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ENGLAND / RASSENKONFLIKT lt's coming

aus DER SPIEGEL 35/1967

David Turners letzte Hoffnung war Seife, Hope Cleghorns letzte Zuflucht das Gebet.

Der schwarze David, 9, schrubbte sich täglich mehrmals; so wollte er weiß werden. Doch er blieb, was er für seine hellen Klassenkameraden schon immer war -- ein »Nigger«. Davids Eltern verkauften ihr Haus in Hednesford und suchen jetzt tolerantere Nachbarn.

Der farbige Eisenbahner Hope Cleghorn, 29, betete -- unterstützt von seiner Kirchengemeinde in Walsall -- für eine schönere Wohnung unter Weißen. Aber für einen Kaffeebraunen hatten die Makler nichts in ihren Listen. Cleghorn erwägt jetzt die Auswanderung nach Kanada: »Hier ist ja doch kein Platz für uns.«

Unüberwindbar sind die Haut-Hürden, die 52 Millionen weiße Briten zwischen sich und ihren farbigen Mitbürgern errichtet haben. Obwohl im Besitz der vollen Bürgerrechte, sind die knapp eine Million Farbigen sozial benachteiligt. Sie wollen es nicht länger dulden.

Seit Amerikas Neger »Black Power« ausüben, mucken auch immer mehr britische Neger gegen Albions Apartheid auf. Seit Amerikas Neger-Gettos explodieren, rumort es auch in den Farbigen-Vierteln von Groß-London (wo allein fast die Hälfte aller dunklen Briten haust), in den Slums von Birmingham und im »Little Harlem« von Liverpool.

»Eine neue, militante Stimmung unter den Farbigen«, registrierte das Sonntagsblatt »Observer«. »Wenn nicht sofort radikale Maßnahmen getroffen werden«, ließ sich die »Times« von Rassenexperten belehren, »werden auch wir innerhalb von sieben »Jahren Aufruhr im Lande haben.« Ein Birmingham-Polizist: »lt's coming« -- es kommt.

Es kommt langsam. Englands Rassenproblem ist wesentlich jünger als das amerikanische. Abgesehen von unbedeutenden Sklaven-Importen, die schon 1772 verboten worden waren, hielten die Briten ihre Inseln bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts weiß.

Erst als die Premiers der Krone aus den Trümmern des Empire das Commonwealth bildeten, öffnete sich Britannien farbigem Zuzug; So wollte London die Gleichberechtigung aller Untertanen der britischen Majestät augenfällig dokumentieren -- und auch Nachwuchs für die Schmutz- und Schind-Berufe, für Müllabfuhr und Straßenreinigung, ins Land holen.

Angelockt vom englischen Lebensstandard (das Pro-Kopf-Einkommen war mit 425 Pfund je Jahr um 400 Pfund höher als beispielsweise in Indien), kamen leicht getönte Inder und Pakistani, kaffeebraune Westinder und ganz schwarze Schwarze aus Ghana und Nigeria, kamen Hindus und Heiden, Moslems und Anhänger von Zauber-Kulten.

Mit der farbigen Flut wuchs die Abneigung der heimischen gegen die fremden Eingeborenen, die ihre Häuser grell anstrichen, aus deren Küchen fremdartige (Curry-)Düfte drangen und die ihren Rasen nicht pflegten. 1958 erlebte England seine ersten Rassen-Unruhen -- Weiße waren die Feuerwerker.

Dennoch stieg die Zahl der Immigranten von Jahr zu Jahr. Als 1962 ein Rekord-Schub von 135 000 Commonwealth-Bürgern Bleibe in Britannien suchte, machte Premier Macmillan das Tor bis auf einen Spalt zu: Fortan sollten nur noch solche Ankömmlinge eingelassen werden, die vorher Arbeitsverträge mit britischen Firmen abgeschlossen hatten.

Labours Schatten-Außenminister Patrick Gordon Walker opponierte und verlor 1964 seinen Wahlkreis Smethwick (Birmingham) an einen Konservativen. Dessen Slogan: »Keine Nigger als Nachbarn.«

Nach dem nur knappen Wahlsieg drosselte Labour die Einwanderung noch stärker, versuchte aber gleichzeitig, die Integration »der bereits Eingelassenen voranzutreiben. »Der gute Name Englands« fordere das, mahnte ein Wilson-Weii3buch zur Schwarzen-Frage. Und: »Die Regierung glaubt, das gesunde Gefühl des britischen Volkes wird die Oberhand gewinnen.«

Die Justiz hilft dabei. Rassenhetze wird unnachsichtig verfolgt. Demnächst müssen sich fünf Weiße wegen der Äußerung, Farbige seien »potentielle Frauenschänder«, vor Gericht verantworten. Aber auch farbige Rassisten leiden unter britischem Gerechtigkeitssinn: So wird auch dem dunklen Michael de Freitas alias Michael Abdul Malik alias Michael X, britischer Sektionschef der militanten Negersekte »Black Muslims«, im September wegen seiner Hetze gegen die »weißen Affen« der Prozeß gemacht.

Aber gegen die soziale Diskriminierung, das achselzuckende Sorry auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt' blieb der Gesetzgeber machtlos. Unabhängig von der Qualifikation gilt die Faustregel: Je dunkler die Haut eines Einwanderers, desto geringer seine Chance auf einen gutbezahlten Facharbeiterposten. Für Afrika-Neger gibt es nur Handlangerdienste. »Die meisten Arbeitgeber glauben«, so verriet ein Arbeitsvermittler' »daß die Farbigen über größere sexuelle Potenz verfügen -- deshalb sind sie gegen die Neger.«

Wohnungsmakler lehnen es immer häufiger ab, sich für farbige Kunden zu bemühen. Von 20 weißen Kfz-Versicherern boten nur drei einem Westinder die üblichen Konditionen, die anderen forderten fast doppelt so hohe Versicherungsprämien.

Viele Jahre hindurch waren die Farbigen zu schwach und zu schlecht organisiert, um sich gegen Ausbeutung und Abweisung wehren zu können: Die helleren Inder blickten hochmütig auf die dunkleren Söhne und Töchter Jamaikas herab, die Westinder dünkten sich besser als die Afrika-Neger.

Doch Ende Juli protestierten erstmals die Neubriten aller Schattierungen gegen die Verbannung des amerikanischen Black-Power-Fanatikers Stokely Carmichael von englischem Boden. Auf Schallplatten werden sie seine zündende Botschaft dennoch hören.

»Black Power ist in England genauso notwendig wie in den USA«, sagte ein Farbigen-Führer dem »Observer«. Zunächst wollen die Farb-Briten die »schwarze Macht« noch im Rahmen der Gesetze ausüben. So planen die indischen Busfahrer einen Streik gegen die Vorschrift, hinter dem Steuer eine Fahrermütze tragen zu müssen. Sie wollen nur mit Turban chauffieren.

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