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610-MARK-JOBS »Luft zum Atmen«

aus DER SPIEGEL 43/1997

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelstages, Franz Schoser, 64, zur Ausbreitung sozialversicherungsfreier 610-Mark-Arbeitsverhältnisse

SPIEGEL: Zwischen 1992 und 1997 ist die Zahl der 610-Mark-Jobs in Deutschland von 4,4 Millionen auf 5,6 Millionen angestiegen. Werden die Unternehmen die Aushöhlung der Sozialversicherungssysteme noch weiter vorantreiben?

Schoser: Ich kann darin keine negative Entwicklung erkennen. Es zeigt sich eben, daß der ansonsten streng regulierte Arbeitsmarkt auf diese Weise atmet und sich dort Luft verschafft, wo die Flexibilität am größten ist.

SPIEGEL: SPD und Teile der Union sehen das anders. Sie wollen die 610-Mark-Jobs eindämmen.

Schoser: Das wird nur einen einzigen Effekt haben: daß besonders im Dienstleistungssektor derartige Stellen abgebaut, dafür aber keine neuen geschaffen werden. Vor allem für Hotels und Gaststätten oder den Einzelhandel sind die Lohnnebenkosten in Deutschland einfach zu hoch.

SPIEGEL: Also wird sich der Trend zu sozialversicherungsfreien Beschäftigungsverhältnissen auch in Zukunft fortsetzen?

Schoser: Nein, zumindest nicht mit der bisherigen Dynamik. Für einen großen Schub hat zweifellos die Liberalisierung der Ladenschlußzeiten gesorgt. Die meisten Einzelhändler haben keine neuen Vollzeitarbeitsplätze geschaffen, sondern Teilzeitkräfte eingestellt.

Wenn sich die Konjunktur, wie jetzt abzusehen, erholt, wird auch die Zahl der sozialversicherten Arbeitsplätze wieder steigen.

SPIEGEL: Der Vorsitzende der CDU/CSU-Arbeitnehmergruppe im Bundestag, Wolfgang Vogt, plädiert dafür, die monatliche Einkommensgrenze von 610 auf 350 Mark zu senken.

Schoser: Da soll er sie lieber gleich auf Null festsetzen. Der Vorschlag ist völlig praxisfremd. Viele der 610-Mark-Jobs lassen sich nicht auf 350-Mark-Basis umstellen. Dadurch würden keine neuen sozialversicherten Arbeitsplätze geschaffen, das fördert lediglich die Schwarzarbeit.

munsberg (bonn)
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