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Louis Farrakhan

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aus DER SPIEGEL 24/1985

ist der radikalste, wortgewaltigste Heilsapostel des schwarzen Amerika, der »wichtigste Sprecher der Enterbten und Niedergetretenen«, so Washingtons schwarzer Bürgermeister Marion Barry.

Farrakhan hämmert seiner Gemeinde ein, Amerikas schwarze Minderheit, 12 Prozent der Bevölkerung, habe innerhalb der bestehenden politischen Strukturen keine Chance, aus Elend und Unfreiheit aufzusteigen. Die einzige Hoffnung sieht der Prediger in einem schwarzen Separatismus: Schwarze sollen ihre eigenen Unternehmen gründen und nur dort kaufen, sollen eigene Schulen und Gotteshäuser besuchen, sollen keine Ehen mit Andersrassigen eingehen.

Die schwarzen Gettos in den USA sind seit den großen Unruhen in Miami 1980 nicht mehr explodiert, aber die Kluft zwischen Weiß und Schwarz hat sich unter Reagan noch vertieft. So nahm die Zahl der Dauerarbeitslosen unter den Weißen um 1,5 Prozent zu, unter den Schwarzen aber um 72 Prozent.

Und der Agitator Farrakhan hat Zulauf wie nie zuvor: Waren früher zu seinen Auftritten Hunderte gekommen, füllen nun Tausende von Schwarzen die Hallen, in denen Farrakhan spricht - 7000 in Atlanta, 7000 in Philadelphia, 15 000 in Chicago.

Schon umwerben Politiker des schwarzen Establishments den vor kurzem von ihnen noch verteufelten Radikalen. Auf der anderen Seite verdammte der US-Senat Farrakhan mit 95 gegen null Stimmen wegen »haßerfüllter antijüdischer und rassistischer« Reden: Farrakhan bezeichnet den jüdischen Glauben vom »auserwählten Volk« als Lüge und verkündet statt dessen, daß die amerikanischen Schwarzen von Gott auserwählt seien.

Er beruft sich dabei auf die Lehre von Elijah Muhammad, den Gründer der radikalen Politsekte »Nation of Islam« (populäre Bezeichnung: Black Muslims) aus den dreißiger Jahren: Gott habe zuerst die Schwarzen geschaffen; nach Jahrhunderten der Unterdrückung durch die weißen »Teufel« würden die Schwarzen wieder Macht und Würde erlangen.

Die bizarre islamische Sekte fand ihre Anhänger vor allem unter ungelernten Arbeitern, Arbeitslosen und Strafgefangenen, den Ärmsten und am wenigsten gebildeten Schwarzen. Die Black Muslims verhalfen vielen Schwarzen zu einem Leben ohne Alkohol und Drogen. Gleichzeitig aber erschütterten erbitterte Fraktionskämpfe die Sekte, deren bekanntester Führer, Malcolm X, 1965 ermordet wurde.

Nach dem Tod des Gründers Elijah Muhammad 1975 spalteten sich die Black Muslims in zwei Lager: *___Die »American Muslim Mission« von Warith D. Muhammad, ____einem Sohn des Sektengründers, hat die ____Nur-für-Schwarze-Doktrin aufgegeben und nähert sich dem ____traditionellen Islam. *___Louis Farrakhans »Nation of Islam« ist dagegen Elijah ____Muhammads Rassendoktrin treu geblieben.

Farrakhan wurde 1934 als Louis Walcott in Boston geboren. Er sang als Kind im Chor der St. Cyprian's Episcopal Church, machte sich in seiner Schulzeit als Leichtathlet einen Namen. Er schrieb ein Musical, »Orgena« (rückwärts: »A negro"), und trat unter dem Bühnen-Namen »The Charmer« als Sänger auf, bevor er 1955 zu den schwarzen Moslems stieß. Auf Wunsch von Elijah Muhammad gab er seine Showkarriere auf und übernahm - nun Louis X und später Louis Farrakhan - die Bostoner Moschee.

Elijah Muhammad schickte Farrakhan 1964 als seinen Vertreter nach Harlem, neben der Zentrale Chicago die Hochburg der schwarzen Moslem-Bewegung. Das Schwarzen-Magazin »Sepia« schrieb über Farrakhan: »Er ist ein besserer Prediger als Martin Luther King, er singt besser als (der Soul-Star) Marvin Gaye, sieht besser aus als (der Boxer) Muhammad Ali.«

In die Schlagzeilen der weißen Medien geriet Farrakhan erst 1984, als er den schwarzen Präsidentschaftsbewerber Jesse Jackson unterstützte. Er trat als Vorredner auf, stellte Jackson seine Leibgarde zur Verfügung und arrangierte die Befreiung des über dem Libanon abgeschossenen schwarzen amerikanischen Flieger-Offiziers Robert Goodman aus syrischer Gefangenschaft.

Im Februar bot Libyens Gaddafi Farrakhans »Nation of Islam« Waffen an und forderte die schwarzen US-Soldaten auf, aus den Streitkräften zu desertieren. Im Mai nahm Farrakhan eine Fünf-Millionen-Dollar-Anleihe des Libyers zur Förderung schwarzer Wirtschaftsunternehmen entgegen.

Daß der rassenbewußte US-Schwarze über sein Land hinaus bekannt ist, erfuhr Senator Edward Kennedy auf seiner Südafrika-Reise im Januar. Jugendliche Schwarze brüllten den Senator nieder und skandierten den Namen eines anderen Amerikaners - Louis Farrakhan.

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