Die Schüsse fielen vor sieben Jahren,

ihr Opfer trafen sie erst jetzt: Eine 1959 abgefeuerte MP-Salve droht die Karriere des linken Oppositionsführers Francois Mitterrand, 49, zu beenden jenes Sensations-Franzosen, der bei der letzten Präsidentenkür den stolzen de Gaulle zu einem demütigenden zweiten Wahlgang zwang.

Am 16. Oktober 1959 um 0.39 Uhr verließ Mitterrand das Prominenten-Lokal Lipp am Boulevard Saint-Germain, um mit seinem blauen Peugeot 403 nach Hause zu fahren. Nach wenigen hundert Metern entdeckte der Ex-Minister im Rückspiegel eine Renault Dauphine, die ihn offenbar verfolgte.

Mitterrand jagte seinen Peugeot um den »Jardin du Luxembourg«, stoppte an einer kaum beleuchteten Straßenkreuzung, sprang über den 1,18 Meter hohen Zaun des »Jardin de l'Observatoire« und versteckte sich dort.

Aus der Dauphine feuerte ein vermummter Insasse mit einer Maschinenpistole auf Mitterrands Wagen. Die Polizei zählte später 22 Einschläge.

Ganz Frankreich glaubte, das Attentat sei von den Ultras der berüchtigten geheimen Armee-Organisation OAS organisiert worden. Die OAS hatte Politikern Rache geschworen, die das bis dahin französische Algerien den Algeriern überlassen wollten. Mitterrand gehörte zu ihnen, die Links-Presse feierte ihn als Märtyrer.

Den Helden von damals stempelte Mitte August dieses Jahres - sieben Monate vor den Parlamentswahlen - ein Pariser Gericht zum politischen Hochstapler. Untersuchungsrichter Jean Sablayrolles entschied, das Attentat sei kein Attentat gewesen, und stellte das von der Staatsanwaltschaft wegen versuchten Mordes angestrengte Verfahren ein.

Im Zwielicht erschien Mitterrand erstmals sechs Tage nach dem mysteriösen Anschlag: Der OAS-Partisan Robert Pesquet - einst gaullistisches Mitglied der Nationalversammlung aus Mitterrands Wahlkreis Nièvre - stellte sich als Attentäter. Das vermeintliche Opfer, so behauptete er allerdings, habe den Überfall zwecks Publicity selbst bestellt.

Nach Pesquet war alles bis ins Detail mit dem linken Politiker abgesprochen worden. Als sein Schießkumpel Abel Dahuron und er wegen eines Liebespaares nicht gleich nach der Ankunft am Park abdrückten, habe sie Mitterrand angefeuert: »Nun los, macht schon.«

Zum Beweis verwies Pesquet auf einen Brief, den er einen Tag vor dem Schein-Attentat per Einschreiben postlagernd an Dahuron geschickt hatte. Darin hatte er Mitterrands Flucht -Route beschrieben und genau die Stelle angegeben, wo der Verfolgte über den Zaun springen würde.

Daraufhin gab der düpierte Senator von Nièvre zu, sich zweimal mit Pesquet getroffen zu haben - auf dessen Wunsch. OAS-Mann Pesquet - er wurde im August 1963 wegen Teilnahme an algerischen Attentaten in Abwesenheit zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt

- habe erzählt, daß er beauftragt worden sei, Mitterrand zu liquidieren.

Weil Pesquet seinen Landsmann aus Nièvre nicht meucheln wollte, empfahl er dem Ex-Minister - laut Mitterrand -, hinter dem »Jardin du Luxembourg« über den Zaun zu hüpfen.

Bei seiner ersten Vernehmung verschwieg der ehemalige Justizminister den Namen von Mitwisser Pesquet und handelte sich dafür ein Verfahren wegen Irreführung der Justiz ein. Mitterrand: »Wie konnte ich einen Mann verraten, von dem ich annahm, daß er mir das Leben gerettet hatte.« Später meinte er: »Ich bin in eine Falle gegangen.«

Während des Wahlkampfes gegen de Gaulle konnte der elfmalige Ex-Minister der IV. Republik jedoch sicher sein, daß die Gaullisten die Attentats-Affäre nicht aufwärmen würden. Grund: Als Justizminister hatte Mitterrand Akten beiseite geschafft, die brisantes politisches Belastungsmaterial gegen Wirtschaftsminister Michel Debré enthalten sollen. Debré war angeblich in das Bazooka-Attentat von 1957 gegen General Salan verwickelt (SPIEGEL 52/1959).

Gegen den Spruch des Richters Sablayrolles legte Mitterrand Revision ein. Zum SPIEGEL sagte er: »Wann und in welcher Form auch der Prozeß stattfinden mag, ich habe die Ruhe eines Mannes, der gute Argumente hat.«

Untersuchungsrichter Sablayrolles will seinerseits die beiden Auto-Attentäter weiter verfolgen: Er beschuldigt sie jedoch nurmehr, »auf einen leeren Wagen geschossen zu haben«.

Oppositionsführer Mitterrand

Auf Empfehlung des Attentäters ...

Durchlöcherter Mitterrand-Peugeot

... über den Zaun gehüpft

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