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Artikel 22 / 46

»LUCY« CONTRA OKH

aus DER SPIEGEL 12/1954

Aus dem Kriegstagebuch eines Sowjet-Spions / Von Alexander Foote

In der letzten Fortsetzung berichtete Alexander Foote, wie er auf Weisung der Zentrale Kontakt mit einem alten Agentenpaar namens »Lorenz« und »Laura« aufnahm, das die Verbindung mit der Zentrale verloren hatte und angeblich wieder tätig sein wollte. Durch das auffällige Verhalten des Ehepaares mißtrauisch geworden, bemerkte Foote, daß während eines Besuches bei dem Ehepaar die Taschen seines in der Halle abgelegten Mantels von »Laura« durchsucht worden waren.

Da ich im Hinblick auf »Lauras« ungestilltes Interesse an meinen Taschen vorsichtig geworden war, machte ich ihr natürlich die Sache so leicht wie möglich und füllte die Taschen bei meinen späteren Besuchen in der Villa mit harmlosen Papieren, die ich in einer bestimmten Reihenfolge aufeinanderlegte. Die Folge davon war, daß ich ganz eindeutig feststellen konnte: das Paar hatte sich, aus welchem dunklen Grunde auch immer, redliche Mühe gegeben, soviel wie möglich über meine Person in Erfahrung zu bringen.

Jeder Spion wird mit der Zeit krankhaft mißtrauisch, aber ich glaube nicht, daß mein Verdacht gegen »Lorenz« und »Laura« unberechtigt war Sie hatten ihr Bestes getan, um meine Personaldaten durch Inspektion meiner Taschen festzustellen - was man wohl schwerlich von einem befreundeten Spion zu erwarten hat; sie hatten sich außerdem alle Mühe gegeben, um zu entdecken, wo ich wohnte. Hinzu kommt, daß sie offensichtlich in Verhältnissen und in einem Stile lebten, den sogar die Zentrale in höchster Geberlaune kaum gebilligt haben würde. Sie hatten auch schon einige Zeit vor dem Kriege in Lausanne gelebt und es nicht für notwendig gehalten, die Zentrale darüber zu informieren, sondern hatten erst im Jahre 1941 damit begonnen, die Verbindung wiederaufzunehmen. Allein ihre Villa mußte etwa 70 000 Mark gekostet haben, und es wäre unmöglich gewesen, diese Summe Geldes auf ehrliche Weise von der Zentrale zu erhalten. Außerdem waren die Villa und der übrige Besitz auf »Lauras« Namen eingetragen, was der ganzen Sache einen noch etwas undurchsichtigeren Anstrich gab.

Ich übermittelte meine Verdachtsmomente, so gut ich konnte, dem Direktor, und bat ihn um die Erlaubnis, die Verbindung zu »Lorenz« und »Laura« nur über einen Mittelsmann aufrechtzuerhalten, weil ich damit jeder Moglichkeit aus dem Wege ginge, von ihnen einwandfrei erkannt zu werden, worum sie sich in den vergangenen Monaten so eifrig bemüht hatten.

Als Antwort erhielt ich aus Moskau das, was man gemeinhin nur als eine »Zigarre« bezeichnen kann. Ich erinnere mich dieses Spruches gut, weil er mich im Frühjahr 1943 erreichte, als meine Befürchtungen über »Lorenz« ihren Höhepunkt erreicht hatten. Sobald ich mit dem Entschlüsseln anfing, erkannte ich schon aus der Bezugsnummer, daß sich die Zentrale auf meine Meldung hinsichtlich der Zweifel und Befürchtungen bezog; voller Zweifel und Befürchtungen entschlüsselte ich die Antwort, die wenig dazu beitrug, meinen Seelenfrieden wiederherzustellen.

Der Direktor teilte mir mit, ich befände mich völlig auf dem Holzwege, und ließ deutlich durchblicken, daß ich unter Mißtrauen litte, »wie man es bei Außenposten findet, denen der Überblick fehlt« Er fügte hinzu, daß sowohl »Lorenz« als auch »Laura« lange Jahre hindurch treu mitgearbeitet hätten und die von ihnen gelieferten Informationen lebenswichtig seien. Schließlich sagte er noch, es sei wesentlich, daß ich den persönlichen Kontakt mit ihnen aufrechterhielte, weil nur auf diese Weise sichergestellt werden könne, daß ihr Informationsmaterial Moskau frühzeitig erreiche. Diese Auffassung verfehlte ihren Eindruck auf mich vollkommen. Auch nicht mit der kühnsten Phantasie konnte man - ja nicht einmal andeutungsweise - ihre Nachrichten mit denen vergleichen, die von »Lucy« kamen, sie erschienen mir im Gegenteil meistens schwülstig, weitschweifig und in höchstem Maße unwichtig. Befehle der Zentrale waren jedoch Befehle der Zentrale. und infolgedessen setzte ich meinen persönlichen Kontakt mit ihnen fort, bis sich ein besonders eklatanter Fall ereignete, der mich veranlaßte, die Beziehungen zu ihnen ein für allemal abzubrechen.

Es war im Frühsommer 1943, als »Lorenz« und »Laura« den letzten Versuch unternahmen, meine Identität festzustellen. Gewöhnlich besuchte ich ihre Villa am späten Abend, weil ich hoffte, daß in der Dunkelheit meine Besuche weniger leicht beobachtet werden könnten. In diesem einen Fall jedoch erhielt ich die Nachricht, »Lorenz« wünsche mich so dringend zu sprechen, daß er nicht bis zum Abend warten wolle, sondern daß ich noch am selben Mittag zu seiner Villa heraufkommen möge. Ich stieg mühsam den Weg zur Villa empor.

»Lorenz« begrüßte mich bei meinem Eintreffen auf das wärmste und führte mich in das Empfangszimmer, dessen Gardinen und Fensterläden geschlossen waren und wo es infolgedessen zum

Ersticken heiß war. Einen Hinweis darauf tat »Lorenz« leichthin mit der Bemerkung ab, das sei eine Vorkehrung gegen unliebsame Lauscher. Er übergab mir eine lange Meldung, die, wie er behauptete, die wichtigsten Informationen enthielt, die »Lambert« und »Barras« bis dahin überhaupt geliefert hatten. Sie handelte von Truppenbewegungen und enthielt militärische Nachrichten, die, falls zutreffend, von einem gewissen Wert gewesen wären. Die Meldung war jedoch von enormer Länge und außerordentlich weitschweifig abgefaßt. Im Laufe eines langen Gesprächs ging ich sie gleich mit »Lorenz« durch und versuchte, den Text auf eine etwas handlichere Form umzuredigieren. Nachdem wir das kurze Zeit in der dampfbadartigen Atmosphäre des Empfangszimmers getan hatten, troff ich von Schweiß und zog auf Drängen von »Lorenz« meinen Rock aus.

Nachdem wir den Text der Meldung, so gut wir konnten, zurechtgestutzt hatten, schlug »Lorenz« einen Rundgang durch den Garten vor, und wir traten durch die langen Schiebetüren hinaus auf den Rasen. Beim Hinausgehen schloß »Lorenz« »geistesabwesend« die Tür, die mit einem selbstschließenden Yale-Schloß versehen war. Die Folge davon war, daß wir ausgeschlossen waren und nach unserem Spaziergang um das Haus herum zur Vorderfront gehen mußten, um an der Eingangstür zu klingeln, die dann von »Laura« nach längerer Pause geöffnet wurde.

Ich war ganz sicher, daß es sich dabei wiederum um einen Versuch handelte, meinen Klarnamen dadurch festzustellen, daß »Laura« meine Rocktaschen durchsuchte, die sie vielleicht für ergiebiger hielt als meinen Mantel. Natürlich waren diese Bemühungen völlig fruchtlos, da ich meine Papiere immer noch in den Sacktaschen an der Vorderseite meiner Hose trug. Ich war gerade damit beschäftigt, mir selbst dazu zu gratulieren, auch dieser Falle entgangen zu sein, als ich in eine neue, fein ausgeklügelte hineinfiel. Die Eingangstür befand sich in einem Winkel zur Vorderfront des Gebäudes, und während ich mit »Lorenz« vor der Tür stand und darauf wartete, daß sie von »Laura« geöffnet würde, photographierte sie mich eifrig durch ein Loch im Fensterladen.

Das merkte ich damals natürlich nicht, sondern erfuhr es erst, als ich in Moskau war. Die Sowjets hatten die ganze Geschichte aus erbeuteten deutschen Dokumenten rekonstruiert. Tatsächlich waren »Lorenz« und »Laura« schon einige Zeit vorher zu den Deutschen übergegangen. Ihre hübsche Villa und ihr kostspieliger Lebensstil wurden von der deutschen Abwehr finanziert; die Nachrichten, die sie lieferten, wurden vom OKW zur Verfügung gestellt und bestanden aus einer klugen Mischung von Dichtung und Wahrheit. Die meisten zutreffenden Nachrichten waren unwichtige Tatsachen, deren Preisgabe an die Sowjets keinen Schaden anrichten konnte, oder Nachrichten über Truppenbewegungen usw., die für die Sowjets nutzlos waren, da sie sich nicht auf die Ostfront bezogen.

Anfang Juni erhielt ich Anweisungen von der Zentrale, einen Kurier aus Frankreich zu treffen und ihm Geld für das französische Netz zu übergeben. Man nannte mir für den Treff vier Tage und zwei Orte: die ersten beiden Tage innerhalb des Eingangs zur Drahtseilbahnstation in Ouchy, die letzten beiden Tage innerhalb des Haupteingangs zum Botanischen Garten in Genf.

Alle Treffs sollten am Mittag stattfinden; ich erhielt die notwendigen Treffparolen und Kontrollfragen sowie die Personenbeschreibung. wie der Kurier angezogen sein würde und was ich zu tragen hätte. An den ersten drei Tagen sprach mich niemand an, erst beim letzten Treff, dem zweiten Tag im Botanischen Garten, trat ein Mann auf mich zu, wir tauschten die richtigen Parolen aus, und ich übergab das Geld.

Der Direktor hatte mir befohlen, mich mit dem Kurier nicht zu unterhalten, sondern lediglich das Geld zu übergeben und dann fortzugehen. Der Kurier jedoch übergab mir seinerseits ein großes Buch, das in helles, orangefarbenes Papier eingewickelt war, und sagte, ich würde zwischen zwei Seiten drei verschlüsselte Sprüche finden, die ich dringend an die Zentrale auf dem Funkwege absetzen müsse. Er sagte außerdem, daß er wichtige Informationen hätte, die er weiterzugeben wünsche und schlug einen neuen Treff so bald wie möglich vor. Dazu nannte er einen Punkt bei Genf, der sehr nahe an der von den Deutschen kontrollierten französischen Grenze lag.

Dies alles erregte meinen Verdacht, da solche Geschwätzigkeit bei einem sowjetischen Agenten höchst ungewöhnlich war. Ich wurde mißtrauisch und nahm an, daß vielleicht der richtige Kurier verhaftet worden wäre, und ich an seiner Stelle einem Agenten der deutschen Abwehr gegenüberstände. Das orangefarbene Einwickelpapier konnte bequem als weithin leuchtendes Kennzeichen für jeden dienen, der mich nach Hause verfolgen wollte, und der Treffort nahe der Grenze war ausgezeichnet für eine Entführung nach bester Gestapoart geeignet. Was die verschlüsselten Sprüche anlangte, so konnten sie, wenn sie auch gefälscht waren, auf hervorragende Weise zur Identifizierung meines Senders dienen. Denn ich hatte keinen Zweifel darüber, daß die Deutschen schon seit geraumer Zeit unseren Funkverkehr abhörten, und wenn sie jetzt auf einer der von ihnen überwachten Funklinien plötzlich die drei Sprüche auffangen würden, die sie bei mir eingeschoben hatten, so würden sie den Sender sofort als den meinigen erkennen.

Ich versuchte, mein Mißtrauen so gut ich konnte zu zerstreuen. Ich sagte, ich könne den Treff in der angebrochenen Woche noch

nicht wahrnehmen, da ich anderswo zu tun hätte, und vereinbarte deshalb einen Treff für eine. Woche später. Beim Verlassen des Treffortes verbarg ich das Buch möglichst sicher unter meinem Rock und kehrte auf Umwegen nach Hause zurück, um einen etwaigen Verfolger abzuschütteln.

Bei meiner nächsten Sendezeit berichtete ich den Vorgang ausführlich dem Direktor, er gab mir recht und bestimmte, daß ich den Treff nicht wahrnehmen solle. Was die verschlüsselten Sprüche betraf, die sich, wie der Kurier gesagt hatte, aufgeklebt zwischen zwei Buchseiten befanden und mit einem Schlüssel chiffriert waren, den ich nicht kannte, so sagte mir der Direktor, ich solle sie durchgeben, aber nicht ohne sie vorher mit blinden Gruppen und durch abermaliges Überschlüsseln mit meinem eigenen Schlüssel so zu entstellen, daß sie für den Funkhorchdienst nicht mehr erkennbar waren und keinen Hinweis zum »Knacken« unseres Schlüssels liefern konnten.

Vierzehn Tage später teilte mir die Zentrale mit, daß mein Verdacht zu Recht bestanden habe, denn der Kurier sei ein deutscher Agent gewesen; ich müsse mich deshalb, da ich von wenigstens einem Mitglied der deutschen Abwehr erkannt worden sei, als gefährdet und wenigstens teilweise enttarnt betrachten. Ich solle deshalb alle Verbindungen mit Rado und seiner Gruppe abbrechen und nur noch meine eigenen V-Leute durch ein System von Mittelsleuten führen. Ich benutzte diese Gelegenheit, um endgültig mit »Lorenz« und »Laura« zu brechen, und berichtete Moskau, das geschähe deshalb, weil sie sich geweigert hätten, mit mir über einen Mittelsmann zu verkehren. Das war wahrscheinlich mein Glück, denn wie ich später in Moskau erfuhr, haben die Sowjets aus deutschen Beutepapieren festgestellt, daß ich bei meinem nächsten Besuch bei »Lorenz« entführt und nach Deutschland gebracht werden sollte.

Von der Zentrale bekam ich bald darauf Befehl, umzuziehen und mich irgendwo anders in der Schweiz niederzulassen. Das war leichter gesagt als getan, denn ich stand damals wieder in ständiger Funkverbindung mit der Zentrale und mußte damit rechnen, daß es sehr lange dauern würde, bis ich einen geeigneten

Ort gefunden und von der Polizei die Umzugserlaubnis erhalten hätte.

Der Grund dafür, daß ich täglich Funkverbindung mit der Zentrale hatte, lag in dem Befehl, die Verbindung mit Rado doch wieder aufzunehmen. Auch er war in Schwierigkeiten mit der deutschen Abwehr geraten und rechnete mit weiteren Zwischenfällen.

Er hatte zum Teil reines Pech gehabt. Eines Tages war er in einem Restaurant ganz zufällig auf einen früheren Sowjet-Agenten gestoßen, der vor dem Kriege zu den Deutschen übergegangen war. Der Agent erkannte ihn wieder, und Rado glaubte, seitdem von der deutschen Abwehr beschattet zu werden. Er war der Ansicht, auch die zum Netz gehörige Funkerin und Kurierin Margarete Bolli ("Rosa") werde überwacht, und hatte ihr deshalb das Funkgerät abgenommen.

Für seine Vermutung, daß auch »Rosa« überwacht werde, gab er keinen Grund an, und erst später erfuhr ich, daß er eine Sünde begangen hatte: er hatte Dienst mit Vergnügen verquickt und ein Verhältnis mit »Rosa« angefangen, und sie hatte sich in seiner Begleitung befunden, als er in dem Restaurant erkannt wurde.

Tatsächlich hatten die Deutschen einen Abwehragenten, einen gewissen Hans Peters, auf »Rosa« angesetzt. Es gelang ihm, »zufällig« die Bekanntschaft des Mädchens zu machen und diese Bekanntschaft rasch zur Freundschaft und mehr zu entwickeln. Sie wußte nicht, womit sie sich tagsüber die Zeit vertreiben sollte, da sie nicht anderes zu tun hatte, als in verschiedenen Nächten der Woche zu funken,

und war deshalb gar nicht abgeneigt, einen aufmerksamen jungen Mann stets auf Abruf in ihrer Nähe zu wissen. Er war in der Lage, sie auszuführen und zu unterhalten, und die deutsche Abwehr war nicht abgeneigt, dafür zu zahlen.

Die Lage, die Ende September 1943 in dem »kalten Krieg« zwischen der deutschen Abwehr und uns eingetreten war, zeigte einen eindeutigen Punktegewinn auf seiten der deutschen Abwehr. Sie hatte bedeutende Fortschritte in ihren Nachforschungen über unser Netz gemacht. Sie kannte meinen Namen, meine Adresse und die Tatsache, daß ich ein Netz leitete und einen Geheimsender in Lausanne betrieb. Sie kannte Rados Namen und Adresse und hatte einen V-Mann in seinem Netz eingebaut.

Auch die Schweizer waren in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben. Ursprünglich waren sie von einer Gelegenheitsquelle auf uns aufmerksam gemacht worden: Ein Angestellter des Fernmeldedienstes auf dem Flugplatz von Genf hatte zufällig an der Frequenzeinstellung seines Gerätes gedreht. Flugzeuge wurden nicht erwartet, und er hatte auf keine Funksignale aufzupassen; deshalb hielt er Ausschau nach irgend etwas im Kurzwellenbereich, womit er seine Langeweile verkürzen konnte. Plötzlich erfaßte er einen lauten Kurzwellenverkehr, der in Morsesignalen, jedoch verschlüsselt und im Amateurstil durchgegeben wurde; das erregte seine Aufmerksamkeit, denn in der Schweiz war seit dem Ausbruch des Krieges der ganze Amateurfunkbetrieb verboten, und ein Amateursender, der Fünfzahlengruppen durchgab, war ohnehin etwas Ungewöhnliches. Er notierte sich Rufzeichen und Frequenz und meldete die Sache seinem Vorgesetzten; der Bericht gelangte schließlich zur Bundespolizei und zur Armee.

Die Station wurde abgehört und bald darauf durch Peilung in Genf geortet.

Im Laufe der Untersuchungen stieß man noch auf einen anderen Sender, der auch aus der Stadt heraus arbeitete und ähnliche Merkmale aufwies. Diese Geräte gehörten natürlich »Rosa« und den Hamels. Damals stand die Schweizer Polizei unter dem Eindruck, daß es sich entweder um britische Sender oder eventuell um örtliche kommunistische Netze handele, die nach Deutschland hinein arbeiteten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß zur selben

Zeit auch mein Funkverkehr von Lausanne aus aufgenommen und überwacht wurde.

Warum die Schweizer mindestens ein Jahr lang nichts unternahmen und erst im Herbst 1943 gegen diese drei Sender vorgingen, weiß ich nicht. Es ist möglich, daß sie hofften, möglichst viele Sprüche aufzunehmen, um den Schlüssel brechen zu können; es mag auch sein, daß sie sich nicht entschließen konnten, Schritte gegen einen Funkbetrieb zu unternehmen, von dem sie glaubten, er sei für die Alliierten tätig. Jedenfalls hätten sie wahrscheinlich überhaupt nie etwas unternommen, wenn die deutsche Abwehr sie nicht aufgeklärt und Druck auf sie ausgeübt hätte.

Fahrbare Nahfeldpeiler wurden eingesetzt, aber es war nicht leicht, die genaue Lage der beiden Genfer Sender festzustellen. da sie sich in einer eng bebauten Gegend befanden (deshalb waren sie ja von uns auch gerade dort aufgebaut worden). Als die Peiler die beiden Sender auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche lokalisiert hatten, ging man zu einem anderen Verfahren über: dieses Verfahren ist ursprünglich von den Deutschen entwickelt und mit großem Erfolg zum Ausheben alliierter Sender in den besetzten Gebieten verwendet worden. Während der Zeit, in der die Sender in Betrieb waren, schaltete man Haus für Haus den elektrischen Strom ab. Wenn bei der Abschaltung des Stromes der Sender aussetzte, so konnte man sicher sein, das richtige Haus gefunden zu haben. Diese Methode wurde auch bei »Rosas« und Hamels Sendern angewandt.

Am 9. Oktober saß ich in einem Kaffeehaus beim Frühstück, als ich in der ersten Ausgabe der »Tribune de Genève« einen kleinen Artikel des Inhalts las, daß ein geheimer Kurzwellensender in Genf entdeckt und das Bedienungspersonal verhaftet worden sei. Diese Nachricht wurde aus allen späteren. Ausgaben entfernt; nur durch einen reinen Zufall fiel sie mir auf. In jener Nacht hörte ich, wie die Zentrale vergebens nach den Hamels rief, und fürchtete das Schlimmste. Am nächsten Morgen läutete mein Telephon, und ich hörte Rados Stimme am anderen Ende.

»Es wird Ihnen leid tun zu hören, daß es Eduard viel schlechter geht und der Arzt geholt worden ist. Er entschied nach Beratung, daß man nichts anderes tun könne, als ihn ins Krankenhaus zu bringen"*). Ich sagte ein paar passende, mitleidige Worte, um den Schein zu wahren, mein Geist aber arbeitete wie wahnsinnig: dies bedeutete, daß jetzt mein Sender zu dem einzigen, festen Bindeglied mit der Zentrale geworden war, höchstens noch abgesehen von »Rosas« Gerät (hier war ich etwas zu optimistisch). Rados Erregung war, obwohl sie zu dem Tenor der Unterhaltung paßte, vollkommen echt. Nachdem sich der »Arzt« um die Hamels gekümmert hatte, empfand Rado das »Krankenhaus« auch für sich selbst in unerfreulicher Nähe.

Einen Tag später rief er mich wieder an und sagte, er würde mich bei Dunkelheit in meiner Wohnung besuchen, etwas, was er früher nie getan hatte, was aber symptomatisch für seinen Erregungszustand war. Er kam und berichtete, daß nicht nur die Hamels verhaftet worden seien, sondern daß die Polizei gleichzeitig auch »Rosas« Wohnung durchsucht und sie ebenfalls verhaftet habe. Hamel sei in flagranti erwischt worden, als er gerade seinen Sender bediente; »Rosa« sei ebenfalls auf frischer Tat ertappt worden, aber in einem etwas anderen Sinne, denn man habe sie im Bett mit Peters, dem deutschen Abwehragenten, angetroffen. Eine für die deutsche Abwehr etwas peinliche Komplikation war die, daß Peters als Komplice ebenfalls verhaftet worden war.

Wir haben nie begriffen, warum die Schweizer, nachdem sie so lange untätig gewesen waren, schließlich derartig überstürzt handelten. Sie hatten die verschiedenen Gebäude vorher nicht unter Beobachtung gehalten; hätten sie es getan, so wäre es ein leichtes gewesen, die ganze Gruppe einschließlich Rados festzunehmen.

So wie die Dinge lagen, kam Rado mit knapper Not davon, denn er erschien ein paar Stunden nach der Verhaftung bei Hamel, als die Polizei noch mit der Durchsuchung der Wohnung beschäftigt war. Glücklicherweise sah er zufällig noch die Uhr, die Hamel in seinem Schaufenster hängen hatte; die Zeiger standen auf Gefahr. Es war abgemacht gewesen, daß die Zeiger der Uhr auf zwölf stehen sollten, wenn die Luft rein war. Während der Sendezeiten oder bei drohender Gefahr wurden die Zeiger auf eine andere Zeit gestellt. Da Hamel gerade beim Senden verhaftet worden war, stand das Signal auf Gefahr, und Rado wurde gewarnt, bevor er anklopfen und der Polizei in die Hände fallen konnte.

Dies alles wurde der Zentrale über meinen Sender durchgegeben, der jetzt unser einziges Bindeglied zur Zentrale war. Der Direktor drückte seine Besorgnis aus, erklärte aber, »Lucys« Informationen seien so wichtig, daß wir die Arbeit trotz der Verhaftungen fortzusetzen hätten; ferner befahl er Rado und

*) Das bedeutet: Die Polizei hat »Eduard« (Hamel) ergriffen und im Gefängnis inhaftiert. mir, unter allen Umständen, eventuell mit Hilfe der KP, neue Funker zu werben und neue Geräte zu bauen.

Rado war schier außer sich vor Sorgen und Angst, denn er hatte praktisch alle üblichen Sicherheitsvorkehrungen verletzt. Aus Angst, er könne verfolgt werden, hatte er schon einige Zeit vorher alle seine Unterlagen bei Hamel deponiert, der in seiner Wohnung ein sicheres Versteck eingebaut hatte. Diese Unterlagen enthielten nicht nur alle finanziellen Details unseres Netzes. sondern auch Durchschläge der Sprüche, die abgesetzt worden waren, teilweise sogar mit angeheftetem Schlüsseltext.

Und als ob das noch nicht genug sei, war er auch so töricht gewesen, eine Abschrift seines Schlüsselbuches dort zu lassen, das mit allem anderen Material der Polizei in die Hände fiel. Er befürchtete nicht ohne Grund, daß sein Schlüssel bloßgestellt sei, und daß die Schweizer auf Grund des erbeuteten Materials in der Lage seien, alle seine früheren Sprüche, die sie durch das Abhören der Sender aufgenommen hatten, zu lesen. Daraus ergab sich, daß nicht nur ich persönlich das einzige physische Bindeglied mit der Zentrale darstellte, sondern daß auch mein Schlüssel der einzige war, der noch gebraucht werden konnte.

Der Fischzug der Polizei war aber noch ergiebiger gewesen. Unter den Sprüchen, die sie entdeckte, befand sich einer, der Einzelheiten über ein neues Schweizer Oerlikon-Geschütz enthielt, das noch geheimgehalten wurde. Aus dem Spruchmaterial konnten die Schweizer nach eingehender Prüfung feststellen, daß die Quelle für einen großen Teil der militärischen Nachrichten niemand anders sein konnte als ihr eigener militärischer Auswerter »Lucy«. So war Rado nicht nur auch der Spionage gegen Schweizer Interessen schuldig, was die Bundespolizei dazu veranlassen würde, den Dingen doppelt genau auf den Grund zu gehen, sondern seine unqualifizierbare Handlungsweise hatte zudem noch unsere wertvollste Quelle in Gefahr gebracht.

Ein paar Tage später berichtete Rado, daß es der Genfer KP gelungen sei, mit Hamels und »Rosa« durch die Mitwirkung eines Gefängniswärters, der ein geheimes Mitglied der Partei war, in Verbindung zu treten. Hamel ließ uns wissen, daß man ihm eine Photographie von mir gezeigt und ihm gesagt habe, das Bild - es stammte natürlich von »Lorenz« - stelle den Führer des ganzen Netzes dar. Die Schweizer wußten damals anscheinend noch nichts von Rados Existenz.

Rado war nach Bern gefahren und dort untergetaucht; bald aber faßte er sich ein Herz, kam zurück und lebte wieder in seiner

Wohnung. Er stellte jedoch fest, daß man ihn beobachete, jedenfalls kam es ihm so vor, und so tauchte er erneut in der Wohnung eines Genfer Ehepaares unter, das mit der Partei sympathisierte.

Das alles wurde der Zentrale gemeldet, die mich beauftragte, die Führung der ganzen Gruppe zu übernehmen; der Direktor sagte, er habe Rado den Befehl erteilt, mich in Berührung mit seinen Hauptverbindungsleuten zu bringen.

Obwohl Rado seinen Schlüssel jetzt nicht mehr verwendete, setzte die Zentrale noch ab und zu mit diesem Code verschlüsselte Sprüche an ihn ab Sie hielt ihre Schlüssel für unlösbar, es sei denn, daß die Schlüsselunterlagen in falsche Hände fielen, und sie kam natürlich nicht auf den Gedanken, daß Rado so töricht gewesen sein könnte, die gesamten Unterlagen den Schweizern wie auf einem Tablett zu überreichen.

Rado hatte die Idee, es sei für das Netz und ihn selbst das beste, wenn er Unterschlupf in der britischen Gesandtschaft suche (es gab damals keine Sowjetvertretung in der Schweiz; der nächste sowjetische Regierungsvertreter befand sich in Ankara bzw. London). Sobald er erst einmal innerhalb des abgegrenzten Bereichs diplomatischer Immunität in Sicherheit sei, könne das Netz ruhig weiterarbeiten, nur mit dem einen Unterschied, daß man die Briten in die ganze Sache werde einweihen müssen.

Ein Mittelsmann trat an die Gesandtschaft heran, worauf Rado die Antwort erhielt, daß die Briten bereit seien, ihn im Notfall aufzunehmen. Rado mußte sich jetzt nur noch mit der Zentraie auseinandersetzen. Ich gab deshalb Rados Vorschlag nach Moskau durch und bat, die Zentrale möge ihm gestatten, bei den Briten um Asyl zu bitten. Schon beinahe bei der nächsten Funkverkehrszeit erhielt ich aus Moskau ein höchst nachdrückliches »Nein«; die Zentrale fügte hinzu, sie könne nicht verstehen, daß ein alter Mitarbeiter wie Rado überhaupt daran denken könne, einen solchen Vorschlag zu machen, da »die Briten seinen Verbindungslinien nachgehen und sie für ihre eigenen Zwecke verwenden würden«.

Diese Einstellung zur interalliierten Zusammenarbeit erschütterte Rado, doch sie widersprach in keiner Weise der Haltung, die von der Zentrale bei früheren Gelegenheiten bewiesen worden war. Im Jahre 1942 hatte Rado einmal gewisse Dokumente und Pläne in der Hand gehabt, die sowohl für die

Briten als auch für die Sowjets von großem Wert gewesen wären; das Material war aber so umfangreich, daß wir es auf dem Funkwege nicht hatten durchgeben können. Er hatte deshalb vorgeschlagen, daß das Material den Alliierten übergeben werde - natürlich durch einen geeigneten, zuverlässigen Mittelsmann. Die Zentrale reagierte prompt: Rado erhielt Anweisung, das Informationsmaterial sofort zu verbrennen. Vom Standpunkt des Direktors aus war es dasselbe, ob die Nachrichten in deutsche oder britische Hände fielen. Die Nachrichten gehörten den Sowjets, und wenn sie nicht an die Zentrale weitergeleitet werden konnten, so gehörten sie in den Papierkorb, mochten sie für die Verbündeten der Sowjets auch noch so wertvoll sein. Doch dies nebenbei.

Von den Hamels erhielt ich neue Nachrichten durch den kommunistisch eingestellten Gefängniswärter. Hamel hatte von seinen Vernehmern erfahren, daß mein Sender in Lausanne entdeckt und daß ein technisches Detachement des Heeres entsandt worden sei, ihn aufzuspüren.

Ich verständigte die Zentrale, erhielt aber die Weisung, »Lucys« Nachrichten seien von so lebenswichtiger Bedeutung, daß ich ohne Rücksicht auf das Risiko die Durchgabe auf dem Funkwege fortsetzen solle. Solange keine weiteren Sender zur Verfügung stünden und ich noch keine Möglichkeit zum Wohnungswechsel hätte, sollte ich keine Meldungen außer den von »Lucy« stammenden weitergeben.

Damals traf ich Rado zweimal in der Woche, wenn es sich irgendwie bewerkstelligen ließ und mit seinem Sicherheitsbedürfnis und meinen übrigen Verbindlichkeiten vereinbar war. Diese Treffs hatten für Rado nur den Zweck, »Lucys« Material und sonstige Meldungen, die er über den Wiederaufbau des Netzes abzugeben hatte, weiterzuleiten. Bei unseren Treffs paßten wir genau auf, ob uns jemand folgte, und das machte sich bezahlt.

Einmal gegen Ende Oktober hatten wir vereinbart, uns am Eingang zum Parc des Eaux Vives in Genf zu treffen. Rado kam im Taxi und betrat den Park. Ich beobachtete, daß der Taxifahrer, als er kaum sein Geld bekommen hatte, weiterfuhr und kurz darauf bei einem Telephonhäuschen hielt. Wir beschlossen sofort, so bedeutungslos der Vorfall auch sein mochte, lieber ganz sicher zu gehen und den Park unverzüglich durch zwei verschiedene Tore zu verlassen.

Wir hatten uns gerade noch zur rechten Zeit entfernt. Ich erfuhr später, daß die Polizei eine Photographie von Rado unter alle Taxichauffeure von Genf verteilt hatte. Der betreffende Chauffeur hatte seinen Fahrgast erkannt und das Polizeipräsidium angerufen. Ein dringender Alarm war an die verschiedenen Streifenwagen der Polizei ergangen, und sie besetzten alle Ausgänge des Parks. Sie kamen aber zu spät, denn Rado und ich waren schon fort, nachdem wir uns noch zu einem anderen, ungestörteren Treff verabredet hatten.

Dieser kleine Zwischenfall setzte den Schlußpunkt hinter Rados Befürchtungen. Von dieser Zeit an war er nicht mehr aus seinem Mauseloch bei der KP-Ortsgruppe hervorzulocken. Er blieb untergetaucht, bis er ein Jahr später das Land verließ, und nahm an der weiteren Tätigkeit des Netzes keinen Anteil mehr.

Um das Unglück noch zu vergrößern, litt das Netz damals auch noch an Geldmangel. Rado selbst war geldlich völlig am Ende; er hatte bereits 5000 Dollar von der KP-Ortsgruppe und weitere 5000 Dollar von einem Mittelsmann geborgt. Zu jener Zeit kostete das Netz allein an Gehältern und Unkosten einige 10 000 Dollar monatlich, ganz abgesehen von Sonderprämien usw. Die Finanzlage wurde noch dadurch verschlechtert, daß der Direktor mich autorisiert hatte, 10 000 Dollar für die Durchführung eines Fluchtunternehmens der Hamels und »Rosas« aus dem Gefängnis auszugeben. Diese Summe wurde zur Bestechung des kommunistischen Gefängniswärters und seiner Kollegen benötigt. Der Direktor hielt dieses Unternehmen für sehr wichtig, da er befürchtete, daß »Rosa« als die am wenigsten Erfahrene unter den dreien bei den Vernehmungen umfallen könnte. Sie kannte mich mit Klarnamen und wußte natürlich sehr viel über Rado. Die Hamels waren nicht so wichtig, weil sie niemanden aus dem Netz mit Namen kannten; Rado und mich kannten sie nur von Angesicht.

Ich hätte mich über die finanzielle Seite der Angelegenheit jedoch nicht beunruhigen sollen, denn die Entschlußfassung wurde mir schnell aus der Hand genommen. In der Nacht vom 19. auf den 20. November stellte ich zur planmäßigen Zeit, das heißt eine halbe Stunde nach Mitternacht, die Verbindung mit Moskau her. Ich gab eine kurze Meldung durch und begann dann einen langen Spruch, den die Zentrale für mich hatte, aufzunehmen.

Dreiviertel Stunden später ertönte ein splitterndes Krachen, und mein Zimmer war voller Polizisten. Am Morgen des 20. November 1943, um 1.15 Uhr, nahmen die »Ärzte« den Fall in die Hand. Ich wurde verhaftet, die letzte Verbindung zwischen der Zentrale und der Schweiz war abgerissen.

Fortsetzung folgt

<0Kasten0> LEHRBEISPIEL EINES RUFZEICHEN-WECHSELPLANS

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LEHRBEISPIEL DER ENTTARNUNG

eines Agentensenders durch den Horchdienst in grob vereintachfer, schematischer Darstellung

(1) Horchdienst erfaßt nachts unbekannten Sender mit Rufzeichen ksu auf Frequenz 6120 kHz (Kilohertz). Ortung des Senders durch Funkfernpeilung in Moskau. Verkehrsabwicklung, Sendestärke usw. gleichen bekannten Merkmalen der Moskauer Agenten-Leitstelle. Horchdienst sucht während des Verkehrs von ksu nach Gegenstelle, die sendet, wenn ksu zum Senden auffordert, Sprüche quittiert, wenn ksu Sprüche gesendet hat usw. ksu beendet Verkehr, ohne daß Horchdienst Gegenstelle entdeckt. Horchdienstliche Erkenntnis: Neuer unbekannter Agent Moskaus hat im Ausland Tätigkeit aufgenommen. Nachtwelle der Leitstelle enttarnt (6120 kHz).

(2) Horchdienst hört ksu zu verschiedenen Nachtzeiten auf 6120 kHz, zu verschiedenen Tagzeiten auf 11540 kHz. Anhaltende Beobachtung ergibt, daß ksu wochenweise abwechselnd dienstags 23 Uhr 10, bzw. donnerstags 3 Uhr 20 auf 6120 kHz, und außerdem zu unregelmäßigen Zeiten auf 6210 kHz und 11540 kHz sendet. Horchdienstliche Erkenntnis: Hauptverkehrszeiten der Leitstelle mit dem neuen Agenten enttarnt, Tagwelle der Leitstelle enttarnt (11540 kHz). Agent selbst noch nicht gehört.

(3) Während regulären Verkehrs dienstags 23 Uhr 10 erfaßt Horchdienst erstmals Agentenfunkstelle auf 7670 kHz mit Rufzeichen trn. trn empfängt und quittiert Sprüche der Leitstelle und wird aufgefordert, seinerseits Sprüche abzusetzen, meldet daraufhin: »Ich wechsle meine Welle, warten Sie einen Augenblick«, und wird nicht wieder gehört, während Leitstelle weiter im Verkehr ist. Ortung durch Funkfernpeilung mißlingt wegen Kürze des Verkehrs von trn. Horchdienstliche Erkenntnis: Nachtwelle des Agenten trn auf 7670 kHz enttarnt. Zweite gebräuchliche Nachtwelle noch nicht enttarnt. Agenten-Standort unbekannt.

(4) Während nächsten regulären Verkehrs ruft Agenten-Funkstelle auf 7670 kHz mit iap. Kündigt wiederum Wellenwechsel an, um einen Spruch abzusetzen. Leitstelle ruft daraufhin fortgesetzt »qsa 0« (internationales Codewort für: »Ich höre Sie nicht"). Auf Welle 8630 ruft gleichzeitig Agentensender »iap iap iap - qsa?« (Hören Sie mich?). Verbindung der Linie ist unterbrochen, beide Sender brechen Anrufe ab. Sender iap wird durch Funkfernpeilung im Großraum Radom geortet. Horchdienstliche Erkenntnis: Agentensender als Träger wechselnder Rufzeichen (trn, iap) enttarnt. Zweite Verkehrswelle des Agenten enttarnt (8630 kHz). Standort des Agenten enttarnt (Großraum Radom).

(5) Am nächsten Vormittag, um 11 Uhr 20, ruft ksu auf bekannter Tagwelle 11540 kHz qsa 0. Gleichzeitig ruft auf Welle 17990 kHz neuer unbekannter Sender mit Rufzeichen nke: qsa 0. Stationen bekommen keine Verbindung. Ortung durch Funkfernpeilung ergibt: Standort des Senders nke identisch mit Standort iap. Identität von iap und nke wird auch an Hand weiterer Merkmale festgestellt. Horchdienstliche Erkenntnis: Reserve-Verkehrszeit von ksu bei vorhergegangener Unterbrechung des regelmäßigen Verkehrs enttarnt (11 Uhr 20). Tagwelle des Agenten enttarnt (17990). Weitere Elemente des Rufzeichen-Wechselplans für den Agenten enttarnt (nke).

(6) Fortan wird ksu verschiedentlich um 11 Uhr 20 auf Tagwelle 11540 kHz und um 23 Uhr 10 auf Nachtwelle 6120 kHz gehört. Systematische Beobachtung ergibt, daß diese Anrufe immer dann gegeben werden. wenn das Tagesdatum durch drei teilbar ist. Leitstelle meldet bei ihren Anrufen fortgesetzt: qsa 0 und bekommt erst nach einer Reihe von Tagen wieder Verbindung mit dem Agenten. Horchdienstliche Erkenntnis: Außerordentlicher Verkehrszeitplan bei Störung und Verbindung enttarnt (Anruf 11 Uhr 20 und 23 Uhr 10 an Tagen, deren Datum durch drei teilbar ist).

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Mithin ist der gesamte regelmäßige Verkehr enttarnt. Bekannt sind Standort, Tagwelle und Nachtwelle der Leitstelle; Standort, Tagwelle und zwei Nachtwellen des Agenten; regelmäßige Verkehrszeiten; Reserveverkehrszeit; Notverkehrszeiten für den Fall fortgesetzter Unterbrechung des Funkverkehrs. Die praktischen Schwierigkeiten der Enttarnung sind insofern unbeschreiblich viel größer, als im modernen Agenten-Funkverkehr jede

Station über eine ganze Reihe von Wellen verfügt, zwischen denen sie fortgesetzt wechselt. Zudem treten häufig an Stelle der regelmäßigen Verkehrszeiten unregelmäßige Anrufe nach besonderer Vereinbarung, die verschlüsselt durchgegeben wird. Häufig wechselt nicht nur der Agent, sondern auch die Leitstelle täglich ihre Rufzeichen, so daß die Leitstelle nur unter Schwierigkeiten wiedererkannt wird. Die Enttarnung eines Rufzeichenplans (siehe Beispiel) erfordert eine lange erfolgreiche Beobachtung des Verkehrs.

<0Kasten0> LEHRBEISPIEL DER PEILTECHNISCHEN ENTTARNUNG EINES AGENTEN-SENDERS

in grob vereinfachter schematischer Darstellung

1. Phase: Zentrale Funküberwachungsstelle der Wehrmacht für den Ostraum in Cranz (Ostpreußen) beobachtet einen vermutlichen Agentensender im Funkverkehr. Durch den sogenannten »Kommando-Sender« werden drei feste Fernpeilstationen auf dem Funkwege angewiesen, den Agentensender zu peilen. Die Peilung ergibt die Richtung, in der - vom jeweiligen Peiler aus gesehen - der Agentensender steht. Theoretisch müßten sich die Peilrichtungen ("Peilstrahlen") sämtlicher Peiler in einem Punkt schneiden. Infolge unvermeidlicher Ungenauigkeit der Peilungen ergibt sich jedoch nicht ein genauer Punkt, sondern ein sogenanntes Peildreieck, dessen Seitenlänge in der Praxis zwischen zehn und 50 Kilometern schwankt. Im Beispiel: Auswertung des Peilergebnisses der Peiler Reval, Pulsnitz und Nikolajew ergibt: Agent im Raum südlich Warschau.

2. Phase: Motorisierte Nahfeldpeiltrupps der Funkabwehr begeben sich in den Raum des Peildreiecks südlich Warschau und nehmen Peilungen vor, sobald der Agentensender sich wieder in Funkverkehr befindet. Die Nahfeldpeiltrupps erfassen bei der Peilung nicht, wie die Fernpeiler, die sogenannte Raumwelle, die vom Sender in die lonosphäre ausgestrahlt und von dort auf die Erde reflektiert wird, sondern die von jedem Kurzwellensender gleichzeitig ausgestrahlte sogenannte Bodenwelle, die sich längs der Erdoberfläche verbreitet. Wegen der begrenzten Reichweite der Bodenwelle (etwa 15 bis 100 Kilometer, je nach Wellenlänge) sind die Nahfeldpeiler beweglich. Die Peilstrahlen der verschiedenen motorisierten Nahfeldpeiler ergeben ein neues, jedoch wesentlich kleineres Peildreieck. Im Beispiel: Ortung des Agentensenders im Gebiete Rodom.

3. Phase: Im Gebiete des durch die Nahfeldpeilungen ermittelten Peildreiecks werden, sobald der Agent wieder funkt, erneute Nahfeldpeilungen durchgeführt. Da mit einer Beobachtung der Umgebung durch Vertrauensleute des Funkagenten gerechnet werden muß, ist eine Tarnung der Peiltrupps erforderlich. Peilfunker der Funkabwehr-Organe von Militär bzw. Polizei tragen daher Zivil und benutzen Fahrzeuge, die als Pkw, Lieferwagen usw. getarnt sind. Die Verfeinerung der Nahfeldpeilung in besiedelten Räumen ist schwierig, da Hochspannungsleitungen, Eisenbahnschienen usw. das Peilergebnis beeinflussen. Die verschiedenen motorisierten Peiltrupps stehen untereinander in Funksprechverbindung und ermitteln durch mehrmalige Peilungen ein neues, genaueres Peildreieck. Beispiel: Agentensender im Ostteil der Stadt nördlich der Bahnlinie geortet.

4. Phase: Den weiteren Einsatz im Raume des zuletzt ermittelten Peildreiecks führt nur noch ein Fahrzeug durch, da trotz der Tarnung der Aufmarsch mehrere Peilfahrzeuge auf engem Raum von Spähern beobachtet werden könnte. Das Fahrzeug umkreist den ermittelten Raum und führt an verschiedenen Stellen Peilungen durch, um den Häuserblock bzw. die Straße einzukreisen, in der sich der Sender befindet. In der Praxis wird die Arbeit dadurch erschwert, daß die Agenten zum Teil mehrere Sender auf die Stadt verteilen, die sich nach einem genauen Plan von Verkehr zu Verkehr oder auch innerhalb eines Funkverkehrs beim Senden abwechseln. Infolgedessen ermittelt das Peilfahrzeug irreführende Werte und kann erst nach zahlreichen Peilungen einzelne Sender orten. Im Beispiel: Agentenstandort in einer Straße der Stadt Radom durch Nahfeldpeilung ermittelt.

5. Phase: Durch Beobachtung wird versucht, die Sendeantenne des Funkagenten zu entdecken. Bei negativem Ergebnis versucht ein als Zivilist getarnter Peilfunker mit Hilfe eines tragbaren »Suchkoffers« oder eines um den Leib geschnallten »Gürtelpeilers« das Haus zu orten, in dem gesendet wird. Beim optischen Suchsystem zeigt die Nadel eines Gerätes, das unter Umständen wie eine Armbanduhr getragen werden kann, in Richtung des Senders. Bei akustischen Systemen wird der Summton eines zum Ohr geführten Gerätes lauter, wenn sich der Peilfunker dem Sender nähert. Der Peilfunker muß besonders schnell arbeiten, da er sich durch auffällige Bewegungen im Gebiete des Senders verdächtig macht. Im Beispiel: Das Haus, in dem der Sender steht, wird geortet. Der Agent kann ausgehoben werden.

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EINE SZENE, DIE FOOTE VERSCHWEIGT

Nachdruck mit Genehmigung des Neptun-Verlages, Kreuzlingen (Schweiz)

Bei der Erwähnung »Rosas« und ihres Geliebten, des Abwehr - Agenten Hans Peters, läßt Foote eine wichtige Episode weg - aus verständlichen Gründen, denn durch eine unverzeihliche Unaufmerksamkeit trug er dazu bei, daß sein Schlüssel zum Teil gebrochen wurde und einzelne Sprüche von der deutschen Abwehr dechiffriert werden konnten. Durch seine Unachtsamkeit bekam nämlich »Rosa« einen Klartext zu sehen, der nicht für ihre Augen bestimmt war. Durch »Rosa« gelangte er an Peters, der ihn an die deutsche Funkabwehr weitergab. Die Funkabwehr fing auch die Durchgabe des verschlüsselten Spruches auf, und der Besitz zusammengehörender Klar- und Schlüsseltexte vermittelte den Entzifferern wertvolle Hinweise. W. F. Flicke, ehemals Oberstleutnant in der deutschen Funkabwehr, hat die von Foote verschwiegene Szene in seinem Tatsachen-Roman »Agenten funken nach Moskau"*) folgendermaßen beschrieben:

Seit mehr als zwei Monaten war nun Peters in Genf. Er hatte bisher gute Arbeit geleistet, die Zentrale der Organisation ermittelt, einen großen Teil der Zusammenhänge geklärt und das Meisterstück zuwege gebracht: eine enge Verbindung zur Funkerin Rosa herzustellen.

Rosa glaubte an eine reine Liebe ihres deutschen Freundes.

Der Dienstag, 16. März 1943, begann wie jeder andere Tag. Man frühstückte zusammen, sah sich die Zeitungen durch und stellte fest, daß das Wetter noch um einen Grad unfreundlicher geworden war. Peters hatte sich für diesen Tag ein besonderes Programm zurechtgelegt. Deshalb kam es ihm äußerst gelegen, daß seine Freundin heute ihren Kuriertag hatte und nach Lausanne (zu Foote, alias »Jim") reisen mußte.

Es war gegen zwei Uhr nachmittags, als Rosa am Chemin de Longeraie Nr. 2 eintraf ... Sie zog den Briefumschlag, den sie von Rado erhalten hatte, aus der Handtasche und reichte ihn zu Jim hinüber. Aber dieser beachtete ihn kaum, spielte eine Weile damit herum und legte ihn dann vor sich hin. Er war, während beide eine Tasse Tee tranken, ins Erzählen gekommen. Wenn er den Omnibus seiner Gedankenlinie bestiegen hatte, dann ging es unweigerlich zuerst nach London und von dort nach Spanien, wo er die kompliziertesten Probleme des Verpflegungsnachschubs für die Internationale Brigade ohne Fachkenntnisse, nur dank seiner untrüglichen Intuition, aus dem Stegreif zu lösen pflegte.

Rosa kannte diese Tour und ließ ihn gewähren. Jim hatte einen Bleistift in die Hand genommen und begleitete seine philosophischen Ausführungen mit geometrischen Figuren, die er auf das Kuvert zeichnete. Diese Zeichenarbeit regte sein Denken an.

So plauderte er daher, doch plötzlich war sein Faden abgerissen. Er warf den Bleistift auf den Schreibtisch, nahm das mit Zeichnungen bedeckte Kuvert, zerriß es und warf die Fetzen in den Papierkorb.

Mit aufgerissenen Augen sah Rosa zu dem Mann hinüber.

»Sie haben ja das Kuvert zerrissen, und darin ...«

Nun war die Reihe an Jim, sein Gegenüber entgeistert anzustarren. Mit jähem Ruck sprang er auf und stieß den Stuhl zurück.

»Lassen Sie das, Jim. Stellen Sie ganz vorsichtig den Papierkorb auf den Stuhl. Wir wollen die Stücke herausholen. Lassen Sie mich das machen!«

Stück für Stück holte Rosa die Fetzen aus dem Korb und legte sie auf den Tisch.

*) Neptun Verlag Kreuzlingen, 1954, 348 Seiten, 10,80 Mark. Viermal hatte Jim das Kuvert zerrissen, das ergab sechzehn Fragmente. Und da Rado das hineingelegte Blatt zweimal gefaltet hatte, waren nicht weniger als vierundsechzig Stückchen daraus geworden.

»Zuerst den Telegrammkopf!« befahl Rosa. »Damit müssen wir beginnen.«

Beide suchten in dem Häufchen herum, breiteten es auseinander.

»Hier!« rief Jim, »von We ...«

»Zeigen Sie her! Hier ist der Anschluß: ... rther. 12. März.«

Jim holte einen Bogen Papier und eine Dose Klebstoff. Beide Fragmente wurden nebeneinandergeklebt.

»Was steht jetzt darunter?« erkundigte sich Rosa, während sie ordnend die kleinen Papierschnitzel sichtete.

»Ziel deutscher Umfas ...«

»Kann nur Umfassung oder dergleichen heißen«, entschied das Mädchen. »Suchen Sie weiter!«

Stück für Stück wurde herausgeholt. Endlich hatte Jim es entdeckt: »sungsangriffe nördlich Cha ...«

»Wird wohl Charkow sein«, vermutete Rosa, und in der Tat fand sie die Fortsetzung »... rkow ist Rück ...«

So ging es weiter. Nach einer halben Stunde waren fast zwei Drittel des Telegramms rekonstruiert. Immer wieder mußte der ganze Text durchgelesen werden. Beide kannten ihn schon auswendig.

Jim war es unbehaglich zumute. Das Ganze stellte einen flagranten Bruch der Geheimhaltungsregeln dar. Rosa hatte bisher nur chiffrierte Telegramme zur Beförderung bekommen, hatte noch nie einen offenen Text gesehen. Aber in diesem Augenblick ergab sich ihre Mitwisserschaft automatisch.

Endlich war es geschafft, das ganze Telegramm rekonstruiert. Wohl zum hundertsten Mal lasen es die beiden durch ...

Mit einem Gefühl hoher Befriedigung fuhr Rosa nach Genf zurück. Nun hatte sie einen so tiefgehenden Einblick in den Inhalt der zur Absendung gelangenden Funksprüche getan, daß ein leichtes Schwindelgefühl sie zu überkommen drohte. Es war nur ein Funkspruch von vielen hunderten, die jeden Monat an die Zentrale abgingen. Aber schon dieser eine Text, der die ganze militärische Lage der Deutschen im Südteil der Ostfront offenbarte, mußte von einer geradezu unvorstellbaren Bedeutung für die russische Armeeführung sein ...

Hans Peters war noch nicht daheim, als sie in ihrer Wohnung in Genf anlangte. Als er erschien, war er sichtlich bei guter Stimmung, denn auch er hatte an diesem Tage Glück gehabt. Und nun berichtete das Mädchen in allen Einzelheiten die Erlebnisse des Tages. Voll Stolz und Genugtuung malte sie in fast dramatischer Weise die Szene bei Jim aus, schilderte das Zerreißen des Briefumschlages und das anschließende Zusammensetzspiel.

»Du bist ja geradezu ein Meisterdetektiv«, lobte Peters. »Aber dazu würde eigentlich gehören, daß du dir auch den Wortlaut des Telegramms gemerkt hättest.«

»Du wirst es kaum glauben, aber es ist so: Ich könnte den ganzen Telegrammtext haargenau wiederholen.« Rosa war bereits aufgestanden und hatte sich Papier und Bleistift geholt. Wort für Wort schrieb sie den Inhalt jener Mitteilung nieder, die heute nacht als Funkspruch durch den Äther gehen würde. Peters war hinter sie

getreten. Atemlos sah er Satz auf Satz entstehen. Sein Blick saugte sich förmlich an den Zeilen fest. Mit rasender Geschwindigkeit las er sie immer wieder durch, suchte sie sich einzuprägen.

Rosa fühlte eine stolze Genugtuung in sich. Das Lob ihres Freundes traf nicht nur sie selbst, sondern ihren ganzen Wirkungskreis.

»Großartig!«, sagte er dann, indem er sich vom Stuhle erhob und das Blatt in mehrere Stücke zerriß.

»Und nun wollen wir dieses interessante Dokument den Flammen übergeben.«

Mit wenigen Schritten stand er am Ofen und öffnete das kleine Feuerungstürchen.

»Hoppla, da hätte ich mir beinahe die Finger verbrannt. Ist mächtig heiß, das Eisen!«

Seine Hand fuhr in die Tasche und kam mit einem Schnupftuch heraus. Blitzschnell hatte er in diesem Augenblick die zusammengeknüllten Papierstücke mit ein paar alten Notizzetteln vertauscht, die er jetzt ins Feuer warf Hell flammten sie in der Glut auf und zerfielen zu Asche. Peters schloß die Ofentür und kehrte an den Tisch zurück ...

In der Zentrale der Funkabwehr herrschte eine Geschäftigkeit, wie man sie seit Kriegsbeginn noch nicht gekannt hatte. Seit Eingang des über die Funkerin Rosa ermittelten Spruchtextes besaß man die Möglichkeit, wenigstens einen Teil der Telegrammtexte zu entziffern. Der Funkspruch vom 17. März 1943, dessen Text auf so abenteuerliche Weise zur Kenntnis gelangte, war zu einem historischen Dokument geworden. Immer wieder wanderte er von Hand zu Hand. Sein Inhalt verriet den ganzen Umfang der Spionagetätigkeit der »Roten Drei":

17. 3. 1943. An Direktor. Von Werther 12. März

Ziel deutscher Umfassungsangriffe nördlich Charkow ist Rückeroberung von Belgorod. Um Charkow zu halten, müssen Deutsche Stellungen erobern, die sie vor Sommeroffensive östlich der Stadt hatten. Verschiebungen mehrerer Divisionen der 3. Pz.-Armee nach Süden setzt voraus, daß Heeresgruppe Kluge mindestens in den nächsten 15-20 Tagen in keine schweren Panzerkämpfe verwickelt wird und daß für den auf obere Dwina und auf Smolensker Raum zurückgehenden linken Flügel dieser Heeresgruppe vorerst keine kritische Lage entsteht. OKW glaubt, daß diese Voraussetzungen vorhanden sind, da Zurücknahine der 9. Armee zunächst relativ gut gelungen und für ausgiebige Zerstörung der Bahnen und Quartiere im geräumten Gebiet genügend Zeit blieb. Auch meteorologische Voraussagen längere Zeit dauernden Tauwetters wirkten auf diese Entscheidung ein. Entschluß ist sehr riskant wegen der im Raume Wjasma nachstoßenden und bei Welikie Luki stehenden russischen Armee und besonders wegen der noch immer vorhandenen Gefahr russischen Einbruchs in den Raum Brjansk und Konotop, wodurch die ganze Ostfront zerschnitten wäre. Dora

Zur selben Zeit, zu der jener bedeutungsvolle Text ermittelt werden konnte, gelang es dem zweiten deutschen Agenten in der Schweiz, einen chiffrierten Spruch in Genf zu entwenden, auf dem die nachträglich eingefügte Kenngruppe ersichtlich war ...

Auch jetzt war man nur in der Lage, einen Teil der Telegramme zu entschlüsseln. Solange man das Schlüsselbuch nicht besaß, kostete es unendliche Mühe, sich an den offenen Text heranzuarbeiten. Oft gelang es nur, Teile eines Telegrammes zu lösen. Aber zwischendurch hatte man immer wieder Glück und dechiffrierte Texte, bei deren Lektüre den Entzifferern das Blut in den Adern zu gerinnen drohte.

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