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SCHIFFAHRT / HERINGSFISCHEREI Lust am Matjes

aus DER SPIEGEL 20/1970

Wäre der Hering nicht so zahlreich und billig, er würde als eine größere Delikatesse geschätzt werden als Hummer und Kaviar«, ereiferte sich nach einer delikaten Fischmahlzeit, Reichsgründer Otto Fürst von Bismarck. 100 Jahre später will ein anderer Heringsliebhaber, der Porzer Bauunternehmer Wilfried Hilgert, 36, von der Bismarck-Prognose profitieren. Der an der Wasserkante unbekannte Baulöwe kaufte für 2,1 Millionen Mark die im Herbst vergangenen Jahres in Konkurs geratene Glückstädter Reringsfischerei GmbH.

Mit seiner Flotte von fünf Loggern hat Hilgert gute Aussicht, deutscher Salzherings-Monopolist zu werden. Schon in diesem Jahr ist der Porzer an der Nordseeküste der einzige Reeder, der seine Schiffe zum Matjes-Fang auslaufen läßt. Noch vor zehn Jahren hätte er mit einer Heringsarmada von 100 Schiffen konkurrieren müssen.

Ihre Flagge gestrichen hat kürzlich selbst die stärkste deutsche Logger-Gruppe, die Emder Heringsfischerei GmbH des Reeders Ekkenga. Der Fischerei-Boß ließ elf Logger an die Kette legen und vercharterte die restlichen vier Schiffe an den Cuxhavener Heringsmakler Heinz Böttcher, der das Fang-Geschäft allerdings nur noch zwölf Monate lang betreiben will.

Grund der Logger-Krise: Seit Anfang der sechziger Jahre sind die Heringsschwärme in der Nordsee immer seltener geworden. Gingen den Fischern 1960 noch 500 000 Kanties (ein Kantje-Fall 75 Kilogramm) in die Netze, so fingen sie 1969 nur noch 85 000 Kanties. Jetzt konstatierte der Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Heringsfischerelen e. V. in Bremen, Arthur Büsing: »Die Kosten haben uns überrollt, was von der Logger-Flotte noch übrig ist, wird abgewrackt.«

Liquidieren wollen die Heringsfischer auch die Deutsche Heringshandels-Gesellschaft in Bremen, über die sie bisher ihre gesamten Salzfisch-Anlandungen absetzten. Das von den Reedern 1913 gegründete Unternehmen hat seine Verkaufstätigkelt schon am 31. März eingestellt.

Von der Untergangsstimmung in den Reederei-Kontoren ließ Bauunternehmer Hilgert sich freilich wenig beeindrucken. Der Newcomer in der Hochsee-Fischerei rechnet damit, daß Heringsfreund Bismarck recht behält und der zur Delikatesse erhobene Arme-Leute-Fisch eines Tages auch hummerähnliche Preise hergibt.

Gedämpft werden solche Hoffnungen allerdings durch Hilgerts ausländische Konkurrenten. Besonders die mit 100 Loggern ausgerüstete holländische Hochsee-Flotte sorgt dafür, daß der Nachschub in die Bundesrepublik nicht abreißt. Von 19 713 Tonnen Salzhering, die in Westdeutschland 1969 verbraucht wurden, stammten fast zwei Drittel (13 084 Tonnen) aus niederländischen Importen. Gesamtmenge der nach Westdeutschland 1969 eingeführten Salzheringe: 14857 Tonnen.

Um mit den Ausländern besser konkurrieren zu können -- die Glückstädter machten zuletzt pro Schiff und Fahrt 100 000 Mark Verlust -, verordnete Hilgert seiner Reederei eine drastische Rationalisierungskur. So werden die auf See in Kantjes eingesalzenen Heringe an Land nicht mehr in 100-Kilogramm-Fässer umsortiert, sondern schon an Bord der Logger versandfertig gemacht.

Der neue Heringsboß, der an der Glückstädter Mole zum Entsetzen seiner Angestellten eigenhändig mit Listen und Rotstift hantiert, will zudem »alle unnötigen Zwischenhandelsstufen ausschalten«. Anders als bei seinen abgewirtschafteten Reederei-Kollegen soll künftig ein Großteil der Ware sofort nach der Anlandung an feste Abnehmer gehen.

Dem »Verwaltungswasserkopf« (Hilgert) in Glückstadt demonstrierte die Porzer Landratte kürzlich weitere Sparmöglichkeiten. Ein Logger-Kapitän wurde per Funk angewiesen, seinen Fang in Hamburg zu löschen, weil die Reederei für den Anmarschweg auf der Unterelbe 4000 Mark Subventionen kassieren kann. Rationalisierungs-Reserven entdeckte Hilgert selbst beim Verband Deutscher Heringsfischereien, dem er 28 000 Mark Jahresbeitrag streichen will.

Für Zahlentüfteleien konnte sich der Logger-Chef schon in seiner Jugend begeistern. Als 15jähriger -- er war gerade aus der DDR entwichen -- wollte er Hotelkönig werden. Während der Gastronomie-Lehre merkte er jedoch, daß er für eine Millionärskarriere die falsche Branche gewählt hatte.

Ein Hotelgast, »der sehr dumm war und als Makler unverschämt viel Geld verdiente« (Hilgert), zeigte dem Habenichts, wie er dennoch zum Ziel kommen konnte. Hilgert kaufte sich alle erreichbare Fachliteratur über den Immobilienhandel und begann in seiner Freizeit ein intensives Selbststudium.

Schon 1955 war der Außenseiter mit allen Maklerschlichen so vertraut, daß er mit 5000 Mark und einem alten Opel-Olympia ein eigenes Vermittlungsbüro gründen konnte. Zehn Jahre später ("Ich machte jedes Jahr über 100 Prozent Umsatzsteigerungen") gehörten ihm neben Immobilien- und Grundstücks-Verwaltungsfirmen 1200 Wohnungen und zahlreiche Geschäftslokale.

Lust zu Heringsfischzügen bekam Hilgert dann in einem Hamburger Hafen-Lokal, wo ihn Hanseaten-Makler Paul Hülquist nach einem Bodengeschäft anfrotzelte: »Eine Heringsflotte kann ich Ihnen gratis vermitteln.«

Hilgert nahm die Offerte an und warf in wenigen Wochen alle ausländischen Kaufinteressenten aus dem Rennen. Der Außenseiter erhielt vom Konkursverwalter den Zuschlag, weil die Schleswig-Holsteiner befürchteten, eine Attraktion des heimischen Fremdenverkehrs zu verlieren: die Glückstädter Matjes-Wochen. Alljährlich im Juni locken die von der Fangsaison heimkehrenden Logger zu diesem Ereignis Tausende in- und ausländischer Feinschmecker in die Spezialitätenlokale der Stadt.

Dem Porzer Bauunternehmer sind Rotstift und Matjes-Aufwertung freilich noch immer nicht genug, seine Reederei wieder auf Erfolgskurs zu bringen. In seiner Schreibtischschublade hält er weitere Flottenpläne parat. Hilgert: »Vielleicht lasse ich die Schiffe mit Feriengästen zum Angeln und Haifischfang auslaufen.«

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